Literaturcomics, wie Bilderzählungen genannt werden, die sich auf eine literarische Vorlage beziehen, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Dabei reicht die Bandbreite von Comics, die ein literarisches Werk sehr genau nacherzählen bis zu Comics, die nur auf solche anspielen. Die Frage, wie stark sich ein Comic auf seine literarische(n) Grundlagetext(e) bezieht, wirft gleichzeitig auch die Frage auf, in welchem Dienst der Comic steht. Soll er dazu dienen, den Lesern den Originaltext näher zu bringen oder handelt es sich um eine kreative Interpretation des Ausgangsstoffes, die möglicherweise parodistische Züge trägt und so mit dem Vorwissen des Lesers spielt?
Adaption oder Interpretation der Vorlage – diese Frage stellt sich auch hinsichtlich der Graphic Novel von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht, die sich, wie der Titel bereits verrät, auf E.T.A. Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi bezieht. ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Begriffsdefinitionen: Adaption und Interpretation
2.2 Interpretationsansätze zur Novelle Das Fräulein von Scuderi
3. Analyse der Graphic Novel
3.1 Stilistische Gestaltung und mediale Umsetzung
3.2 Einsatz moderner Elemente und intertextuelle Bezüge
3.3 Text- und Bildebenen im Comic
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Graphic Novel von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht zu E.T.A. Hoffmanns Klassiker Das Fräulein von Scuderi mit dem Ziel, den Status des Werks als Adaption oder Interpretation zu bestimmen und dessen Funktion für den Rezipienten zu analysieren.
- Differenzierung zwischen Adaption und Interpretation im Kontext von Literaturcomics
- Analyse der grafischen Gestaltung und der modernen Elemente als potenzielle Deutungsebene
- Untersuchung der Auslassungen gegenüber der literarischen Vorlage und deren Auswirkungen
- Evaluation der didaktischen Eignung und der parodistischen Züge des Comics
Auszug aus dem Buch
Analyse der grafischen Gestaltung und der modernen Elemente
Was beim Betrachten des Comics sofort ins Auge fällt, ist der Stil des Autorengespanns. Der Originaltext wurde auffällig modern verbildlicht. Die gewählten Farben sind grell, bunt und leuchtend; haben Eigenwert, aber keine narrative Funktion. An Stellen, an denen der Text die Farben vorgibt, hält sich der Comic an die gemachten Vorgaben – zeigt beispielsweise eine nächtliche Gasse oder die Scuderi in schwarz. Collagenartig sind über die flächig gefärbten, teilweise gemusterten Hintergründe die Gliederpuppen aus Pappe gelegt. Dieses an die Legetrick-Animation angelehnte Verfahren lässt die Figuren steif wirken und verleiht dem ganzen Comic eine eigenwillige Ästhetik. An der Figur des Cardillac wird gezeigt, dass es sich nicht um gezeichnete Figuren, sondern um ausgeschnittene und zusammengesetzte Körperteile handelt: Nachdem das Fräulein von Scuderi den Schmuck seinem Macher gezeigt hat, ist dieser im inneren Konflikt darüber, ob er den Schmuck zurücknehmen soll oder nicht. Im Comic wird Cardillac in diesem Moment nur teilweise gezeichnet. Arme, Beine, Ober- und Unterkörper sind als ausgeschnittene Pappstücke, die nur übereinandergelegt wurden, erkennbar.
Ist dies nun ein erkennbarer Ansatz einer Interpretation vom Schmuckmacher als „Wolf im Schafspelz“? Spiegelt die Offenlegung des Gestaltungsverfahrens des Comics die Offenlegung des wahren Cardillacs wieder? Zeigen die Pappteile das wahre Innere und geben einen Hinweis die Abgründe der Seele des Schmuckmachers? Da sich keine eindeutigen Beweise für diese Hypothese finden lassen, scheint es wahrscheinlicher, dass es zufällig die Figur des Cardillac traf. Angesichts der verschiedenen Interpretationsansätze zur Novelle Das Fräulein von Scuderi fällt auf, dass in der Bildebene nicht erkennbar ist, dass es sich beim Goldschmied um einen Bürger mit einem dunklen Geheimnis handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik von Literaturcomics ein und stellt die Forschungsfrage, ob das vorliegende Werk als bloße Adaption oder als kreative Interpretation des Klassikers zu verstehen ist.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Adaption und Interpretation und erläutert die gängigen literaturwissenschaftlichen Deutungsmuster der Novelle, wie das Nachtstück oder die Künstlergeschichte.
3. Analyse der Graphic Novel: Der Hauptteil untersucht kritisch die visuelle Gestaltung, die Integration moderner Elemente und die Art und Weise, wie Text und Bild zusammenwirken, um die Novelle zu transformieren.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass es sich eher um eine gelungene Adaption als um eine Interpretation handelt, die sich besonders für die schulische Arbeit eignet, da sie zur Lektüre des Originals motiviert.
Schlüsselwörter
Literaturcomics, Adaption, Interpretation, Graphic Novel, E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi, Kriminalnovelle, Künstlergeschichte, Medienwechsel, Bildsprache, Intertextualität, Didaktik, Bilderrätsel, Parodie, Klassiker.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, inwiefern die Graphic-Novel-Adaption von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht den literarischen Text von E.T.A. Hoffmann inhaltlich neu interpretiert oder lediglich in ein visuelles Medium übersetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Thematisiert werden die Unterschiede zwischen literarischen Adaptionen und kreativen Interpretationen, die Ästhetik des Comics sowie die didaktische Vermittlung klassischer Literatur.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob die Graphic Novel eine eigenständige Interpretation des Klassikers darstellt oder ob sie lediglich als Adaption fungiert, die den Originaltext ergänzt, ohne ihn inhaltlich neu zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Analyse zwischen der grafischen Umsetzung und den literaturwissenschaftlichen Interpretationsansätzen der Novelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die stilistische Gestaltung, die Verwendung von Farben und modernisierten Elementen sowie auf die Analyse, inwieweit die Psyche der Charaktere bildlich dargestellt oder ausgelassen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Adaption, Interpretation, Literaturcomics, Intertextualität und das Werk Das Fräulein von Scuderi.
Warum wird die Graphic Novel als Adaption und nicht als Interpretation eingestuft?
Die Autorin argumentiert, dass wesentliche tiefenpsychologische Aspekte der Novelle in der Graphic Novel fehlen und die Bilder primär den Text duplizieren, statt eine eigenständige, interpretatorische Bedeutungsebene zu eröffnen.
Welche Rolle spielen die "modernen Elemente" im Comic?
Sie dienen laut der Arbeit weniger der inhaltlichen Modernisierung, sondern fungieren als intertextuelle "Spuren" oder Bilderrätsel, die den Rezipienten detektivisch fordern und zur Beschäftigung mit dem Original anregen.
Warum eignet sich das Werk laut Fazit besonders für SchülerInnen?
Durch die Kombination aus einer sehr nah am Original bleibenden Adaption und motivierenden, modernen Gestaltungselementen wird die Schwelle zum Lesen klassischer Literatur für Jugendliche gesenkt.
- Arbeit zitieren
- Susann Dannhauer (Autor:in), 2012, Alexandra Kardinars und Volker Schlechts Graphic Novel "Das Fräulein von Scuderi" – Adaption oder Interpretation eines Klassikers?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/204750