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Über "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn

Titel: Über "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn

Hausarbeit , 2006 , 19 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Sebastian Madyda (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Als Paul Hindemith im Sommer 1930 Gottfried Benn auffordert einen Text
für ihn zu verfassen, befindet sich dieser in einer Phase des Wandels, der
dichterischen wie persönlichen Neuorientierung und nur zögernd stimmt er
dem Unterfangen zu. Hindemith hatte zuvor für das Baden-Badener Fest der
zeitgenössischen Musik von 1929 zusammen mit Bertolt Brecht den
Lindberghflug und ein Lehrstück verfasst und sich anschließend mit dem
Dichter zerstritten. Grund legend für das Zerwürfnis war ganz allgemein die
damals vorherrschende Kunstauffassung der Neuen Sachlichkeit, welche die
zunehmende Instrumentalisierung der Kunst am Ende der Weimarer Republik
vorantrieb. Hindemiths Idee einer Gebrauchsmusik, als rein erzieherischer
Maßnahme vertrug sich nicht mit brechtscher Suggestion zum politischen
Stimmenfang. Es mangelte auch nicht an gegen Benn gerichteter Polemik, der
seine quasi ‚überholte’ absolute Ästhetik nicht verhehlte, ja sogar vehement
verteidigte. Seine exemplarische Replik gegen J. R. Becher und E. E. Kisch in
der Neuen Bücherschau vom 9. Juli 1929 Können Dichter die Welt ändern?
muss daher Hindemiths Interesse geweckt haben, auch wenn eine tiefere
Identifikation mit den dargestellten nihilistischen Ideen nicht anzunehmen ist.
Die Zusammenarbeit am Unaufhörlichen erstreckt sich über einen Zeitraum
von etwa zwei Jahren (1930/31) und lässt sich durch den regen Briefwechsel
gut rekonstruieren. Sehr auffällig ist Benns Unsicherheit, was die
Verwertbarkeit seiner Textfragmente betrifft; deren Folge ist ein ständiges
Versichern bei Hindemith und eine dadurch bedingte nur zögerliche,
schrittweise Entwicklung des Materials. Die Entscheidung für ein Oratorium ist
interessant, da diese Gattung traditionell einem pädagogischen Auftrag
verpflichtet ist, Benn dieses Ansinnen jedoch im Vorfeld von sich weist. Ging
es ihm nicht um erzieherisches Einwirken im Sinne einer nachhaltigen
Entwicklung von Gesellschaft bzw. Individuen, so doch zumindest um ein
Bewusstwerden der schieren Fragwürdigkeit von Existenz.[...]

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Gottfried Benn und Paul Hindemith

- Zur Entstehung des Unaufhörlichen

2 Das Unaufhörliche – Spiegelbild seines Denkens

2.1 Das Sein – Zyklen oder Posthistoire?

2.2 Der Inhalt wird Form – bennscher Expressionismus

3 Das Unaufhörliche – ein Experiment?

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und ideologische Einbettung des Oratoriums "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn und Paul Hindemith. Ziel ist es, das Werk als zentralen Kristallisationspunkt in Benns Denken zu analysieren, wobei insbesondere die Transformation seiner nihilistischen Weltanschauung hin zur Ästhetisierung des Leidens und der Form als schöpferischem Akt beleuchtet wird.

  • Zusammenarbeit zwischen Gottfried Benn und Paul Hindemith
  • Philosophische Grundlagen: Nihilismus, Posthistoire und Zyklenlehre
  • Gottfried Benns Kunstauffassung und der "Wille zur Form"
  • Das Oratorium "Das Unaufhörliche" als experimentelles Modell
  • Ideologische Entwicklung und biographischer Kontext im frühen 20. Jahrhundert

Auszug aus dem Buch

1 Gottfried Benn und Paul Hindemith – Zur Entstehung des Unaufhörlichen

Als Paul Hindemith im Sommer 1930 Gottfried Benn auffordert einen Text für ihn zu verfassen, befindet sich dieser in einer Phase des Wandels, der dichterischen wie persönlichen Neuorientierung und nur zögernd stimmt er dem Unterfangen zu. Hindemith hatte zuvor für das Baden-Badener Fest der zeitgenössischen Musik von 1929 zusammen mit Bertolt Brecht den Lindberghflug und ein Lehrstück verfasst und sich anschließend mit dem Dichter zerstritten. Grund legend für das Zerwürfnis war ganz allgemein die damals vorherrschende Kunstauffassung der Neuen Sachlichkeit, welche die zunehmende Instrumentalisierung der Kunst am Ende der Weimarer Republik vorantrieb.

Hindemiths Idee einer Gebrauchsmusik, als rein erzieherischer Maßnahme vertrug sich nicht mit brechtscher Suggestion zum politischen Stimmenfang. Es mangelte auch nicht an gegen Benn gerichteter Polemik, der seine quasi ‚überholte’ absolute Ästhetik nicht verhehlte, ja sogar vehement verteidigte. Seine exemplarische Replik gegen J. R. Becher und E. E. Kisch in der Neuen Bücherschau vom 9. Juli 1929 Können Dichter die Welt ändern? muss daher Hindemiths Interesse geweckt haben, auch wenn eine tiefere Identifikation mit den dargestellten nihilistischen Ideen nicht anzunehmen ist.

Die Zusammenarbeit am Unaufhörlichen erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren (1930/31) und lässt sich durch den regen Briefwechsel gut rekonstruieren. Sehr auffällig ist Benns Unsicherheit, was die Verwertbarkeit seiner Textfragmente betrifft; deren Folge ist ein ständiges Versichern bei Hindemith und eine dadurch bedingte nur zögerliche, schrittweise Entwicklung des Materials. Die Entscheidung für ein Oratorium ist interessant, da diese Gattung traditionell einem pädagogischen Auftrag verpflichtet ist, Benn dieses Ansinnen jedoch im Vorfeld von sich weist. Ging es ihm nicht um erzieherisches Einwirken im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft bzw. Individuen, so doch zumindest um ein Bewusstwerden der schieren Fragwürdigkeit von Existenz.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Gottfried Benn und Paul Hindemith: Beschreibt die Hintergründe der Zusammenarbeit und die schwierige Entstehungsgeschichte des Oratoriums inmitten einer Phase persönlicher und künstlerischer Neuorientierung Benns.

2 Das Unaufhörliche – Spiegelbild seines Denkens: Analysiert Benns geschichtsphilosophische Positionen, insbesondere die Abgrenzung vom Posthistoire-Begriff zugunsten eines zyklischen Geschichtsbildes und die Bedeutung des Formgedankens.

3 Das Unaufhörliche – ein Experiment?: Hinterfragt den Status des Werkes als künstlerisches und ideologisches Experiment und ordnet es in Benns Entwicklung sowie seine spätere politische Positionierung ein.

Schlüsselwörter

Gottfried Benn, Paul Hindemith, Das Unaufhörliche, Expressionismus, Nihilismus, Posthistoire, Willen zur Form, Oratorium, Künstlertum, Nietzsche, Metaphysik, Zyklisches Geschichtsbild, Moderne, Existenz, Ästhetik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung des Oratoriums "Das Unaufhörliche", das aus der Zusammenarbeit von Gottfried Benn und Paul Hindemith hervorging, und analysiert dessen philosophische Einbettung.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Transformation von Benns nihilistischer Weltanschauung, seine Theorie des "Willens zur Form" und die Bedeutung von Kunst als transzendente Tätigkeit.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benns ontologische Auffassung vom zyklischen Sein und dem schicksalhaften Leiden in dem Werk "Das Unaufhörliche" lyrische und formale Gestalt annimmt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Quellentextes (Briefwechsel, Essays) in Verbindung mit der Untersuchung von Benns weltanschaulichen Einflüssen durch Nietzsche und zeitgenössische Philosophen angewandt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Benns Geschichtsbild, seiner ästhetischen Formgebung und der Einordnung des Oratoriums als experimentelles und biographisches Bindeglied.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den Schlüsselwörtern gehören: Gottfried Benn, Nihilismus, Willen zur Form, Oratorium, zyklisches Geschichtsbild und expressionistische Ästhetik.

Warum lehnte Benn den Begriff des Posthistoire für sich ab?

Benn lehnte diesen Begriff ab, da das Posthistoire eine lineare, progressive Geschichtsauffassung voraussetzt, während Benns Werk konsequent auf einem zyklischen Weltverständnis basiert.

Wie bewertet der Autor Benns Rolle im Nationalsozialismus?

Der Autor versucht nicht, den Fehltritt Benns zu verharmlosen, betont jedoch, dass Benn sich öffentlich zu seinem Handeln bekannte und fordert eine differenzierte Betrachtung seines beispielhaften Genies gegenüber der rein moralischen Stigmatisierung.

Welche Bedeutung kommt der Musik in diesem Kontext zu?

Obwohl die Arbeit den Fokus auf den Text legt, wird deutlich, dass das Oratorium eine für Benn neuartige, experimentelle Situation darstellte, in der die Musik als ergänzendes Medium zur Offenbarung transzendenter Inhalte diente.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Über "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Note
1,0
Autor
Sebastian Madyda (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V203502
ISBN (eBook)
9783656303671
ISBN (Buch)
9783656304005
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hindemith Oratorium Posthistoire Expressionismus
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Sebastian Madyda (Autor:in), 2006, Über "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203502
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  19  Seiten
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