Existential questions – who gets to have a country and who gets to be a country (Khanna 2011: 75) -- Mit dieser Formulierung pointiert Khanna in seinem populären Sachbuch „How to Run the World“ (2011) den grundlegenden Ansatz der geografischen und politikwissenschaftlichen Forschung zu Geopolitik und Territorium. Territorium ist dabei mehr als nur ein Begriff oder Startpunkt für die Untersuchung zwischenstaatlicher oder innerstaatlicher Konflikte, sondern bedarf einer konzeptionellen Fassung beziehungsweise theoretischen Untersuchung. Dieser Aufgabe hat sich Murphy in seinem 2005 publizierten Beitrag „Territorial Ideology and Interstate Conflict“ angenommen und soll daher nachfolgend einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Murphys Raumkonzept sieht hierbei Territorium als Ideologie an und möchte Konflikte im modernen Staatensystem seit dem 20. Jahrhundert über eine Untersuchung verschiedener Ausprägungen dieser Ideologie, also unterschiedlicher territorialer Logiken, erklären können.
Nachdem ich Murphys zentrale Argumentation und Konzeption von Territorium als Ideologie vorgestellt habe (Kapitel 2), werde ich diese kritisch analysieren. In den nachfolgenden Ausführungen vertrete ich dabei die These, dass mit Murphys Raumkonzept eine Vielzahl territorialer Konflikte im modernen Staatensystem erläutert werden kann. Die Theorie des Autors kann aber nicht zugrundeliegende Ursachen solcher Konflikte ausreichend identifizieren und erklären, weil die Kategorien territorialer Logiken zum Teil Unschärfen enthalten (Kapitel 3). Murphy fällt in die von Agnew kritisierte „territorial trap“ (vgl. Elden 2010: 801), weil er den Nationalstaat als scheinbar naturgegebenes Organisationsprinzip von Gesellschaft voraussetzt (Kapitel 4). Damit verbunden ist eine Eindimensionalität in Murphy Betrachtung (Territorium als ganzheitlich erklärendes Konzept), weshalb allerdings sein Ansatz nicht generell abzulehnen, sondern stattdessen ertragreich zu erweitern ist. Dies werde ich mithilfe von Jessop/Brenner/Jones (2008) und deren Forderung nach Mehrdimensionalität in Raumtheorien erläutern und an einer Verknüpfung mit Swyngedouws Raumkonzept der Maßstabsebene (1997) exemplarisch zeigen (Kapitel 5). In einem abschließenden Teil (Kapitel 6) werde ich resümieren, wo die Potenziale und Grenzen von Murphys Raumkonzept liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Murphys Raumkonzept
3. Die Unschärfe politisch-ökonomischer territorialer Logik
4. Die Territorial Trap bei Murphy
5. Mehrdimensionalität als Weiterentwicklung von Murphys Raumkonzept
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel der Arbeit ist eine kritische Analyse des Raumkonzepts von Alexander B. Murphy, insbesondere seiner Theorie zu "Territorium als Ideologie". Dabei wird untersucht, inwieweit Murphys Ansatz territoriale Konflikte erklären kann, wo konzeptionelle Unschärfen liegen und wie das Modell durch eine mehrdimensionale raumtheoretische Perspektive erweitert werden kann, um Ursachen von Konflikten besser zu erfassen.
- Kritische Würdigung von Murphys Konzept der territorialen Legitimation.
- Analyse der Unschärfe politisch-ökonomischer territorialer Logiken.
- Diskussion der "territorial trap" im Kontext von Murphys staatzentrierter Betrachtung.
- Weiterentwicklung des Modells durch Einbeziehung der Maßstabsebene (Swyngedouw) und mehrdimensionaler Raumtheorien (Jessop/Brenner/Jones).
Auszug aus dem Buch
Die Territorial Trap bei Murphy
In seinem Artikel „Land, terrain, territory“ (2010) setzt sich Elden mit verschiedenen Beiträgen zum Begriff des Territoriums der Geografie kritisch auseinander. Einen Aspekt, welchen er hervorhebt, ist Agnews „territorial trap“ (Elden 2010: 801). Dabei handelt es sich um eine Kritik, die auch auf Murphys Raumkonzept angewendet werden kann.
Elden fasst Agnews „territorial trap” zusammen als eine Kritik an geografischen und politikwissenschaftlichen Forschungen, in welchen der Erklärung gesellschaftlicher Aspekte (z.B. territorialer Konflikte) der territoriale Staat als eine Art räumlicher Container unhinterfragt zugrunde gelegt wird (2011: 801). Agnew verweist darauf, dass der Nationalstaat moderner Prägung aber eben nicht als naturgegebenes Organisationsprinzip der Gesellschaft vorausgesetzt werden kann, denn der Nationalstaat ist, gesellschaftlich gemacht, ein Resultat politischer und historischer Prozesse (Meusburger 2000).
Relevant ist diese Kritik in Bezug auf Murphy, da er in seiner Betrachtung den Nationalstaat moderner Prägung als Akteur und Hauptbezugspunkt in territorialen Konflikten sieht (2005: 280). Dabei deutet Murphy mit seiner Weiterentwicklung der Betrachtung territorialer Konflikte, nämlich auf verschiedenen Ebenen, bereits selbst darauf hin, dass es neben dem Nationalstaat weitere Akteure gibt, welche territoriale Konflikte austragen können, ohne auf den Nationalstaat als Organisationsprinzip ihrer Gesellschaft angewiesen zu sein. Besonders in seinen Ausführungen zu intraregionalen Auseinandersetzungen bezieht sich Murphy auf empirische Beispiele (2005: 290-292), bei denen der Nationalstaat vielleicht noch Teil eines Konfliktes ist, aber nicht mehr als bestimmender Akteur oder unhinterfragt gegebenes strukturierendes Element der Gesellschaft auftritt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Relevanz von Raumkonzepten in der Geopolitik dar, führt Alexander B. Murphys Ansatz ein und skizziert die kritische Forschungsfrage sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Murphys Raumkonzept: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen von Murphys Modell, welches Territorium als Ideologie und Instrument territorialer Legitimation begreift, unterteilt in vier Regime und drei Maßstabsebenen.
3. Die Unschärfe politisch-ökonomischer territorialer Logik: Hier wird das vierte Regime Murphys kritisiert, da es politstrategische und ökonomische Motive zu stark vermengt, was die analytische Trennschärfe schwächt.
4. Die Territorial Trap bei Murphy: Dieses Kapitel diskutiert die Gefahr einer staatzentrierten Sichtweise, bei der der Nationalstaat als unhinterfragter Container für Konflikte vorausgesetzt wird, und prüft diese Kritik an Murphys Theorie.
5. Mehrdimensionalität als Weiterentwicklung von Murphys Raumkonzept: Basierend auf Ansätzen von Jessop, Brenner, Jones und Swyngedouw wird aufgezeigt, wie eine mehrdimensionale Perspektive die Erklärungskraft von Murphys Modell steigern kann.
6. Fazit: Das Fazit resümiert die Potenziale und Grenzen von Murphys Raumkonzept und unterstreicht die Notwendigkeit einer komplexeren, mehrdimensionalen raumtheoretischen Betrachtungsweise.
Schlüsselwörter
Territorium, Ideologie, Territoriale Logik, Nationalstaat, Territorial Trap, Politische Geografie, Maßstabsebene, Raumtheorie, Konfliktforschung, Geopolitik, Mehrdimensionalität, Legitimation, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Raumkonzept von Alexander B. Murphy kritisch auf seine Anwendbarkeit und theoretische Konsistenz bei der Analyse territorialer Konflikte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind Territorialität, die Rolle des Nationalstaates, Konzepte der territorialen Legitimation und raumtheoretische Ansätze zur Erklärung von Konflikten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Murphys Theorie zu hinterfragen, Schwachstellen wie die "territorial trap" aufzudecken und durch raumtheoretische Erweiterungen eine präzisere Analyse zu ermöglichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die Murphys Konzepte anhand einer Literaturanalyse sowie durch den Abgleich mit empirischen Fallbeispielen kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Murphys Raumkonzept, die Kritik an dessen Unschärfe, die Diskussion der staatzentrierten "Territorial Trap" und den Entwurf eines mehrdimensionalen Erweiterungsansatzes.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Territorium, Ideologie, Territorial Trap, politische Geografie, Maßstabsebene und Raumtheorie.
Inwiefern kritisiert der Autor die vierte Kategorie bei Murphy?
Der Autor bemängelt, dass Murphys "viertes Regime" ökonomische und politstrategische Motive in einer zu unscharfen Kategorie zusammenfasst, was die präzise Analyse von Konflikten behindert.
Wie kann das Raumkonzept laut Autor sinnvoll erweitert werden?
Durch die Integration der Maßstabsebene nach Swyngedouw und einer mehrdimensionalen Perspektive, die Territorium, Ort und Netzwerk als interagierende strukturierende Prinzipien begreift.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Renard Teipelke (Autor:in), 2012, Das Raumkonzept von Alexander B. Murphy, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/200691