Auszug aus der Einleitung:
„Deorum maxime Mercurium colunt“, schreibt Tacitus in seiner Ethnografie „De situ et moribus Germanorum“, im Folgenden „Germania“ genannt, über die Bewohner rechts des Rheines. Einen Mercurius verehrte jedoch kein einziger germanischer Stamm. Ein den Aufgaben nach mit Merkur vergleichbarer keltischer Gott wäre Wotan, und diesen hat Tacitus wohl auch gemeint. Eine solch vereinnahmende römische Interpretation von religiösen Phänomenen fremder Kulturen ist allerdings nicht nur bei Tacitus zu beobachten. Dieser selbst verwies zum Beispiel auf Gaius Iulius Caesar, der in seinen „Commentarii de bello Gallico“, im Folgenden als „Bellum Gallicum“ bezeichnet, die Bewohner links des Rheins schilderte, als Quelle seiner Aufzeichnungen sowie als „summus auctorum“ und zitierte diesen zum Teil wortwörtlich. Gerade Caesar machte von der Interpretatio Romana mannigfaltigen Gebrauch, auch in Bezug auf die den Galliern benachbarten Germanen. Beide Werke geben außerdem (bei Caesar in Auszügen) in Form einer Ethnografie Aufschluss über die Sitten, Bräuche und Kulturen von in Rom zum Großteil unbekannten Völkern, sodass Caesar mit Schilderungen über den Gallischen Krieg, etwa 150 Jahre vor Tacitus erschienen, methodisch und inhaltlich als dessen Vorgänger bezeichnet werden kann. Dies soll zum Anlass genommen werden, einen Vergleich in Caesars und Tacitus' Werken anzustellen über die jeweilige Umsetzung der ethnografischen Methode am Beispiel der Interpretatio Romana. Nach den einleitenden Betrachtungen zu Ursprung, Sinn und Zweck der Interpretatio Romana sowie deren Niederschlag in lokalen epigrafischen Quellen wird daher untersucht, inwieweit beide Autoren von der Interpretatio Romana Gebrauch gemacht haben, also fremdländische Merkmale, ganz egal ob gallisch oder germanisch, den römischen angeglichen haben, inwieweit sie auch bewusst Unterschiede der betrachteten Kulturen zu Rom ausgemacht haben und inwieweit Tacitus Caesars Ansichten über die Gallier und seine eigenen über die Germanen zu einer allumfassenden Darstellung eines nordischen Volkes vermischt hat. Neben der Untersuchung der präsentierten Fakten auf Wahrheitsgehalt werden auch Beweggründe untersucht, die beide Autoren zum Verfassen ihrer Werke angeregt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Caesars „Commentarii de bello Gallico“ als inhaltliche und methodische Quelle für Tacitus’ „De situ et moribus Germanorum“ - Hinführung zur Interpretatio Romana
2. Definition und Zweck der Interpretatio Romana
3. Epigrafische Quellen zur Interpretatio Romana: Eine Auswahl lokaler Beispiele an Bildwerken römisch interpretierter Gottheiten
4. Philologische Quellen zur Interpretatio Romana: Schilderungen der Wildheit der Barbaren durch die Interpretatio Romana bei Tacitus und Caesar
4.1 Schilderungen der Wildheit der Barbaren anhand der Beschreibung ihrer Religiosität in Caesars Gallischem Krieg als Tacitus’ Quelle
4.2 Schilderungen der Wildheit der Barbaren anhand der Beschreibung in Tacitus’ „Germania“ und Vergleich der ethnografischen Methode zu Caesar
5 Zweck der philologischen Anwendung der Interpretatio Romana. Ziele der Autoren
5.1 Zweck und Hintergedanken der Anwendung der Interpretatio Romana bei Caesar
5.2 Zweck und Hintergedanken der Anwendung der Interpretatio Romana bei Tacitus
6. Ethnografie und politisches Kalkül – Ein vergleichendes Fazit der Anwendung der Interpretatio Romana in den betrachteten Werken Caesars und Tacitus’
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die „Interpretatio Romana“ als ethnografische Methode bei Caesar und Tacitus, um deren Wirksamkeit bei der Charakterisierung fremder Völker sowie die zugrunde liegenden politischen Absichten und Interessen zu beleuchten.
- Analyse der Interpretatio Romana als Instrument römischer Ethnografie.
- Vergleich der Darstellungsmethoden von Caesar und Tacitus bezüglich gallischer und germanischer Stämme.
- Untersuchung der politischen Hintergründe und Propaganda in den Werken.
- Bewertung des Wahrheitsgehalts und der wissenschaftlichen Methodik der antiken Autoren.
- Einfluss von Quellenwahl und persönlichen Motiven auf die ethnografische Darstellung.
Auszug aus dem Buch
2. Definition und Zweck der Interpretatio Romana
Als Interpretatio Romana bezeichnet man „die Übertragung von Namen und charakteristischen Merkmalen römischer Götter auf Gottheiten anderer Völker“7, gewissermaßen eine Angleichung bis Gleichsetzung, in der Regel ohne Rücksicht auf etwaige Unterschiede, ein Über-Einen-Kamm Scheren von römischen mit wesensgleichen barbarischen Göttern. Durch die Ansicht, militärischer Erfolg sei vor allem der stark ausgeprägten Verehrung der Götter zu verdanken8, entwickelte sich in Rom die Vorstellung, man besitze einen allen Völkern überlegenen Götterhimmel. Die Verehrung der Götter besaß deshalb im römischen Reich einen hohen Stellenwert und war oberste Bürgerpflicht eines jeden rechtschaffenen Staatsbürgers9. Es herrschte eine streng zu pflegende Reichsreligion10, in der unzählige Feierlichkeiten für verschiedene Gottheiten einen umfangreichen Festkalender ergaben, der im heute hierzulande weit verbreiteten abrahamitischen Monotheismus seinesgleichen sucht11. Die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen römischen Göttern und denen der barbarischen Völker sowie die Sitte der Römer, jedwede fremde Gottheit mit einer eigenen bekannten gleichzusetzen, waren somit vielfach der Ausdruck des Versuches, unterworfene barbarische Gebiete durch rasche Umgliederung der jeweiligen Gesellschaft schnellstmöglich und zugleich nachhaltig ins eigene Staatssystem und damit auch in den eigenen religiös-gesellschaftlichen Kosmos einzugliedern.
In dieser Methode zeigt sich der recht pragmatische Umgang der Römer mit religiösen Dingen, deren Pflege und Ausübung in vielen Fällen politischen Interessen unterworfen waren. Damit diese Romanisierung möglichst reibungslos vonstatten ging und der Religionsfrieden im Reich gewährt blieb, war, solange die Pflege der Reichsreligion gewährleistet war, jedem Römer eine private Kultausübung gestattet. Vor allem den Bewohnern der neuen Provinzen und auch den dort stationierten Soldaten war die Ausprägung je nach Region und Provinz unterschiedlicher Provinzialreligionen erlaubt, die zumeist die vorhandene mit der römischen Götterwelt mischte12. Die fremden Götter besaßen nun zumeist römische Beinamen. Einige Beispiele solcher Götter werden nun zunächst anhand von regionalen epigrafischen Quellen geboten, bevor zur dezidierten Analyse der durch Interpretatio Romana geprägten ethnografischen Textstellen bei Tacitus und Caesar übergegangen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Caesars „Commentarii de bello Gallico“ als inhaltliche und methodische Quelle für Tacitus’ „De situ et moribus Germanorum“ - Hinführung zur Interpretatio Romana: Das Kapitel führt in die methodische Vorgängerrolle Caesars für Tacitus ein und skizziert das Ziel, die Umsetzung der Interpretatio Romana in beiden Werken vergleichend zu untersuchen.
2. Definition und Zweck der Interpretatio Romana: Hier wird der Begriff als römische Gleichsetzung fremder Gottheiten definiert und als pragmatisches politisches Werkzeug zur Eingliederung unterworfener Gebiete in den römischen Kosmos erläutert.
3. Epigrafische Quellen zur Interpretatio Romana: Eine Auswahl lokaler Beispiele an Bildwerken römisch interpretierter Gottheiten: Das Kapitel belegt anhand archäologischer Funde wie Altären und Inschriften (z.B. Mars Caturix, Iupiter Dolichenus), wie die Interpretatio Romana in den Provinzen praktisch angewandt wurde.
4. Philologische Quellen zur Interpretatio Romana: Schilderungen der Wildheit der Barbaren durch die Interpretatio Romana bei Tacitus und Caesar: Untersucht wird die ethnografische Darstellung der "Barbaren" bei beiden Autoren und wie diese durch die Interpretatio Romana geprägt ist, inklusive der wörtlichen Übernahme von Motiven.
5 Zweck der philologischen Anwendung der Interpretatio Romana. Ziele der Autoren: Dieses Kapitel analysiert die propagandistischen und politischen Ziele von Caesar und Tacitus, die hinter der ethnografischen Darstellung stehen.
6. Ethnografie und politisches Kalkül – Ein vergleichendes Fazit der Anwendung der Interpretatio Romana in den betrachteten Werken Caesars und Tacitus’: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Autoren die Methode persönlichen und politischen Absichten unterordneten, wobei Tacitus die Interpretatio Romana noch konsequenter als Caesar anwendete.
Schlüsselwörter
Interpretatio Romana, Tacitus, Caesar, Ethnografie, Germania, Bellum Gallicum, römische Religion, Barbarenbild, Provinzialreligion, politisches Kalkül, Identität, Volkscharakter, Kulturtransfer, Göttergleichsetzung, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die antike Methode der "Interpretatio Romana", bei der römische Autoren fremde Gottheiten mit römischen Göttern gleichsetzten, und analysiert deren Anwendung und politischen Zweck in den Schriften von Caesar und Tacitus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die römische Religionspolitik, die ethnografische Geschichtsschreibung, die Untersuchung antiker Quellen wie Bellum Gallicum und Germania sowie die kritische Hinterfragung der Objektivität antiker Berichterstattung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, welchen Sinn und Zweck die Interpretatio Romana als ethnografische Methode bei den Autoren hatte und wie diese in ihr politisches Kalkül eingebettet war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse antiker Texte, gestützt auf wissenschaftliche Sekundärliteratur zur keltischen und germanischen Religion sowie archäologische Befunde (Epigrafik).
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Begriffs, eine archäologische Bestandsaufnahme lokaler Beispiele, die philologische Untersuchung der Texte von Caesar und Tacitus sowie eine Analyse der Autorenabsichten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Interpretatio Romana, Ethnografie, Caesar, Tacitus, römische Religion, Barbarenbild, politisches Kalkül und Kulturtransfer.
Wie unterscheidet sich die Motivation von Caesar und Tacitus?
Während Caesar seine Berichte primär nutzte, um seine Feldzüge zu rechtfertigen und als notwendig darzustellen, fungierte das Werk von Tacitus eher als kritische Mahnung vor den "wilden" Germanen und als Spiegel der Dekadenz im eigenen Land.
Warum wird Caesars Darstellung als "auf schwachen Füßen" stehend bezeichnet?
Dies bezieht sich darauf, dass Caesars Schilderungen eines "gesamtgallischen Pantheons" historisch nicht haltbar sind und er Tatsachen verallgemeinerte, ohne lokale kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, was wissenschaftlichen Standards widerspricht.
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- Torsten Büchele (Author), 2012, Sinn und Zweck der Interpretatio Romana als ethnografische Methode und im politischen Kalkül Tacitus' und Caesars, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205636