“True! – nervous – very, very dreadfully nervous I had been and am; but why will you say that I am mad?” Mit diesen Worten lässt Edgar Allan Poe den Erzähler seiner berühmten short story „The Tell-Tale Heart” beginnen und fokussiert den Leser dadurch von Anfang an auf das Hauptthema dieser Geschichte: den Geisteszustand des Erzählers – oder besser gesagt: seine Geistesgestörtheit. Obwohl der Erzähler bis zum Ende durchweg versucht, den Leser davon zu überzeugen, dass er nicht verrückt ist, indem er aufzeigt, wie ruhig, wohl bedacht und logisch er vorgeht („You should have seen how wisely I proceeded – with what caution – with what foresight – with what dissimulation I went to work!“ „And have I not told you that what you mistake for madness is but over-acuteness of the senses?“ „If still you think me mad, you will think so no longer when I describe the wise precautions I took fort he concealment of the body.“ ), erreicht er damit nur das Gegenteil. Aber nicht nur durch seine Äußerungen, auch durch die Art, wie er erzählt, agiert und auf bestimme Dinge reagiert, überzeugt der Erzähler den Leser ungewollt nach und nach davon, dass er doch wahnsinnig, verrückt ist. Die zwei Hauptindizien hierfür sind der Konflikt zwischen der realen Welt und der Fantasiewelt des Erzählers und sein Verhalten bezüglich des für ihn so bedeutsamen blaublassen Auges des alten Mannes.
Nachdem festgestellt wurde, dass der Erzähler wahnsinnig ist, stellt sich die Frage, welche Funktionen seine Verrücktheit bezüglich der Geschichte erfüllt. Die Differenzierung zwischen der Fantasie des Erzählers und der Realität ist hier besonders wichtig, sowie der Aufbau von Spannung und letztendlich die Erzeugung von Horror – aufgrund dessen „The Tell-Tale Heart“ heute zu den Klassikern der Horrorliteratur zählt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Evokation des Wahnsinns – Ist der Erzähler verrückt?
2.1. Der Konflikt zwischen der Realität des Erzählers und der Wirklichkeit
2.2. Die Rhetorik des Erzählers
2.3. Das blassblaue Auge
2.3.1. Das Auge als Trigger
2.3.2. Die Identifikation des Erzählers mit dem Auge
3. Die Funktion des Wahnsinns
3.1. Die Unterscheidung von Fantasie und Realität
3.2. Der Aufbau von Spannung
3.2.1. Die Rhetorik
3.2.2. Die Zeit
3.3. Der Horroreffekt
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Geisteszustand des Erzählers in Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Tell-Tale Heart“ und analysiert, welche narrativen und psychologischen Funktionen sein Wahnsinn für die Wirkung der Geschichte und das Textverständnis erfüllt.
- Analyse des psychologischen Zustands des Ich-Erzählers
- Die Rolle des „bösen Auges“ als zentrales Motiv und Auslöser
- Untersuchung der rhetorischen Stilmittel zur Erzeugung von Spannung
- Die Funktion des Wahnsinns für die Differenzierung von Realität und Fantasie
- Der Horroreffekt durch die unzuverlässige Perspektive eines psychisch Kranken
Auszug aus dem Buch
2.1. Der Konflikt zwischen der Realität des Erzählers und der Wirklichkeit
Auffällig ist gleich zu Anfang, dass sich der Erzähler übermenschliches Hörvermögen zuschreibt: „I heard all things in the heaven and in the earth. I heard many things in hell.“9 Er bezeichnet dies als „over-acuteness of the senses“10 Aufgrund dieser Gabe könnte man glauben, dass er auch das Herz des alten Mannes schlagen hört „I knew that sound well, too. It was the beating of the old man’s heart.“11. Allerdings hat der Erzähler Angst, dass die Nachbarn durch diesen ‚Lärm’ aufmerksam gemacht werden könnten „[…] the sound would be heard by a neighbour!“12 und auch am Ende ist es für ihn nicht nachvollziehbar, dass die Polizisten das Schlagen des Herzens unter den Dielen nicht hören und daraus folgt für ihn, dass sie sich über ihn lustig machen und an seinem Horror erfreuen13. Eine logische Erklärung hierfür könnte sein, dass er „the ticking sound of the “death watch“ beetles [in the wall]“14 hört und missdeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Wahnsinns in „The Tell-Tale Heart“ und Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Funktion der Geistesgestörtheit des Erzählers.
2. Die Evokation des Wahnsinns – Ist der Erzähler verrückt?: Untersuchung der Indizien für den Wahnsinn des Erzählers, insbesondere durch seine Rhetorik, seine Fantasien und die Fixierung auf das Auge des alten Mannes.
3. Die Funktion des Wahnsinns: Analyse der narrativen Wirkungsweise des Wahnsinns, wie er zur Spannungserzeugung beiträgt, die Wahrnehmung des Lesers beeinflusst und als Werkzeug für das Horrorgenre dient.
4. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse, die den Wahnsinn des Erzählers als zentrales, wirkungsästhetisches Element der Erzählung bestätigen.
Schlüsselwörter
Edgar Allan Poe, The Tell-Tale Heart, Wahnsinn, Horrorliteratur, Ich-Erzähler, Unzuverlässigkeit, Spannungserzeugung, Rhetorik, Geisteskrankheit, Literaturanalyse, Mordmotiv, Angst, Fantasie, Realität, Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Kurzgeschichte „The Tell-Tale Heart“ von Edgar Allan Poe und untersucht, inwiefern der Erzähler als psychisch gestört einzustufen ist und welche erzähltechnische Funktion dieser Zustand für das Werk hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der psychologischen Profilierung des Erzählers, der Symbolik des „bösen Auges“, der rhetorischen Gestaltung des Wahnsinns sowie dem Spannungsaufbau innerhalb der Horrorgeschichte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es zu belegen, dass der Erzähler unzweifelhaft verrückt ist, und zu ergründen, warum Poe einen solchen Mörder wählte, um Spannung und Horror beim Leser zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch den Einbezug von Sekundärliteratur zu Poe und dem Genre der Horrorliteratur gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Bereiche: Zuerst wird der Nachweis des Wahnsinns erbracht (Konflikt Realität/Fantasie, Rhetorik, Bedeutung des Auges), danach wird die funktionale Ebene (Spannung, Differenzierung Realität/Fantasie, Horroreffekt) analysiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Wahnsinn, Unzuverlässiges Erzählen, Poe, Horror, Spannung und Identifikation definieren.
Warum spielt das „blassblaue Auge“ eine so entscheidende Rolle?
Das Auge dient als psychologischer Trigger für den Erzähler und fungiert als alleiniges Mordmotiv, da es die Wahnvorstellung des Erzählers von Beobachtung und Bedrohung verkörpert.
Wie verändert das Wissen um den Wahnsinn des Erzählers die Lektüre?
Das Wissen um den Wahnsinn ermöglicht es dem Leser, die Ereignisse der Geschichte kritisch zu hinterfragen und zwischen subjektiver Fantasiewelt des Erzählers und der tatsächlichen Handlung zu unterscheiden.
- Arbeit zitieren
- Sandra Bollenbacher (Autor:in), 2007, Die Evokation und Funktion des Wahnsinns in Edgar Allan Poes "The Tell-Tale Heart", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/204948