Wenn in diesem Moment nicht diese Zeilen verfasst würden, dann hätte dieser spezielle Umstand vermutlich keine entscheidenden Auswirkungen auf das Weltgeschehen. Oder vielleicht doch? Die versteckte Offenheit der Historie stellt den Menschen immer wieder aufs Neue vor ein unlösbares Gefühl der Ungewissheit. Gerne wähnt er sich im sicheren Raum der Absehbarkeit und vor allem der Abgeschlossenheit dessen, was er ‚Geschichte‘ zu nennen gelernt hat. Das kontrafaktische Denken erschüttert diese trügerische Sekurität in ihren Grundmauern, indem es gezielte Stellen im scheinbar linearen Verlauf von der Vergangenheit bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Frage stellt und dadurch aufzeigt, dass die chronologische Geschichtsschreibung keineswegs nur so und nicht anders verlaufen konnte, wie wir sie heute kennen und interpretieren, sondern, dass vielmehr eine unendliche Zahl von Alternativen zur Verfügung standen, die, teilweise nur bedingt durch einen seltsamen Zufall, eben nicht in die Dimension der Realität eingetreten sind. Obgleich zweifelsohne eine grundsätzliche Abneigung gegenüber (de-)konstrukti-vistischer Überlegungen eines kontrafaktischen Geschichts-verlaufes existiert , ihre Bemühungen oft als „müßiges Gedankenspiel, als unseriöse Spekulation“ deklassiert werden, erkennt man mittlerweile sogar einen Trend zur Achronie - und zwar sowohl in historisch-wissenschaftlichen Werken, wie auch in literarischen Kreisen .
Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, die kontrafaktische Narration als literarisches Genre zum einen und als historisches Phänomen einer Gedächtniskultur zum anderen zu analysieren. Weiterhin wird die Frage nach der Bedeutung beziehungsweise nach dem Erkenntnispotential des Kontrafaktischen fokussiert. Hierfür bedarf es zunächst einer ausführlichen Begriffsklärung, die unter Punkt (2) versuchen wird, das schier grenzenlose Feld der Historie(-nschreibung) im hier gegebenen Rahmen zweckdienlich zu erfassen. Zur gezielten Anwendung im literaturwissenschaftlichen Kontext wird der Roman Adolf H. - Zwei Leben von Eric-Emmanuel Schmitt im Fokus der Betrachtungen stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
oder: Was wäre, wenn diese Arbeit ungeschrieben bliebe?
2. Die Bedeutung(s-losigkeit) der kontrafaktischen Geschichte
oder: Fakten, Fakten, Fakten im Alternativspiel des Weltgeschehens
2.1 Das Wesen des Kontrafaktischen
2.2 Von Ereignis und Struktur
2.3 Exkurs: The Butterfly Effect
3. Zu Eric-Emmanuel Schmitts „Adolf H. - Zwei Leben“
oder: Die ‚Führer‘-lose Welt führt uns hinter den Mond
3.1 Dualistische Struktur und Doppelgesicht
3.2 Vorstrukturiertheit oder Singularität?
3.3 Realitätspotential?
3.4 Erkenntnis oder Entertainment?
4. Schlusswort
oder: Was wäre, wenn diese Arbeit ungeschrieben blieben wäre?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die kontrafaktische Narration sowohl als literarisches Genre als auch als historisches Phänomen. Im Zentrum steht die Untersuchung des Erkenntnispotentials kontrafaktischer Geschichtsschreibung, wobei der Roman „Adolf H. - Zwei Leben“ von Eric-Emmanuel Schmitt als zentrales Fallbeispiel dient, um die Auswirkungen alternativer Lebensverläufe auf die historische und moralische Bewertung des Individuums und der Gesellschaft zu beleuchten.
- Kontrafaktische Narration als literarisches und historisches Phänomen
- Wechselspiel zwischen Faktizität und Fiktion in der Geschichtsschreibung
- Die Rolle von Zufall und Determination im Leben des Individuums
- Adolf Hitler als singulärer Auslöser historischer Katastrophen versus strukturelle Bedingungen
- Ethische Reflexion über Schuld, Verantwortung und das Böse im Menschen
Auszug aus dem Buch
3.1 Dualistische Struktur und Doppelgesicht
"»Adolf H.: bestanden.«"75 Ein Satz, der den Lauf der Geschichte hätte verändern können: die Geschichte eines Anwärters um einen Studienplatz an der Wiener Kunstakademie im Jahre 1908, aber auch die Geschichte der gesamten Weltbevölkerung.76 Eric-Emmanuel Schmitt konstruiert in seinem Roman Adolf H. - Zwei Leben genau dieses Szenario, wobei dem fiktiven, kontrafaktischen Handlungsstrang parallel die (größtenteils) faktische Geschichte gegenüber gestellt wird. Die Grenzziehung zwischen 'wahr' und 'falsch', zwischen 'Tatsache' und 'Imagination' offenbart sich zuvorderst in der Namensvariation des Protagonisten von 'Adolf Hitler' im faktischen Teil zu 'Adolf H.' im kontrafaktischen Teil.
In einem angehängten Arbeitsjournal erklärt Schmitt sein selbst gestecktes Ziel, seine Methodik und einzelne Stationen des Textes. "Indem ich zwei Leben verfolge - das des als Maler abgelehnten Hitler und das des als Maler angenommenen Adolf H. - spiele ich eine Situation nicht nur durch, sondern interpretiere sie auch."77 Es ist eine metamorphe Interpretation, die sich hier in der umschwenkenden Darstellung des Wesens beider Figuren artikuliert. Während der Kunststudent Adolf H. zu Beginn des Textes überheblich und arrogant wirkt, wenn er sich aufgrund der Aufnahme an der Akademie "endgültig für den Mittelpunkt der Welt"78 hält, erscheint der ‚echte‘ Hitler (so schwer dies zu schreiben fällt) weitaus sympathischer79. "Warum auch nicht? Dieser bedauernswerte junge Mann stellt zu diesem Zeitpunkt noch kein verdammungswürdiges Ungeheuer dar."80
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das kontrafaktische Denken ein und definiert das Ziel der Arbeit, die kontrafaktische Narration und das Werk von Eric-Emmanuel Schmitt zu analysieren.
2. Die Bedeutung(s-losigkeit) der kontrafaktischen Geschichte: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen des Kontrafaktischen, das Verhältnis von Ereignis und Struktur sowie die Bedeutung des Butterfly-Effekts.
3. Zu Eric-Emmanuel Schmitts „Adolf H. - Zwei Leben“: Der Hauptteil analysiert die Struktur des Romans, die Kontrastierung der Lebensläufe, die Frage nach singulärer Täterschaft sowie das Realitätspotential der Konstruktion.
4. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Analyseergebnisse und betont das Potenzial kontrafaktischer Literatur für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Schlüsselwörter
Kontrafaktische Geschichte, Adolf Hitler, Eric-Emmanuel Schmitt, Alternativgeschichte, Geschichtstheorie, Fiktion, Faktizität, Erinnerungskultur, Dualismus, Ereignis, Struktur, Holocaust, Antisemitismus, Möglichkeitsdenken, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Genre der kontrafaktischen Geschichte anhand des Romans „Adolf H. - Zwei Leben“ von Eric-Emmanuel Schmitt und hinterfragt, wie alternative Verläufe der Vergangenheit unser Verständnis von Historie und individuellem Handeln beeinflussen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung des Kontrafaktischen, die Dialektik von Struktur und Ereignis, sowie die ethische Auseinandersetzung mit der Person Adolf Hitler als Symbol für das Böse und die historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die kontrafaktische Narration als literarisches und historisches Instrument zu analysieren, um herauszuarbeiten, welches Erkenntnispotential in der „Was wäre, wenn?“-Frage bezüglich historischer Verantwortung und persönlicher Entscheidungsfreiheit steckt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche und geschichtstheoretische Analyse, die den Roman von Schmitt im Kontext kontrafaktischer Theoriebildungen untersucht und dabei eine kritische Gegenüberstellung von faktischen und fiktiven Ereignissen vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Schmitts Roman, insbesondere dem dualistischen Aufbau, dem Kontrast zwischen dem „echten“ Hitler und dem fiktiven Adolf H., sowie der Frage nach der moralischen Relevanz kontrafaktischer Imaginationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kontrafaktische Geschichte, Fiktion, Faktizität, Individuelle Handlungsfreiheit, Erinnerungskultur und Historisches Erkenntnispotential beschreiben.
Welche Rolle spielt die Person Sigmund Freud im Roman von Schmitt?
Schmitt fiktionalisiert eine Begegnung zwischen dem jungen Hitler und Sigmund Freud. Dies dient im Roman als psychologische Behandlungsmethode, um darzustellen, wie sich Kindheitstraumata und Lebensentscheidungen auf die Entwicklung eines Menschen auswirken können.
Warum ist die „Judenfrage“ im Roman laut Autorin problematisch?
Die Autorin stellt fest, dass die „Judenfrage“ im Romantext weitgehend unbeantwortet bleibt, da die tatsächlichen historischen Gräueltaten des Holocausts eine derartige Schwere besitzen, dass die literarische Offenheit an dieser Stelle an eine Grenze stößt.
- Quote paper
- Carolin Hildebrandt (Author), 2012, Was wäre wenn...? Zur kontrafaktischen Imagination einer Welt ohne Adolf Hitler am Beispiel von Eric-Emmanuel Schmitts Roman 'Adolf H. Zwei Leben', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/204316