Der italienische Dichter Dante Alighieri soll einmal gesagt haben: „Die Natur hat gewollt, dass die Römer herrschen.“ Dieses Bewusstsein herrschte auch in Rom um 200 v. Chr., das zu dieser Zeit nun endgültig die bedeutendste Macht im Mittelmeerraum darstellte. In Anbetracht dieses Erfolges begann die Rekonstruktion der Römischen Geschichte. Die römische Annalistik, die mit Quintus Fabius Pictor ihren Anfang nahm, unterstreicht die außergewöhnliche Bedeutung der Stadt, indem sie ihre Entstehung in Zusammenhang mit mythischer griechischer Vorzeit bringt, uns eine Hegemoniestellung der Stadt innerhalb Latiums schon in der Königszeit glaubhaft machen will und die Zugehörigkeit zur latinischen Staatengemeinschaft ablehnt. Es ist unumstritten, dass es in Roms Frühgeschichte zu Annäherungen zwischen verschiedenen Städten in Latium gekommen ist und sich von dieser Basis aus die Machtambitionen Roms weiter entfalten konnten. Durch die römische Geschichtsschreibung wissen wir von einem römisch-latinischen Bündnis, welches mit dem Namen eines Sp. Cassius in Verbindung gebracht wurde und daher allgemein als foedus Cassianum bezeichnet wird. Es wird von Cicero und Livius erwähnt, während Dyonisios von Halikarnassoss und Festus von seinem Inhalt zu berichten wissen. Die Tradition datiert das foedus in das Jahr 493 v. Chr.. In der Zeit nach dem Sieg der Römer über die Latiner am See Regillus sollen so die Verhältnisse zwischen Römern und Latinern neu geordnet worden sein. Es wurde bisher viel über die Echtheit der Überlieferungen und die militärischen und politischen Hintergründe des Vertrages geforscht, wobei kontroverse Ansichten, insbesondere in Bezug auf die Datierung des Vertrages, zustande kamen. Ryuichi Hirata verteidigt das Datum der Annalistik, indem er die Notwendigkeit des Bündnisses für beide Parteien durch den historischen Kontext zu beweisen versucht. Karl-Ernst Petzold und Endre Ferenczy nehmen eine Interpretation der beiden römisch- karthagischen Verträge vor, die sie in Zusammenhang mit dem foedus Cassianum bringen. Beide sehen den Vertrag in der Frühzeit der Republik bestätigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Vertrag in der römischen Annalistik
2.1: Der Vertrag bei Cicero und Livius
2.2: Die Überlieferung des Dionysios
2.3: Festus und das foedus Latinum
3. Die Datierung ins IV. Jahrhundert
3.1: Widerspruch gegen die Annalistik
3.2: Die römisch-karthagischen Verträge
3.3: Umdatierung des foedus Cassianum
4. Die Datierung ins V. Jahrhundert
4.1: Verteidigung der Überlieferung
4.2: Der erste römisch-karthagischen Vertrag
4.3: Das foedus cum Latinis omnibus
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Glaubwürdigkeit und die korrekte Datierung des foedus Cassianum. Ziel ist es, die kontroversen wissenschaftlichen Ansichten zur Entstehung dieses römisch-latinischen Bündnisses kritisch zu analysieren und unter Einbeziehung der römisch-karthagischen Verträge eine fundierte zeitliche Einordnung vorzunehmen.
- Kritische Analyse der literarischen Überlieferung bei Cicero, Livius, Dionysios und Festus.
- Gegenüberstellung von Früh- und Spätdatierungshypothesen in der Forschung.
- Untersuchung der politischen Machtverhältnisse in Latium während der frühen römischen Republik.
- Bedeutung der römisch-karthagischen Verträge für die Chronologie des Bündnisses.
- Einfluss der römischen Annalistik auf die historische Konstruktion des Vertrages.
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Überlieferung des Dionysios
„Zwischen Römern und Latinern soll Friede sein, solange Himmel und Erde bestehen. Und sie sollen weder gegeneinander kämpfen noch Feinde herbeiholen noch denen sicheren Weg gewähren, die in feindlicher Absicht kommen. Vielmehr sollen sie den Angegriffenen mit aller Macht Hilfe leisten, und jede Seite soll von der gemeinsamen Kriegsbeute die Hälfte erhalten. Das Urteil in privaten Rechtsstreitigkeiten soll innerhalb von zehn Tagen ergehen, und zwar in der Gemeinde, in der der betreffende Vertrag geschlossen wurde. Zu diesem Vertrag soll weder etwas hinzugesetzt noch aus ihm etwas getilgt werden, es sei denn, die Römer und die Latiner fassten (darüber) einen gemeinsamen Beschluss.“
Dionysios nimmt unmittelbar vor Wiedergabe des Vertragsinhaltes die gleiche Datierung wie Livius und Cicero vor und berichtet, wie auch Livius, von kriegerischen Aktionen Roms gegen die Volsker. Der Vertrag garantiert den beiden Vertragspartnern ewige Freundschaft und Frieden und man sichert sich im Verteidigungsfall Beistand zu. Auch die indirekte Unterstützung von Feinden ist untersagt und die gleichmäßige Verteilung der bei Feldzügen anfallenden Beute wird festgesetzt. Darüber hinaus ist das Verhalten bei privatrechtlichen Streitigkeiten geregelt Am Ende steht die übliche Revisionsklausel. Beloch geht davon aus, dass dieser Auszug aus dem foedus Cassianum der von Cicero und Livius erwähnten Vertragsurkunde entnommen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung des foedus Cassianum für die frühe römische Geschichte dar und skizziert die wissenschaftliche Kontroverse um seine Datierung und Echtheit.
2. Der Vertrag in der römischen Annalistik: Dieses Kapitel analysiert die antiken Zeugnisse bei Cicero, Livius, Dionysios und Festus, um den ursprünglichen Inhalt und Charakter des Bündnisses zu bestimmen.
3. Die Datierung ins IV. Jahrhundert: Es werden Forschungsmeinungen diskutiert, die den Vertrag aufgrund der historischen Machtverhältnisse und archäologischer Argumente erst in das 4. Jahrhundert v. Chr. datieren.
4. Die Datierung ins V. Jahrhundert: Dieses Kapitel verteidigt die traditionelle Datierung in das 5. Jahrhundert, indem es die Überlieferung stützt und in den Kontext der frühen römischen Republik einbettet.
5. Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtung fasst die Argumente zusammen und schließt sich der Ansicht an, dass das Bündnis kurz vor die Mitte des 5. Jahrhunderts zu datieren ist.
Schlüsselwörter
foedus Cassianum, römische Frühgeschichte, Römische Annalistik, Datierung, Vertrag, Latium, Latinerbund, römisch-karthagische Verträge, Spurius Cassius, foedus aequum, historische Glaubwürdigkeit, Quellenkritik, Republik, Rom, Bündnispolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die wissenschaftliche Debatte um die Datierung und die historische Authentizität des foedus Cassianum, eines zentralen Bündnisvertrages zwischen Rom und den Latinern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die antike Quellenüberlieferung, die Machtstrukturen in Latium während der frühen Republik und die Rolle der römischen Geschichtsschreibung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung, ob das foedus Cassianum tatsächlich in das Jahr 493 v. Chr. zu datieren ist oder ob es sich um eine spätere Konstruktion handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Methode, bei der antike Texte (Cicero, Livius, Dionysios, Festus) mit modernen historisch-archäologischen Forschungsansätzen abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Datierungsansätze (ins 4. und 5. Jahrhundert v. Chr.) sowie die Zusammenhänge mit den römisch-karthagischen Verträgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind foedus Cassianum, römische Frühgeschichte, Quellenkritik, Bündnisvertrag und die politische Entwicklung Roms im 5. Jahrhundert v. Chr.
Warum wird das Datum 493 v. Chr. in der Forschung kritisiert?
Kritiker führen an, dass das foedus aequum nicht zur annalistischen Darstellung eines bereits früh souveränen und hegemonialen Roms passt und die Existenz spezifischer Konsuln zu dieser Zeit zweifelhaft ist.
Wie spielt der erste römisch-karthagische Vertrag in die Datierung hinein?
Der Vertrag mit Karthago dient als Indikator für Roms wirtschaftliche und politische Machtstellung, was Rückschlüsse auf das Zeitfenster ermöglicht, in dem auch das foedus Cassianum entstanden sein könnte.
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- Johannes Grundberger (Author), 2007, Das 'foedus Cassianum' und die Frage nach seiner Datierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/201670