Im TV-Programm der öffentlich-rechtlichen TV-Anbieter haben Gottesdienstübertragungen seit Jahrzehnten ihren Platz – entweder als im festen Rhythmus platzierte Serie oder als anlassgebundene Programmangebote.
Im Unterschied zu anderen »Leisten« sind Gottesdienstübertragungen aber bisher noch immer kein originäres Fernsehformat geworden. Die Gestaltung solcher Übertragungen folgt einerseits den Gepflogenheiten und Wünschen der jeweils zuständigen Redakteure und Regisseure, andererseits den Handreichungen der Kirchen und ihrer Beauftragten bei den Programmanbietern.
Der zu erarbeitende Entwurf einer Konzeption für ein konsistentes und erkennbares Format dieser Sendungen soll die jeweiligen Positionen offen legen und in die als Zielsetzung zu betrachtende Formatgestaltung einbringen. Die zugehörige Forschungsfrage lautet: »Welche Kommunikationsziele und welche Regiestile können dazu beitragen, die Gottesdienstübertragungen im Fernsehen als Formate im Sinne sowohl der Ereignisanbieter als auch der Medienanbieter handhaben und festschreiben zu können?«
Insofern ist dieser Entwurf als eine Aufgabenstellung zur Formatbildung zu verstehen, die hiermit nicht als erreicht betrachtet wird. Er ist als Anstoß zur weiteren wissenschaftlichen Diskussion und zum praktischen Umsetzen angelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage
2 Kommunikationstheorien
2.1 Lasswell und der Wirkungsansatz
2.2 Nutzenansatz und symbolische Interaktion
2.3 Systemtheorie als Strukturmodell
2.4 Konstruktivismus als Wirkungsmodell
2.5 Nutzung der Ansätze
3 Funktionsweisen des Mediums
4 Rezeption von Gottesdienstübertragungen
5 Liturgie als Kommunikation
5.1 Intentionale Partizipation
5.2 Mitfeier
6 Regiekonzeption
6.1 Partizipativ orientierte Regie
6.2 Mystagogisch orientierte Regie
6.3 Synthese: ein partizipativ-mystagogisches Regieformat
7 Ergebnis und Umsetzungsweg
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Entwicklung einer fundierten Konzeption für ein konsistentes und wiedererkennbares Fernsehformat von Gottesdienstübertragungen. Die Forschungsfrage untersucht dabei, welche Kommunikationsziele und Regiestile dazu beitragen können, Gottesdienstübertragungen sowohl für die Ereignisanbieter (Kirche) als auch für die Medienanbieter als profilschärfende und substanzbildende Formate zu etablieren.
- Analyse kommunikationswissenschaftlicher Theorien für die mediale Praxis
- Untersuchung der Rezeption und des Bedürfnisprofils von Fernsehzuschauern bei Gottesdiensten
- Erarbeitung von Regiestrategien für intentionale Partizipation
- Integration mystagogischer Elemente zur Vertiefung des religiösen Erlebens
- Praktische Implementierungsempfehlungen für eine formatbildende Regie
Auszug aus dem Buch
2.4 Konstruktivismus als Wirkungsmodell
Kommunikationsprozesse haben wahrnehmbare Merkmale. Zu ihnen zählt die »sinnliche Seite«: Hören und Sehen.
Audiovisuelle Sprache ist einnehmender als das geschriebene oder gesprochene Wort. Diese Medien besitzen Mitteilungsmöglichkeiten für verbal nicht zu erschließende Erfahrungen und Bedeutungen, sprechen die Sprache des Gefühls, des Affektiven und Imaginären. Der Zuschauer hat beim Verfolgen einer Sendung noch die Erlebnisse der letzten Stunden in seinem Erleben präsent; zusammen mit dem gegenwärtigen aktuellen Erleben bilden sie ein diffuses Ganzes.
Während auf dem Bildschirm eine Sendung läuft, entsteht eine Art Tauschvorgang mit dem Zuschauer: Er gibt seine diffuse Erfahrung auf zugunsten der vororganisierten Erfahrungsmuster der Sendung. Damit entsteht also weder ein reines Abbild der Fernseherfahrung, noch erweitert sich ausschließlich die eigene Erfahrung des Zuschauers. Es bildet sich vielmehr etwas Neues aus Elementen beider Prozesse (vgl. Negt und Kluge 1972: 184 ff.).
Der Grundgedanke des Radikalen Konstruktivismus (vgl. u. a. Glasersfeld und Köck 1996; Simon 2011; Watzlawick 2006) ist, dass der Mensch in seinem Wahrnehmen nicht als passiv rezipierend zu verstehen ist, sondern dass er sich aus dem, was ihm seine Sinne liefern, durch Selektion, Projektion und Bedeutungszuweisung seine Welt selbst aufbaut. Er »konstruiert« also seine Welt auf individuelle Art und Weise, allerdings geprägt von sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Der Mensch als ein gestaltendes, auf sich selbst bezogenes, in sich geschlossenes System weiß immer nur etwas von sich selbst, niemals aber etwas über die Realität außerhalb seiner selbst. Zwar leugnen die »Radikalen Konstruktivisten« nicht die Existenz dieser Realität, aber sie sprechen dem Menschen grundsätzlich die Möglichkeit ab, etwas darüber zu erfahren und zu wissen, wie die wirkliche Realität beschaffen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage: Einführung in die Problematik fehlender originärer Fernsehformate für Gottesdienste und Formulierung der Forschungsfrage zur Formatentwicklung.
2 Kommunikationstheorien: Anwendung von Modellen wie Lasswell, dem S-O-R-Modell, Nutzenansatz, Systemtheorie und Konstruktivismus auf die mediale Praxis der Gottesdienstübertragung.
3 Funktionsweisen des Mediums: Analyse der Wirkung von Bild, Ton, Kameraführung und Schnitt auf die Zuschauerwahrnehmung im Kontext der Fernsehübertragung.
4 Rezeption von Gottesdienstübertragungen: Untersuchung der Motive für das Verfolgen von Gottesdienstübertragungen und der Rolle des sozialen Kontexts der Zuschauer.
5 Liturgie als Kommunikation: Theologische Einordnung der Gottesdienstübertragung als Kommunikationsgemeinschaft unter Berücksichtigung von intentionaler Partizipation und Mitfeier.
6 Regiekonzeption: Detaillierte Darstellung partizipativ und mystagogisch orientierter Regieansätze und deren Synthese zu einem kohärenten Format.
7 Ergebnis und Umsetzungsweg: Zusammenfassung der Konzeptionsmethodik und Empfehlungen zur praktischen Etablierung eines standardisierten Regie-Grundkonzepts.
Schlüsselwörter
Gottesdienstübertragung, Fernsehen, Regiekonzeption, Partizipation, Mystagogie, Liturgie, Kommunikationstheorie, Konstruktivismus, Systemtheorie, Rezipientenorientierung, Formatentwicklung, Medienpraxis, intentionale Teilnahme, Mitfeier, Bildführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung eines konsistenten und wiedererkennbaren Fernsehformats für die Übertragung von Gottesdiensten, um diese über eine bloße Reportage hinaus als qualitativ hochwertiges Medienangebot zu etablieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themenfelder umfassen die kommunikationswissenschaftliche Fundierung, die medienpsychologische Wirkungsweise, liturgietheologische Aspekte sowie die praktische Regie- und Konzeptionsmethodik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Welche Kommunikationsziele und Regiestile können dazu beitragen, Gottesdienstübertragungen im Fernsehen als Formate im Sinne sowohl der Ereignisanbieter als auch der Medienanbieter handhaben und festschreiben zu können?
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoriegeleiteten Analyse, die Ansätze aus der Kommunikationswissenschaft (u.a. Konstruktivismus, Systemtheorie, Nutzenansatz) und der Liturgiewissenschaft miteinander verknüpft, um daraus eine praktische »Toolbox« für die Regie zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Kommunikationsmodelle dargelegt, gefolgt von einer Analyse der Medienwirkung und Rezeption, bevor eine detaillierte Regiekonzeption entwickelt wird, die partizipative und mystagogische Ansätze synthetisiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Regiekonzeption, Partizipation, Mystagogie, Gottesdienstübertragung, Rezipientenorientierung und Formatentwicklung.
Wie kann eine Kameraführung die Partizipation der Zuschauer zu Hause erhöhen?
Durch die Übernahme der Perspektive der Gottesdienstteilnehmer (z.B. Zeigen aus den Bankreihen, Verzicht auf störende Show-Effekte) und gezielte Kameraeinstellungen, die das Gemeinschaftsgefühl und die Symbolik unterstreichen, anstatt den Zuschauer als passiven Beobachter von außen zu behandeln.
Was unterscheidet eine mystagogisch orientierte Regie von einer rein dokumentarischen?
Während die dokumentarische Regie primär den Ablauf abbildet, zielt die mystagogische Regie darauf ab, die transzendentale Dimension der Liturgie durch gezielte Bildsequenzen zu erschließen, die das innere Erleben der Glaubensgeheimnisse unterstützen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Fest" und "Feier" für die Regie wichtig?
Die Unterscheidung hilft zu verstehen, dass der Gottesdienst als vorgeformte, strukturierte Feier keinen Raum für ekstatische "Fest-Effekte" bietet, sondern eine eigene, formale Sprache der Regie erfordert, die die Tradition wahrt und die Inhalte für den Zuschauer zugänglich macht.
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- Prof. Dr. Martin Gertler (Author), 2012, Partizipation und Mystagogie als Leistungsmerkmale der Regie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203934