Seit 1987 nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofes das deutsche Reinheitsgebot nur für deutsche Bierhersteller, aber nicht mehr für importierte Biere galt, ging eine fast 500jährige Ära zu Ende. Anhand der Geschichte dieses Reinheitsgebotes für Biere, eines der beliebtesten Getränke weltweit, lassen sich Anfang und der weitere Weg der Lebensmittelpolitik kurz skizzieren: Bier diente den Bürgern als ein Kalorienbringer und Vitaminquelle (von den angeblich heilenden Kräften, die Bier zugeschrieben wurden, einmal abgesehen) und konnte, im Gegensatz zu dem oft verschmutzten Wasser, bedenkenlos getrunken werden. Das Gebräu war schon im frühen Mittelalter bekannt. Da aber im Zuge der Subsistenzwirtschaft lange für den Eigenbedarf gebraut wurde und erst an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert das Handelsbrauwesen aufkam, bestand für eine Reglementierung zuerst noch kein Bedarf. Als dann, zurückblickend relativ spät, der bayrische Herzog Wilhelm IV am 23.04.1516 das Reinheitsgebot für Biere erließ, ist dies sicherlich auf einen mittelalterlichen Zunft- und Gewerbedirigismus zurückzuführen. Allerdings liegt die herausragende Bedeutung dieses Reinheitsgebotes auch in dem damit erlassenen hohen Qualitätsstandard, welcher in besonderem Maße auch als eine Art Verbraucherschutz angesehen werden kann (und muss), da mit diesem Erlass erstmals die Herstellung eines Volksnahrungsmittels reglementiert wurde. Verstöße gegen dieses Reinheitsgebot wurden (zu Beginn mit sehr rudimentären Methoden, welche aber immer weiter entwickelt wurden) aufzudecken versucht. Falls dieses gelang, wurde der Verursacher des Verstoßes hart bestraft. Das bayerische Reinheitsgebot von 1516 wurde mit der Überführung als deutsches Reinheitsgebot in nationales Recht transferiert und übernommen. Im Zuge der Liberalisierung des EG-Binnenmarktes wurde das deutsche Reinheitsgebot, immer noch basierend auf den Gesetzesgrundlagen von 1516, in das EU-Recht überführt und die Reglementierungen des Produktes erfuhren damit internationale Gültigkeit. Sicherlich darf man keinen wissenschaftlichen Vergleich zwischen damals und heute ziehen, allerdings hat sich der eigentliche Ablauf von Erlass, Kontrolle und Sanktionen, über die Beibehaltung bzw. Erweiterung eines Lebensmittelgesetzes seit 1516 im Wesentlichen kaum geändert.1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lebensmittelsicherheit in einem globalisierten Markt
3. Gegenwärtige Bestrebungen in der Lebensmittelsicherheit
4. Veränderungen in den Industrieländern
5. Maßnahmen als Grundlage zur Lebensmittelsicherheitsreform rund u.d.Globus
6. Der Einfluss des weltweiten Wandels in der Lebensmittellandschaft auf das Lebensmittelsicherheitssystem der USA
6.1 Klimawandel
6.2 Wandel des Konsumentenverhaltens und der Konsumentenwahrnehmung
6.3 Globalisierung und der damit einhergehende Anstieg der Lebensmittelimporte
7. Maßnahmen zur Erhöhung der Lebensmittelsicherheit
7.1 Die Hygiene und Sicherheit am Arbeitsplatz
7.2 Angst vor biologisch-terroristischer Attacken
7.3 Anstieg der Umweltverschmutzung
7.4 Internationale Handelsabkommen
8. Problematik der industriell erzeugten Lebensmittel
9. Einflussnahme auf die Ernährungsweise
9.1 Einflussnahme durch Werbung und Produktplatzierung
9.2 Einflussnahme durch Spenden und Fördermittel für Forschung
9.3 Einflussnahme durch Industrieverbände und Organisationen
9.4 Einflussnahme durch juristische Maßnahmen
10. Analysemethoden zur Lebensmittelsicherheit
11. Der Anstieg der internationalen Steuerung von Lebensmittelsicherheit
12. Der Codex Alimentarius
13. Grenzen der Lebensmittelsicherheit
14. Überblick über das Lebensmittelsicherheitssystem der USA
15. Aufbau und Verantwortlichkeit der FDA bei der Lebensmittelsicherheit
16. Mängel bei der durch die FDA überwachte Lebensmittelsicherheit
17. EU Reform und der Weg zur EFSA
18. Aufteilung der Risikoanalyse
19. EFSA
20. Aufbau der EFSA
20.1 Organisationsstruktur der EFSA
21. ECDC
22. Vergleich und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Systeme der Lebensmittelsicherheit in den USA und der Europäischen Union vergleichend zu analysieren, wobei der Fokus auf den Strukturen, Verantwortlichkeiten und Reformen der Behörden FDA und EFSA liegt.
- Vergleich der US-amerikanischen FDA mit der europäischen EFSA
- Einfluss der Globalisierung und industrieller Veränderungen auf die Lebensmittelsicherheit
- Die Rolle der Risikoanalyse und ihrer wissenschaftlichen Basis
- Strategien zur Einflussnahme auf die Ernährungsweise durch Industrie und Lobbying
- Internationale Koordination und Harmonisierung durch Institutionen wie den Codex Alimentarius
Auszug aus dem Buch
15. Aufbau und Verantwortlichkeit der FDA bei der Lebensmittelsicherheit
“The FDA is responsible for protecting public health by ensuring the safety, efficacy and security of human and veterinary drugs, biological products, medical devices, our nation’s food supplies, cosmetics and products that produce radiation. The FDA is also responsible for advancing the public health by helping to speed innovations that make medicine and foods more effective, safer and more affordable, and helping the public get the accurate science-based information they need to use medicines and foods to improve their health.” (FDA, 2009)
Die FDA wurde 1927 gegründet und ist eine Organisation des HHS. Die Leitung der FDA obliegt dem Commissioner of food and drugs (aktuell ist dies seit 2009 Margaret Hamburg), dieser wird vom Präsidenten der USA unter Absprache und Zustimmung des Senates bestimmt. Der Commissioner of food and drugs berichtet an den US-Gesundheitsminister (seit 2009 Cathleen Sebelius).
Die FDA leitet ihre Autorität primär von folgenden Gesetzesmaßnahmen an, welche den Arbeitsbereich der FDA maßgeblich beeinflusst haben:
- „Federal food, drug and cosmetic act“, 1938 (infolge einer massenhaften Lebensmittelvergiftung (sog. „Sulfanilamid Katastrophe“ mit über 100 Toten)
- Infant Formula Act, 1980
- Nutrition Labeling and Educating Act, 1990
- Public Health Security and Bioterrorism Preparedness and Response Act, 2002
- Food and Drug Administration Amendments Act, 2007
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den Weg der Lebensmittelpolitik anhand des Reinheitsgebotes für Bier von 1516 als historisches Beispiel für Qualitätssicherung und Verbraucherschutz.
2. Lebensmittelsicherheit in einem globalisierten Markt: Das Kapitel erörtert die Notwendigkeit internationaler Kooperation und risikobasierter Politik angesichts weltweiter Lebensmittelskandale und veränderter Produktionsbedingungen.
3. Gegenwärtige Bestrebungen in der Lebensmittelsicherheit: Es wird der Zusammenhang zwischen globaler Urbanisierung, dem Wandel zur industriellen Lebensmittelproduktion und den daraus resultierenden Gesundheitsrisiken in Entwicklungs- und Schwellenländern beleuchtet.
4. Veränderungen in den Industrieländern: Der Fokus liegt auf den Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landwirtschaft und dem Anstieg von Lebensmittelinfektionen durch veränderte Konsumgewohnheiten.
5. Maßnahmen als Grundlage zur Lebensmittelsicherheitsreform rund u.d.Globus: Das Kapitel nennt drei wesentliche Innovationen der 1990er Jahre, darunter die Aufwertung multinationaler Institutionen und Strukturreformen der nationalen Gesetze.
6. Der Einfluss des weltweiten Wandels in der Lebensmittellandschaft auf das Lebensmittelsicherheitssystem der USA: Es werden Faktoren wie Klimawandel, verändertes Konsumentenverhalten und die Globalisierung der Lieferketten analysiert.
7. Maßnahmen zur Erhöhung der Lebensmittelsicherheit: Hier werden präventive Ansätze wie Arbeitssicherheit, Schutz vor Bioterrorismus und internationale Handelsregeln diskutiert.
8. Problematik der industriell erzeugten Lebensmittel: Das Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen den niedrigen Rohstoffpreisen und dem hohen Anteil an Verarbeitungskosten sowie die oft geringe Nährwertqualität.
9. Einflussnahme auf die Ernährungsweise: Die Arbeit zeigt, wie Industrie, Werbung und Lobbying staatliche Lebensmittelpolitik und Verbraucherverhalten beeinflussen.
10. Analysemethoden zur Lebensmittelsicherheit: Der Text beschreibt die Entwicklung und globale Verbreitung des präventiven HACCP-Konzepts als Standard der Lebensmittelsicherheit.
11. Der Anstieg der internationalen Steuerung von Lebensmittelsicherheit: Es wird die Rolle internationaler Abkommen wie GATT und WTO bei der Harmonisierung von Standards untersucht.
12. Der Codex Alimentarius: Dieser Abschnitt erläutert die Bedeutung des Codex als globale Plattform für technische Standards und seine Funktion als Leitfaden für nationale Gesetzgebungen.
13. Grenzen der Lebensmittelsicherheit: Das Kapitel diskutiert, warum absolute Sicherheit ein utopisches Ziel bleibt und welche Faktoren die Erreichbarkeit eines Höchstmaßes an Sicherheit limitieren.
14. Überblick über das Lebensmittelsicherheitssystem der USA: Hier werden die komplexen Zuständigkeiten der zehn wichtigsten US-Bundesbehörden dargestellt.
15. Aufbau und Verantwortlichkeit der FDA bei der Lebensmittelsicherheit: Es wird das organisatorische Profil der FDA, ihre gesetzliche Grundlage und ihre Rolle als US-Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz vorgestellt.
16. Mängel bei der durch die FDA überwachte Lebensmittelsicherheit: Das Kapitel analysiert systemische Schwachstellen, unzureichende Personalausstattung und Probleme bei Rückrufmechanismen.
17. EU Reform und der Weg zur EFSA: Die BSE-Krise wird als Auslöser für die fundamentale Umgestaltung der EU-Lebensmittelgesetzgebung hin zu mehr Transparenz und wissenschaftlicher Unabhängigkeit identifiziert.
18. Aufteilung der Risikoanalyse: Hier wird die klare Trennung von Risikobewertung, Risikomanagement und Risikokommunikation gemäß EG-Verordnung erläutert.
19. EFSA: Das Kapitel beschreibt die Gründung und Rolle der EFSA als unabhängige EU-Behörde für die wissenschaftliche Risikobewertung.
20. Aufbau der EFSA: Hier wird die interne Organisationsstruktur, die Rolle des Verwaltungsrates und die wissenschaftliche Gremienarbeit innerhalb der Behörde erläutert.
21. ECDC: Es wird die ergänzende Funktion des ECDC bei der Überwachung infektiöser Krankheiten in Zusammenarbeit mit der EFSA und nationalen Behörden beschrieben.
22. Vergleich und Fazit: Das Fazit zieht einen direkten Vergleich zwischen der FDA-Struktur und dem EU-Modell, diskutiert die Wirksamkeit der jeweiligen Risikomanagementansätze und hinterfragt die Industrienähe sowie das Handeln bei Skandalen.
Schlüsselwörter
Lebensmittelsicherheit, FDA, EFSA, Risikoanalyse, Risikomanagement, Risikokommunikation, HACCP, BSE-Krise, Lebensmittelkontrolle, Lebensmittelimporte, Verbraucherschutz, Ernährung, Globalisierung, Industrie-Lobbying, Codex Alimentarius
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen fundierten wissenschaftlichen Vergleich der Lebensmittelsicherheitspolitik in den USA und der Europäischen Union unter besonderer Berücksichtigung der Behörden FDA und EFSA.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die regulatorischen Strukturen, die Entwicklung der Risikoanalyse, den Einfluss von Lobbygruppen auf die Ernährungspolitik sowie die Reaktion der Behörden auf globale Herausforderungen wie Lebensmittelskandale.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel besteht darin, die Funktionsweise und Reformbedürftigkeit der Lebensmittelsicherheitssysteme in den USA und der EU zu analysieren und deren Effektivität im Kontext von Verbraucherschutz und wissenschaftlicher Unabhängigkeit zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende Analyse, basierend auf einer umfangreichen Auswertung von Gesetzesgrundlagen, offiziellen Berichten, Studien internationaler Organisationen und relevanter Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Entwicklung, den organisatorischen Strukturen von FDA und EFSA, der Rolle des HACCP-Konzepts sowie den Problematiken rund um Lobbyismus, Rückrufmechanismen und die politische Beeinflussung der Wissenschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Lebensmittelsicherheit, FDA, EFSA, Risikoanalyse, HACCP, Verbraucherschutz und institutionelle Reform.
Warum wurde die EU-Behörde EFSA nach der BSE-Krise reformiert?
Die Reform war notwendig, um die wissenschaftliche Risikobewertung von politischer Einflussnahme zu trennen und das durch die BSE-Krise massiv erschütterte Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheit europäischer Lebensmittel wiederherzustellen.
Was unterscheidet das Risikomanagement der FDA von dem der EU?
Während die FDA als US-Behörde sowohl Risikobewertung als auch Risikomanagement in einer Organisation vereint, verfolgt die EU ein Modell der strikten Trennung, bei dem die wissenschaftliche Risikobewertung (EFSA) von der politischen Entscheidungsfindung (Europäische Kommission) organisatorisch und geografisch getrennt ist.
Welche Schwachstellen identifiziert der Autor bei der US-amerikanischen FDA?
Zu den genannten Schwachstellen gehören eine unzureichende personelle Besetzung im Verhältnis zu den Kontrollaufgaben, eine mangelhafte IT-Infrastruktur sowie verlangsamte behördliche Rückrufverfahren, die teils zu Lasten der Bevölkerungssicherheit gehen.
- Arbeit zitieren
- Martin Teichmann (Autor:in), 2012, Die Lebensmittelsicherheitspolitik in den USA sowie in der Europäischen Union, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203566