[...] Diese Arbeit setzt sich daher zum Ziel, den Begriff der „Identität“ für das spätantike Reich
anzuwenden. Grundsätzlich stellt sich dabei die Frage, ob es so etwas wie eine „römische
Identität“ gegeben hat und was darunter in dem hier zu betrachtenden Zeitraum verstanden
wurde. Wenn dieser Beweis erbracht wird, stellt sich die Frage, auf welchen Ebenen
Identitätskonstituierung überhaupt möglich war und vollzogen wurde. Inwiefern schuf die
Konstruktion einer Identität für das Imperium existentielle Grundlagen, und welche
Bedeutung darf dieser Identität in einer Epoche des Wandels mit signifikanten Zäsuren
zukommen? Zu beweisen ist, ob die Konstruktion einer Identität im Zuge des
Transformationsprozesses Konsequenzen für das Fortbestehen und Überleben des Imperium
Romanum in Zeiten des Umbruchs und der „Krise“ hatte. Auf diesen Fragen aufbauend verfolgt die Arbeit folgende Struktur:
Zunächst soll der Identitätsbegriff für den Gebrauch in diesem spezifischen Kontext definiert
werden. Mithilfe dieser methodischen Grundlage soll im zweiten Kapitel der Identitätsbegriff
auf das Römische Reich angewendet werden. Es soll gezeigt werden, dass das Imperium
Romanum sich aufgrund verschiedener Transformationsprozesse zu einem Imperium
Christianum wandelte. Die Identität des neuen Imperiums konnte einerseits durch die
Selbstbestimmung und andererseits durch die Abgrenzung zum Fremden gefestigt werden.
Auf drei Dimensionen der Selbstbestimmung (III.1a. Erziehung und Bildung; b. Kaiserideologie;
c. Staatlichkeit) soll gezeigt werden, wie die christliche Lehre in die römische
Gesellschaft eindringen konnte und an der Konstruktion einer neuen Identität mitwirkte. Die
Abgrenzung zum Fremden erfolgte durch die Gegenübersetzung des „Hellenen“ und des
„Barbaren“.
Diese identitätsstiftende Ordnung sah sich in der Spätantike mehrmals existentiell bedroht.
Ein Identitätsverlust hätte zum Auseinanderfallen der imperialen Ordnung geführt. Besonders
in solchen „Krisenzeiten“ bemühte man sich radikal und konsequent um eine
Identitätssicherung (IV. 1-3). Die Transformation der ursprünglich klassisch-römischen
Identität zur christlich-römischen wurde zu Zeiten der Bedrohung beschleunigt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Zur Konstruktion von Identität – ein Definitionsansatz
III. Zur Transformation einer Identität – die Entstehung des Imperium Christianum
1. Identität – „der Römer“
a. Bildung und Erziehung
b. Kaiserideologie
c. Staatlichkeit im Imperium Christianum
2. Alterität – „der Andere“
a. Der „Hellene“
b. Der „Barbar“
IV. Drei historische Phasen der Identitätsbedrohung
1. Phase 1
2. Phase 2
3. Phase 3
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Identität des Imperium Romanum in der Spätantike durch den Wandel zum Imperium Christianum transformierte und welche Rolle dabei die Konstruktion von Identität gegenüber dem „Anderen“ in krisenhaften Zeiten spielte.
- Transformation der römischen Identität im Kontext des Christentums
- Methodische Anwendung des Modells der „bedrohten Ordnung“
- Dimensionen der Selbstbestimmung: Bildung, Kaiserideologie und Staatlichkeit
- Abgrenzung durch Alterität: Der „Hellene“ und der „Barbar“
- Identitätssicherung in krisenhaften historischen Phasen
Auszug aus dem Buch
b. Kaiserideologie
Beatissimo Augusto Gratinao et christianissimo principi Ambrosius episcopus – so wird der im Jahr 380 verfasste Brief des Bischofs von Mailand tituliert.51 Die Übernahme des Attributs christianissimus in die Kaiseranrede war ein Prozess, der wohl am einfachsten mit dem Begriff der „Christianisierung“ beschrieben werden kann. Es wurde alsbald zum Kennzeichen des römisch-byzantinischen Kaisers52 und sollte fortan dessen Handlungsoptionen bestimmen. Ambrosius selbst benutzte das Epitheton vier Jahre später als handlungspolitisches Instrument, um Valentinianus II. dazu zu bewegen, das Gesuch des Symmachus, welcher sich für die Wiederaufstellung des Victoria-Altars im Senat eingesetzt hatte, abzulehnen. Die „Entrückung“ des Kaisers zum allerchristlichsten war aufgrund eines theokratischen Herrschaftsverständnisses möglich, welches sich in der Spätantike herausgebildet hatte.53 Die Kaiser definierten sich als Beauftragte Gottes und legitimierten dadurch ihren Anspruch auf universale Herrschaft.54
Eine solche Herrschaftsauffassung, bei der die Institution des Kaisers ein religiöses Fundament bekam, stellte in der Antike kein Novum dar. Selbst christliche Autoren sahen darin keinen Widerspruch, sondern formulierten Konzepte, die dieses Verhältnis genauer bestimmen sollten. Mit der Wende in der konstantinischen Zeit entwickelte Eusebius von Caesarea als erster Gedanken, die einen Zusammenhang zwischen weltlicher Herrschaft und Christentum herstellten. Er verknüpfte traditionelle Vorstellungen vom Herrscherideal mit christlichen Tugenden55 und revidierte damit die These des Kritikers Tertullian, welcher in der vorkonstantinischen Zeit die beiden Welten noch als unvereinbar ansah.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung diskutiert das Forschungsdilemma der Spätantike zwischen Transformations- und Umbruchsthesen und führt das Modell der „bedrohten Ordnung“ ein.
II. Zur Konstruktion von Identität – ein Definitionsansatz: Dieses Kapitel erarbeitet ein systemtheoretisches Verständnis von kollektiver Identität als soziale Sinnwelt, das für ein Großreich wie das Imperium Romanum anwendbar ist.
III. Zur Transformation einer Identität – die Entstehung des Imperium Christianum: Hier wird analysiert, wie durch Bildung, Kaiserideologie und die Integration der Kirche eine neue christlich-römische Identität entstand und wie sich das Reich gegen Fremdbilder abgrenzte.
IV. Drei historische Phasen der Identitätsbedrohung: Dieses Kapitel wendet das Modell der „bedrohten Ordnung“ auf drei spezifische historische Epochen zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert an, um den dynamischen Identitätswandel zu verdeutlichen.
V. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die christliche Identität als sinnstiftende Ressource dem Imperium Romanum trotz zahlreicher Brüche und Bedrohungen ein Überleben bis in das 7. Jahrhundert ermöglichte.
Schlüsselwörter
Spätantike, Imperium Christianum, Identität, Transformation, Christentum, Kaiserideologie, Bedrohte Ordnung, Alterität, Romanitas, Sinnwelt, Liturgisierung, Konstantinische Wende, Kultur, Herrschaftslegitimation, Religion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Transformation der Identität des Römischen Reiches in der Spätantike und untersucht, wie die Etablierung des Christentums zur Neukonstruktion dieser Identität beitrug.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die religiöse Identitätsstiftung, das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Wandel sowie die Rolle von Macht und Herrschaftsideologie im spätantiken Staat.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu beweisen, dass die Konstruktion einer neuen, christlich-römischen Identität eine existenzielle Grundlage für das Überleben des Imperiums in Zeiten des Umbruchs darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt das heuristische Modell der „bedrohten Ordnung“ von Mischa Meier, um Brüche in kontinuierlichen Prozessen methodisch fassbar zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Selbstbestimmung (Bildung, Kaiser, Staat) sowie Abgrenzung (Hellenen, Barbaren) und analysiert drei spezifische Phasen der Identitätsbedrohung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Spätantike, Imperium Christianum, Identität, Romanitas und das Modell der bedrohten Ordnung.
Inwiefern spielt der „Andere“ eine Rolle für die römische Identität?
Die Abgrenzung von „Hellenen“ und „Barbaren“ diente dazu, das „römisch-sein“ positiv zu definieren und als exklusives Merkmal orthodoxer Christenheit zu festigen.
Warum wird der Begriff „Plastikwort“ in Bezug auf Identität angeführt?
Der Autor greift auf Uwe Pörksen zurück, um zu verdeutlichen, dass „Identität“ zwar inflationär gebraucht wird, aber als kollektives Phänomen im historischen Kontext eine präzise wissenschaftliche Bestimmung erfordert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2012, Das Imperium Christianum - Zur Transformation der römischen Identität in der Spätantike, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205412