In unserer funktionalisierten und mechanisierten Welt halten wir es für normal, dass parkende und fahrende Autos unseren Lebensraum besetzen, dass wir uns nicht frei zu Fuß im öffentlichen Raum bewegen können, dass wir unsere Bedürfnisse den Regeln des Autoverkehrs unterordnen und uns auf schmale Gehsteige an den Rand verweisen lassen.
Welche Stellung hat der Mensch im öffentlichen Raum? Und was hat die Soziale Arbeit damit zu schaffen? Diese und ähnliche Fragen haben mich dazu bewogen, mich im Rahmen dieser Arbeit mit dem Sozialen Raum zu befassen und das Wertesystem im urbanen Lebensraum kritisch zu hinterfragen. Der Schwerpunkt wird dabei auf den Aspekt der sozialen Ungleichheit und Benachteiligung im Raum gelegt.
Um den „Sozialraum als Spiegel der Gesellschaft“ darzustellen wird zunächst der öffentliche Raum im Licht der Elias’schen Theorie vom Zivilisationsprozess betrachtet.
Danach werden die Grundlagen der sozialraumorientierten Sozialarbeit beschrieben und ein kurzer historischer Einblick in die Ursprünge der Gemeinwesenarbeit gegeben.
Auf den öffentlichen Raum zurückkommend werden im Anschluss die Begriffe Sozialraum und Freiraum geklärt und – im Speziellen – auf den Freiraum als Verkehrsraum und dessen Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sozialraum als Spiegel der Gesellschaft
2.1 Der öffentliche Raum im Zivilisationsprozess
2.2 Sozialraum und Soziale Arbeit
2.3 Sozialraum und Gemeinwesen
2.4 Sozialraum und Freiraum
2.5 Fairkehr? – Verkehrsraum und Soziale Ungleichheit
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem sozialen Raum und der gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei liegt der Fokus auf der kritischen Analyse der sozialen Ungleichheit im urbanen Raum, wobei die Rolle der Sozialen Arbeit als Akteurin bei der Gestaltung lebenswerter Umgebungen hervorgehoben wird.
- Einfluss des Zivilisationsprozesses auf den öffentlichen Raum
- Grundlagen und Aktivierungsstrategien der Sozialraumorientierung
- Vergleichende Analyse von Sozialraumarbeit und Gemeinwesenarbeit
- Bedeutung von Freiräumen für soziale Teilhabe
- Kritik an der verkehrszentrierten Stadtplanung und deren soziale Folgen
Auszug aus dem Buch
2.1 Der öffentliche Raum im Zivilisationsprozess
Der Soziologe Norbert Elias beschreibt mit seiner Zivilisationstheorie die zusammenhängende Entwicklung von Gesellschaft und Mensch, das heißt, er stellt im Allgemeinen dar, dass die menschliche Psyche mit der Gesellschaft verwoben ist und dass Gesellschaft und Mensch sich in ständiger, wechselwirkender Entwicklung befinden, also die Synthese von Psychogenese und Soziogenese (vgl. Elias 1997).
Elias nimmt (analog zu Max Webers Rationalisierung des öffentlichen und privaten Lebens) an, dass der Mensch im Laufe der vergangenen Jahrhunderte immer selbstdisziplinierter und affektgebundener wurde, dass er in zunehmendem Maß lernte seine Triebe zu regulieren, sich zu kontrollieren und zurückzuhalten und seinen Gefühlsausdruck zu mäßigen (vgl. Van Krieken 1991, S. 212) – bedingt durch die allmählichen Staatsbildung und die damit verbundenen Gewaltmonopolisierung, sowie die Zentralisierung von Autorität:
„Während in der vormodernen Gesellschaft die Menschen durch äußeren Druck von seiten der Feudalherrschaft und der staatlichen Gewalt an der Verletzung gesellschaftlicher Regeln gehindert werden mussten, sollen sie in zunehmend vernetzteren Gesellschaften deren Einhaltung aus eigenem Antrieb gewährleisten. Impulsive, leidenschaftliche und unkontrollierte Ausbrüche ursprünglicher ungebändigter Triebhaftigkeit, insbesondere ungezügelte Gewaltausbrüche sollen durch abwägendes, rationales und langfristig kalkuliertes Handeln ersetzt werden. Zentraler Mechanismus für diesen Wandel der menschlichen Psychen ist die Belegung von immer mehr Handlungsweisen mit Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, die mit der Zeit die gewohnten Wahrnehmungsweisen ersetzen und von den Menschen als ihre natürlichen Reaktionsweisen erfahren und als von ihnen selbst gewollte Handlungen verinnerlicht werden sollen“ (Rathmayr 2006, S. 48).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Fokus der Arbeit auf soziale Ungleichheit und benennt die theoretischen sowie methodischen Ansätze, um den Sozialraum als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse zu untersuchen.
2. Sozialraum als Spiegel der Gesellschaft: Dieses Kapitel analysiert mittels soziologischer Theorien, wie sich gesellschaftliche Werte und Machtverhältnisse in der Gestaltung urbaner Räume und der Verkehrsplanung manifestieren.
3. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die wechselseitige Beeinflussung von Gesellschaft und Raum und betont die notwendige Interaktion zwischen Sozialer Arbeit und Planungswissenschaften.
Schlüsselwörter
Sozialraum, Soziale Arbeit, Zivilisationsprozess, öffentlicher Raum, soziale Ungleichheit, Stadtplanung, Verkehrsraum, Gemeinwesenarbeit, Freiraum, Sozialraumorientierung, Partizipation, Urbanität, Disziplinierung, Lebensraum, soziale Teilhabe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und der Gestaltung des Sozialraums unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Ungleichheit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Zivilisationstheorie nach Norbert Elias, Konzepte der Sozialraumorientierung, die Rolle der Gemeinwesenarbeit und die Kritik an einer verkehrszentrierten Stadtentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie soziale Benachteiligung durch Raumplanung verstärkt wird und welchen Beitrag die Soziale Arbeit zur Schaffung lebenswerter, inklusiver Räume leisten kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse soziologischer und sozialpädagogischer Fachliteratur, um den Zusammenhang von Raum und Gesellschaft zu begründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung des Sozialraumbegriffs, vergleicht diesen mit der Gemeinwesenarbeit und beleuchtet kritisch das Verhältnis von Verkehrsraum zu sozialen Bedürfnissen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialraum, soziale Ungleichheit, Soziale Arbeit, Stadtplanung und Freiraum.
Warum spielt die Verkehrspolitik in einer sozialarbeiterischen Arbeit eine Rolle?
Die Autorin argumentiert, dass die Bevorzugung des motorisierten Individualverkehrs gegenüber öffentlichen Räumen soziale Ausgrenzung fördert und somit ein zentrales Handlungsfeld für eine gerechte Sozialraumentwicklung darstellt.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff der „Verhäuslichung“ zu?
Der Begriff beschreibt den Trend, vormals öffentliche Funktionen in private Innenräume zu verlagern, was die Erfahrungsqualität des öffentlichen Raums einschränkt.
Welche Lösungsvorschläge werden für eine bessere Stadtplanung genannt?
Es wird für eine dezentralisierte räumliche Ordnung plädiert, die soziale Einheiten stärkt, Bürgerbeteiligung fördert und mehr Raum für Fußgänger statt für Fahrzeuge schafft.
- Quote paper
- Karin Gschnitzer (Author), 2010, Alles verboten? - Sozialraum als Spiegel der Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203273