Mit den Hartz-Reformen wurden die umfangreichsten Änderungen im
arbeitsmarktpolitischen und sozialen Bereich seit dem Bestehen der
Bundesrepublik Deutschland (BRD) vorgenommen. Ein großer Teil der
Bevölkerung wurde von den Folgen der Gesetze direkt oder indirekt betroffen.
Als Verknüpfungspunkt zwischen den Hartz-Reformen und dem Begriff der
Armut kann exemplarisch die anhaltende Diskussion um die Hartz-IVRegelsätze
aufgegriffen werden. Diese wurden bereits mehrmals aufgrund
ihrer angezweifelten Existenzsicherungsfunktion vor dem
Bundesverfassungsgericht verhandelt und im Februar des Jahres 2009 für
verfassungswidrig erklärt. Im April dieses Jahres wurden die Regelsätze
erneut von dem Berliner Sozialgericht als Verstoß gegen das Grundgesetz
bewertet, bevor sie jedoch vom Bundesverfassungsgericht im Juli als
rechtmäßig erklärt wurden. Die würdevolle Existenzsicherung durch den
Staat ist seit den Hartz-Reformen somit in der Diskussion und sie umfasst
neben den Hartz-IV-Gesetzen weitere armutsrelevante Faktoren.
Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Fragestellung beschäftigen, inwieweit
die Hartz-Reformen auf die Armutsentwicklung in der BRD Einfluss genommen
haben. Die zu Grunde liegende Thematik mit dem Titel „Hartz-Reformen und
Armutsentwicklung in Deutschland“ lässt sich inhaltlich in zwei Bereiche
aufteilen, die mit den ersten beiden Kapiteln „Armut“ und „Reformpaket:
Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ dargestellt werden. Die Synthese
der Erkenntnisse wird anschließend mit den „Verbindungen zwischen den
Gesetzen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt und der
Armutsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland“ formuliert.
Aufbau der Arbeit: Zunächst wird im zweiten Kapitel der Armutsbegriff
definiert. Bei dieser Begriffserläuterung wird zwischen der absoluten und der
relativen Armut unterschieden. Die Fokussierung auf die relative Armut wird durch die Aufspaltung des Begriffs in den Ressourcen- und Lebenslagenansatz
erreicht. Aus diesen Definitionen ergeben sich „Herausforderungen für die
Armutsforschung“, die am Beispiel der Prekarität dargestellt werden. Der dort
beschriebene Zustand bildet einen zentralen Punkt in dieser Arbeit. Die
unterschiedlichen Armutskonzepte der Zeit ermöglichen die
Veranschaulichung der Armutsentwicklung anhand der verschiedenen
Konzepte der Exklusion, neuen Armut, Zwei-Drittel-Gesellschaft,
Risikogesellschaft, kumulierten Deprivation. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Armut
2.1. Definitionen von Armut
2.1.1. Absolute Armut
2.1.2. Relative Armut
2.1.2.1. Ressourcenansatz
2.1.2.2. Lebenslagenansatz
2.2. Herausforderungen für die Armutsforschung
2.3. Geschichte des Armutsbegriffs
2.3.1. Exklusion
2.3.2. Armutskonzepte im Wandel der Zeit in der BRD
2.3.2.1. Die neue Armut
2.3.2.2. Armut im Sinne der Zwei-Drittel-Gesellschaft
2.3.2.3. Armut im Sinne der Risikogesellschaft
2.3.2.4. Armut als kumulierte Deprivation
2.3.3. Armut im Wandel der Zeit in der BRD
2.4. Fazit
3. Reformpaket: Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.1. Bestandsaufnahme vor den Reformen
3.1.1. Strukturelle Entwicklungen auf der Metaebene
3.1.2. Herausforderungen für das Sozialsystem
3.1.3. Politische Entwicklungen
3.2. Mitwirkende der Gesetze für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.2.1. Bundesregierung SPD und Bündnis 90/Die Grünen
3.2.2. Kommission für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.3. Die 13-Innovationsmodule
3.3.1. Strukturelle Elemente der Kommissionsvorschläge
3.3.2. Fördernde Elemente der Kommissionsvorschläge
3.3.3. Fordernde Elemente der Kommissionsvorschläge
3.4. Stufenplan der Reformen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.4.1. Erstes Gesetz für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.4.2. Zweites Gesetz für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.4.3. Drittes Gesetz für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.4.4. Viertes Gesetz für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
3.5. Fazit
4. Verbindungen zwischen den Reformen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt und der Armutsentwicklung
4.1. Vorbedingungen
4.2. Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2008
4.3. Zentrale Armutsentwicklungen seit den Gesetzen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
4.3.1. Atypische Beschäftigungsformen
4.3.1.1. Zeitarbeit
4.3.1.2. Befristete Beschäftigung
4.3.1.3. Teilzeitbeschäftigung
4.3.1.4. Geringfügige Beschäftigung
4.3.2. Niedriglohnsektor als Folge von atypischer Beschäftigung
4.3.3. Subventionierte Erwerbstätigkeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Hartz-Reformen auf die Armutsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird insbesondere beleuchtet, ob die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die auf eine Aktivierung der Erwerbslosen abzielten, zu einer Linderung oder Verschärfung der Armutsproblematik beigetragen haben.
- Analyse der theoretischen Armutskonzepte und ihrer historischen Entwicklung in Deutschland.
- Darstellung der Entstehungsgeschichte und der inhaltlichen Ausrichtung der Hartz-Reformen.
- Untersuchung der Zusammenhänge zwischen atypischen Beschäftigungsformen und dem Anstieg des Niedriglohnsektors.
- Kritische Bewertung der Wirksamkeit der arbeitsmarktpolitischen Instrumente im Hinblick auf soziale Sicherung.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Strukturelle Entwicklungen auf der Metaebene
Beckert stellt fest, dass der Strukturwandel von der industriellen Produktion zum Dienstleistungsbereich, der auch als Tertiärisierung der Wirtschaft bezeichnet wird, seit mehr als dreißig Jahren zu beobachten ist. Schröter ordnet die Veränderungen ebenfalls in die zweite Hälfte der 1970er Jahre ein und begründet den Vorgang der Deindustrialisierung, durch die „Rationalisierung und Automatisierung […] [, welcher] von der Handarbeit an Maschinen zur Überwachung maschineller Abläufe [führte]". Die resultierende Produktivitätssteigerung und der entsprechende Wegfall manueller Tätigkeiten auf dem sekundären Sektor bewirkten einen Arbeitslosigkeitsanstieg, da die freigewordenen Arbeitskräfte nicht durch den tertiären Sektor aufgefangen werden konnten. Zudem veränderten sich die Qualifikationsanforderungen von dem Schwerpunkt der Produktherstellung zur Produktentwicklung. Als Beispiel nennt Beckert die Auslagerung der Produktionstätigkeit von Elektronikartikeln ins Ausland und auf der Gegenseite den gestiegenen Bedarf an Gesundheits- und Pflegeleistung durch die gestiegene Lebenserwartung. Der Dienstleistungsbereich wächst weiterhin: Er umfasste im Jahr 2011 mehr als 30 Millionen Erwerbstätige und verzeichnete damit seit dem Jahr 2004 ein Wachstum um mehr als zwei Millionen Beschäftigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit leitet in die Problematik der Hartz-Reformen und deren Zusammenhang mit der Armutsentwicklung in Deutschland ein und definiert den wissenschaftlichen Untersuchungsrahmen.
2. Armut: Dieses Kapitel erläutert verschiedene Armutsbegriffe, wie absolute und relative Armut, und beleuchtet die historische Entwicklung von Armutskonzepten in der Bundesrepublik.
3. Reformpaket: Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt: Hier werden die Vorbedingungen, die politischen Akteure sowie die spezifischen Innovationsmodule der Hartz-Kommission und deren gesetzliche Umsetzung dargestellt.
4. Verbindungen zwischen den Reformen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt und der Armutsentwicklung: Dieses Kapitel verknüpft die Reforminhalte mit empirischen Daten zur Armutsentwicklung und untersucht Auswirkungen wie atypische Beschäftigung und Niedriglohnsektor.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Einschätzung über die Wirksamkeit der Hartz-Reformen und deren Rolle im Kontext der Armut in Deutschland.
Schlüsselwörter
Hartz-Reformen, Armutsentwicklung, Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit, Niedriglohnsektor, atypische Beschäftigung, Prekarität, Sozialstaat, relative Armut, Erwerbstätigkeit, Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsagentur, Sozialversicherung, Existenzsicherung, Strukturwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der Hartz-Reformen auf die Armutsentwicklung in Deutschland und bewertet die Veränderungen der arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Armut, die Geschichte der Arbeitsmarktpolitik, die Analyse der Hartz-Gesetze sowie die Auswirkungen von atypischen Beschäftigungsformen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die Hartz-Reformen zur Armutsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive Arbeit, die auf einer Auswertung von Gesetzen, wissenschaftlicher Literatur und statistischen Daten von Einrichtungen wie dem Statistischen Bundesamt basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den verschiedenen Armutskonzepten, den politischen Prozessen vor den Reformen und der Umsetzung der Hartz-Gesetze durch die Kommission für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Hartz-Reformen, Armutsentwicklung, Niedriglohnsektor, atypische Beschäftigung und Prekarität.
Welche Rolle spielen Mini-Jobs in dieser Untersuchung?
Mini-Jobs werden als Element der Hartz-Reformen analysiert, wobei kritisch hinterfragt wird, ob sie lediglich als Zuverdienst dienen oder die langfristige Altersarmut begünstigen.
Welche Rolle spielt der Begriff Prekarität in der Untersuchung?
Der Begriff der Prekarität dient als Analyseinstrument, um die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse und das damit verbundene erhöhte Armutsrisiko durch die Reformen besser zu verstehen.
Was ist das zentrale Fazit der Arbeit bezüglich der Reformen?
Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass die Hartz-Reformen zwar Arbeitslosenzahlen beeinflussten, jedoch keine armutslindernde Wirkung entfalteten, sondern in der Tendenz Armutsprozesse verstärkten.
- Arbeit zitieren
- Simon Jung (Autor:in), 2012, Die Hartz-Reformen und die Armutsentwicklung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203152