In der Masterarbeit wird untersucht, auf welche verschiedene Weisen die Vergangenheit literarisch aufgearbeitet werden kann. Die beiden Autoren W.G. Sebald und Jonathan Littell stehen im Mittelpunkt der Analyse. Der Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell sowie die beiden Werke "Austerlitz" und "Die Ausgewanderten" von W.G. Sebald bilden hierbei die literarische Grundlage, anhand derer die Zugangsweisen der Autoren zum Thema Vergangenheit erarbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Über die Erinnerung zur Vergangenheit
2.1. Subjektives Erinnern
2.2. Individuelle Konstruktion der Vergangenheit
2.3. Arten der Erinnerung
3. W.G. Sebald
3.1. Bricolage
3.2. Die Ausgewanderten
3.2.1 Der Ich-Erzähler
3.2.2. Bricolage in Die Ausgewanderten
3.2.3. Intertextualität in Die Ausgewanderten
3.3. Austerlitz
3.3.1. Darstellung von Gewalt in Austerlitz
3.4. W.G. Sebald: Ein Versuch der Restitution
4. Jonathan Littell
4.1. Die Wohlgesinnten
4.1.1. Hyperrealismus
4.1.2. Der Ich-Erzähler Dr. jur. Maximilan Aue
4.1.3. Orestie
4.1.4. Historische Genauigkeit
4.2. Medienreaktionen auf Die Wohlgesinnten
4.3. Die Faszination des Bösen
5. Resumeé
Zielsetzung & Themen
Die Masterarbeit untersucht, auf welche unterschiedlichen Weisen die Vergangenheit in der Literatur aufgearbeitet werden kann. Im Fokus steht dabei ein Vergleich der literarischen Strategien von W.G. Sebald und Jonathan Littell. Die Forschungsfrage widmet sich der Art und Weise, wie Autoren mit dem Thema Erinnerung und historischer Schuld umgehen, wobei insbesondere die Differenz zwischen der Täterperspektive bei Littell und der Spurensuche der Opfer bei Sebald beleuchtet wird.
- Literarische Aufarbeitung von Vergangenheit und Erinnerungskulturen
- Vergleichende Analyse von W.G. Sebalds Werk und Jonathan Littells Roman
- Die Rolle der Bricolage und Intertextualität als Schreibtechniken
- Einsatz von hyperrealistischen Beschreibungen und antiken Mythologien
- Rezeption von NS-Thematiken in der aktuellen Literatur
Auszug aus dem Buch
3.1. Bricolage
Ich arbeite nach dem System der Bricolage – im Sinne von Lévi-Strauss. Da ist eine Form von wildem Arbeiten, von vorrationalem Denken, wo man in zufällig akkumulierten Fundstücken so lange herumwühlt, bis sie sich irgendwie zusammenreimen.26
Das „intellektuelle Basteln“, auf französisch bricolage wird von Lévi-Strauss in der Figur des Bastlers, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind, illustriert.27 Der Bastler muss dabei auf das Material zurückgreifen, das ihm zur Verfügung steht. Demnach sammelt er Dinge und
je nach Bedarf löst er sie aus ihrem alten Zusammenhang, wobei sie Teile ihres ursprünglichen Verwendungszweckes bewahren können. Die Tätigkeit des Bastlers ist also ein unabschließbarer Prozess von Zerlegung und Rekombination, von Analyse und Synthese.28
Sebalds Texte werden immer wieder durch Fotografien oder Abbildungen von Gegenständen durchbrochen. Sebald hat Bilder und Kuriositäten offensichtlich gesammelt, wie z.B. eine Wecker-Teekocher-Kombination namens teas-maid, um Ausgangspunkte für seine Erzählungen zu finden.
Sebald bastelt intellektuell nicht nur mit abbildbaren Gegenständen, er verbaut auch Teile von authentischen Biographien. Am auffälligsten ist das bei der Figur Austerlitz, die aus zwei Lebensläufen montiert wurde. Sebald sagte dazu „daß sie sowohl auf seinem eigenen Vermieter in Manchester in den sechziger Jahren beruht als auch auf einen sehr bekannten Maler, in dem manche Frank Auerbach erkannt haben wollen.“29
Sebalds Art zu schreiben kann man anhand eines Ebenenmodells verdeutlichen. Es wird von einem Bild, Objekt oder Dokument ausgegangen (1.Ebene), als Basis (Denotat). Die bereits erwähnte teas-maid hat es tatsächlich gegeben. Dass dieser Gegenstand eine Geschichte hat, es Menschen gibt oder gab, die Erinnerungen mit dieser einer auf dem Foto abgebildeten teas-maid haben, wird zweitrangig, weil es nur um den Gegenstand an sich geht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zielsetzung der Masterarbeit ein, die die literarischen Zugangsweisen von W.G. Sebald und Jonathan Littell zum Thema Vergangenheit gegenüberstellt.
2. Über die Erinnerung zur Vergangenheit: Es werden theoretische Grundlagen zum individuellen Erinnern nach Aleida Assmann sowie zu den Konzepten der willentlichen und unwillentlichen Erinnerung im Sinne von Marcel Proust dargelegt.
3. W.G. Sebald: Dieses Kapitel analysiert Sebalds Schreibverfahren der Bricolage, seine intertextuellen Bezüge zu Nabokov und das Motiv der Restitution in seinen Werken.
4. Jonathan Littell: Die Untersuchung befasst sich mit Littells Roman, seinem hyperrealistischen Stil, dem Einsatz der Orestie als narrativer Rahmen und der historischen Genauigkeit des Werkes.
5. Resumeé: Das Abschlusskapitel vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Autoren und reflektiert über die Rolle der Literatur als dauerhaftes Speichermedium für kollektive Erinnerungen.
Schlüsselwörter
Bricolage, Intertextualität, Erinnerungskultur, W.G. Sebald, Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten, Austerlitz, Holocaust, Hyperrealismus, Orestie, Restitution, Geschichtsdarstellung, kollektives Gedächtnis, Täterperspektive, Opfergedenken
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen literarischen Methoden, mit denen die Autoren W.G. Sebald und Jonathan Littell die Vergangenheit, speziell im Kontext des Holocaust, aufarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen Erinnerungstheorien, die literarische Konstruktion von Geschichte, intertextuelle Verweise und die Darstellung von Gewalt und Schuld in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein Vergleich der unterschiedlichen narrativen Strategien, mit denen Sebald (Opfer-Spurensuche) und Littell (Täterperspektive) die Vergangenheit in ihre Werke integrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf Textinterpretation, dem Vergleich von Schreibverfahren wie der Bricolage und dem Einbezug von theoretischen Erinnerungskonzepten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Erinnerung theoretisch fundiert, bevor die Schreibstile und Strategien von Sebald und Littell anhand spezifischer Werke detailliert untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bricolage, Intertextualität, Erinnerungskultur, Hyperrealismus und die spezifische Auseinandersetzung mit der Shoah definiert.
Wie setzt W.G. Sebald die Technik der Bricolage ein?
Sebald nutzt die Bricolage als „intellektuelles Basteln“, bei dem er gefundene Dokumente, Fotografien und biographische Bruchstücke in seine Erzählungen einbaut, um eine neue, oft fiktive Realität zu schaffen.
Inwiefern nutzt Littell die Orestie als Vorlage?
Die antike Tragödie dient Littell als narrative Folie, um die Schuldfrage, das Motiv des Muttermords und die Dynamik von Rache und Sühne im Kontext der SS-Vergangenheit seines Protagonisten zu spiegeln.
- Arbeit zitieren
- Thorsten Gawollek (Autor:in), 2011, Verschiedene Weisen die Vergangenheit literarisch aufzuarbeiten. , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203925