Das 2000 erschienene Buch Venezia è un pesce des 1963 in Venedig geborenen Schriftstellers Tiziano Scarpa lässt sich unter den Prämissen der Konstruktion des Mythos Venedig und ihren kulturellen Bedingungen betrachten. In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie in Venezia è un pesce ein aktualisierter, den spezifischen Erfordernissen der Kulturgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts angepasster, Venedig-Mythos produziert wird.
Dazu soll zunächst einmal der verwendete Mythosbegriff anhand Roland Barthes' Modell des Mythos als sekundärem semiotischen System geklärt werden, bevor ein allgemeines Bild des Venedig-Mythos im 21. Jahrhundert skizziert wird. Da die Beschäftigung mit Venedig einen geographischen Blickwinkel voraussetzt, ist es hilfreich, das Konzept des Mythos räumlich zu kontextualisieren. Dies soll in dem Versuch geschehen, Henri Lefebvres Theorie der Produktion des Raumes mit Barthes` Mythosbegriff zusammenzuführen und das entstandene Konzept eines mythischen Raumes auf Venedig anzuwenden. In einem weiteren Schritt soll dann Venezia è un pesce unter Zuhilfenahme der bis dahin entwickelten Instrumente auf einen aktualisierten mythischen Raum Venedig untersucht werden. Schließlich soll im Schlussteil versucht werden, die gewonnenen Erkenntnisse innerhalb des zeit- und kulturgeschichtlichen Kontextes zu verorten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. MYTHOS VENEDIG
2.1. MYTHOSBEGRIFF NACH ROLAND BARTHES
2.2. VENEDIG-MYTHOS IM 21. JAHRHUNDERT
3. VENEDIG ALS MYTHISCHER RAUM
3.1. BEGRIFF DES MYTHISCHEN RAUMES
3.2. RAUMASPEKTE DES VENEDIG-MYTHOS
4. AKTUALISIERUNG DES MYTHISCHEN RAUMS VENEDIG IN TIZIANO SCARPAS VENEZIA È UN PESCE
4.1. SUBJEKTKÖRPER UND RAUM
4.2. AKTUALISIERUNG/VERLAGERUNG DES MYTHOS
5. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie in Tiziano Scarpas Werk Venezia è un pesce ein aktualisierter, den Anforderungen der modernen Kulturgesellschaft angepasster Venedig-Mythos produziert wird. Dabei wird hinterfragt, inwiefern der Autor durch die Einbeziehung des Körpers und die Dekonstruktion tradierten Bildmaterials eine neue, als authentisch wahrgenommene Form des touristischen Raumkonsums schafft.
- Analyse des Mythosbegriffs nach Roland Barthes im Kontext der Stadt Venedig.
- Theoretische Fundierung des mythischen Raums durch Henri Lefebvres Theorie der Raumproduktion.
- Kontrastierung des klassischen Venedig-Mythos mit den physisch-körperlichen Erfahrungen bei Scarpa.
- Untersuchung der Wechselwirkung zwischen touristischer Raumproduktion und postmoderner Suche nach Authentizität.
Auszug aus dem Buch
4.1.Subjektkörper und Raum
Bereits Kant stellte Endes des 18. Jahrhunderts fest, dass die Erfahrbarkeit des Raumes stets an das wahrnehmende Subjekt zurückzubinden ist. Auf diese Weise werden Subjekt, Wahrnehmung und Raum zu voneinander abhängigen Variablen. Das Vorwort stellt die Wirkung des Raumes auf den Körper heraus: „Ti descrivo che cosa succede al tuo corpo a Venezia“. Das ist ein ähnlicher Ansatz, wie ihn der Situationist Ralph Rumney 1957 mit seiner psychogeographischen Karte Venedigs verfolgt, in der er das sich stets verändernde Verhalten eines Touristen beim Stadtspaziergang fotografisch dokumentiert. Doch Scarpa überlässt der Stadt die Beeinflussung des Menschen nicht alleine. Er gibt Handlungsanweisungen, wie man Venedig mit allen Sinnen erfahren kann.
So lädt er ein zur Raumwahrnehmung mittels des Tastsinns: „Accarezzi gatti affettuosi. Tie viene la tentazione di saggiare la consistenza delle funi dei vaporetti […]. Ti aggrappi agli avambracci dei gondolieri […]. Fai scorrere le dita sugli scalmi delle gondole, […] le fórcole.“ („Streichle verschmuste Katzen. Vielleicht möchtest du wissen, wie sich die Taue der Vaporetti anfühlen […]. Halte dich an den Unterarmen der Gondolieri fest […]. Laß die Finger über die fórcole, die Rudergabeln der Gondeln, gleiten“). Direkt danach vergleicht er Umberto Boccionis Statue Die Urform der Bewegung im Raum mit ebenjener fórcola. An dieser Stelle wird die Aufmerksamkeit auf einen Widerspruch gelenkt. Es ist dies im Vergleich der haptisch erfahrbaren fórcola mit Boccionis Statue, die ja, obwohl gerade die Kunstform der Skulptur im Vergleich etwa zur Malerei dies erlauben, ja sogar erfordern müsste, als Ausstellungsobjekt eben normalerweise nicht berührt werden darf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Problemstellung des Venedig-Mythos und Darstellung der Zielsetzung der Untersuchung anhand von Scarpas Werk.
2. MYTHOS VENEDIG: Theoretische Klärung des Mythosbegriffs nach Roland Barthes und Analyse des Wandels des Venedig-Mythos im 21. Jahrhundert.
3. VENEDIG ALS MYTHISCHER RAUM: Theoretische Konzeptionierung des "mythischen Raumes" unter Rückgriff auf Henri Lefebvres Theorie der Raumproduktion.
4. AKTUALISIERUNG DES MYTHISCHEN RAUMS VENEDIG IN TIZIANO SCARPAS VENEZIA È UN PESCE: Untersuchung, wie Scarpa durch körperliche Erfahrung und Dekonstruktion des touristischen Blickes den Mythos Venedig aktualisiert.
5. SCHLUSS: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung der Aktualisierung des Mythos in den Kontext der Postmoderne.
Schlüsselwörter
Venedig, Mythos, Tiziano Scarpa, Roland Barthes, Henri Lefebvre, Raumproduktion, Körper, Authentizität, Tourismus, Psychogeographie, Reisebericht, Postmoderne, Stadtbeschreibung, Raumwahrnehmung, Repräsentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die moderne Inszenierung Venedigs als mythischen Raum im Buch "Venezia è un pesce" von Tiziano Scarpa.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft literaturwissenschaftliche Mythenforschung mit Raumtheorien, um den Tourismus und die Wahrnehmung der Stadt zu untersuchen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Es soll geklärt werden, wie Scarpa einen an die Kulturgesellschaft des 21. Jahrhunderts angepassten Venedig-Mythos produziert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung nutzt das semiotische Modell von Roland Barthes und die Theorie der Raumproduktion von Henri Lefebvre zur Analyse des literarischen Textes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des mythischen Raums und die konkrete textanalytische Untersuchung von Scarpas Werk.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Mythisierung, Raumproduktion, Authentizität, Körpererfahrung und die Dekonstruktion touristischer Klischees.
Warum spielt der menschliche Körper in Scarpas Reiseführer eine so zentrale Rolle?
Der Körper dient als Medium, um die Stadt jenseits der rein visuellen, touristischen Oberfläche haptisch und physisch erfahrbar zu machen.
Wie verändert Scarpa den tradierten Mythos der "Serenissima"?
Er verlagert den Fokus vom bloßen "Betrachten" hin zum "Leben" in der Stadt und entlarvt das "authentische" Venedig als eine neue, moderne Form der Mythisierung.
- Arbeit zitieren
- Jan Buck (Autor:in), 2010, Aktualisierung des mythischen Raums Venedig in Tiziano Scarpas "Venezia è un pesce", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205103