Soziale Arbeit ist mittlerweile ein trivial gebräuchlicher Begriff geworden für alle helfenden und unterstützenden Tätigkeiten von Einzelpersonen oder Institutionen. Dennoch werden nur selten fachtheoretische Ansätze dieser Wissenschaftsdisziplin und die geschichtlichen Aspekte mit der Profession in Verbindung gebracht bei der globalen Betrachtung der Thematik. Konzeptionelle Idee dieser Arbeit ist die Herstellung von Sinnzusammenhängen sozialarbeitswissenschaftlicher Theorien mit gewonnen Erkenntnissen aus der Praxis. Die Neugier wie AdressatIn-nen die durch delinquentes und abweichendes Verhalten auffällig wurden und aufgrund einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe verbüßen, wahrgenommen werden, soll exemplarisch genutzt werden, um Theorien der Sozialarbeitswissenschaften reflexiv mit den sozialarbeiterischen Methoden innerhalb des Vollzugsdienstes zu kontextualisieren. Hierzu wird zunächst die Zielinstitution unter Aufzeigung der sozialarbeiterischen Tätigkeiten und Benennung der rechtlichen Grundlagen vorgestellt. Anschließend wird die geschichtliche Entwicklung des Strafvollzuges aufgezeigt, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden und die Notwendigkeit der sozialarbeitswissenschaftlicher Theorien im Vollzugsdienst und sozialarbeiterischer Methodenpraxis aus dem historischen Kontext aufzuzeigen. Abschließend folgt die reflexive Betrachtung von zwei Theorien der Sozialarbeitswissenschaften im Kontext der Sozialen Arbeit innerhalb des Strafvollzuges.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellung der Institution
3. Sozialarbeiterische Tätigkeiten und Einbindung innerhalb des Arbeitsfeldes
4. Rechtliche Grundlagen des Strafvollzuges
5. Historische Entwicklung des Strafvollzuges im epochalen Abriss
6. Theorien der Sozialen Arbeit im Kontext des Strafvollzuges
6.1. Das Life Model nach Germain und Gitterman
6.2. Die „Tertiäre Erziehungstheorie“ nach Rössner
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit im speziellen Setting des Strafvollzugs und setzt diese in Bezug zu einer historischen Betrachtung der Freiheitsstrafe. Ziel ist es, durch die Analyse von Fachmodellen aufzuzeigen, wie sozialarbeiterische Interventionen zur Resozialisierung Inhaftierter beitragen können, während sie gleichzeitig in den institutionellen Rahmen der Strafvollzugsanstalt eingebettet sind.
- Historische Entwicklung des Strafvollzuges vom Mittelalter bis zur Gegenwart
- Rechtliche Grundlagen und Aufgaben der Sozialen Arbeit im Justizvollzug
- Anwendung des "Life Models" von Germain und Gitterman im Haftkontext
- Die "Tertiäre Erziehungstheorie" nach Lutz Rössner als Analyseinstrument
- Spannungsfeld zwischen Resozialisierungsauftrag und Kontrollfunktion
Auszug aus dem Buch
6.1. Das Life Model nach Germain und Gitterman
Carel Bailey Germain (1916-1995) und Alex Gitterman (*1938) stellen in ihren Theorien den systemischen Ansatz von Sozialer Arbeit heraus und folgen somit der Abkehr von der handlungsleitenden psychodynamischen Theorie. Man meint mit Systemen dabei ein gegliedertes, geordnetes Ganzes, wobei Systeme und ihre Elemente ihre Eigenschaften durch die wechselseitige Interaktion miteinander und zur jeweiligen Umwelt erhalten (vgl. Engelke/Borrmann/Spatscheck 2009, S.349f). Geleitet von dem seit der siebziger Jahre bestehenden ökologischen Paradigma entwickelten Germain und Gitterman gemeinsam das sog. „Life Model“, welches Individuen in ihren fortlaufenden Wechselwirkungen mit ihrer Umwelt betrachtet und gezielte Maßnahmen für die praktische Fallarbeit in differenzierten Konstellationen anstrebt.
Hintergrund war die Erkenntnis des Fehlens eines konzeptionellen, systematischen Rahmen, der SozialarbeiterInnen in ihrem Praxisalltag hilft, die Probleme der Menschen, welche in einer psychologischen und sozialen Matrix leben und handeln, zu verbinden und adäquat helfen zu können (vgl. Engelke/Borrmann/Spatscheck 2009, S.353f). Mithilfe des „Life Models“ soll der hilfestellende Dienstleister in der Lage sein, das Entstehen sozialer Probleme und Ressourcen in einem dynamischen Wechselspiel zwischen Individuum und sozialer Umwelt zu beschreiben und zu erklären.
Germain und Gitterman sagen dazu: „Menschen verändern ihre physische und soziale Umwelt und werden von ihr durch kontinuierliche, reziproke Anpassungsvorgänge verändert.“ (Germain/Gitterman 1988, S.5)
Nach Germains und Gittermans Auffassung hat Soziale Arbeit die Aufgabe, Hilfestellung bei der Freisetzung von Entwicklungspotentialen im Leben der Menschen und der Gesellschaft zu leisten, mit dem Ziel progressive Tendenzen der Lebenserhaltung zu unterlegen und regressive Neigungen der Lebensfeindlichkeit abzuwehren. Dabei spielt die Abgestimmtheit und das Zusammenspiel von Person und Umwelt eine primäre Rolle, da Germain und Gitterman davon ausgehen, dass Menschen ihre soziale Umwelt nur dann positiv entwickeln können, wenn die beteiligten Bedürfnisse, Befähigungen, Rechte und Anliegen optimal aufeinander abgestimmt sind. Germain und Gitterman nennen diese Ratio „Person: Umwelt-Wechselwirkung“ (vgl. Germain/Gitterman 1999, S.2).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an der Verknüpfung von sozialarbeitswissenschaftlichen Theorien mit der Praxis des Strafvollzugs.
2. Vorstellung der Institution: Dieses Kapitel erläutert die organisatorischen Rahmenbedingungen, die rechtlichen Vorgaben (§7 und §41 StVollzG) sowie den geregelten Tagesablauf in einer Justizvollzugsanstalt.
3. Sozialarbeiterische Tätigkeiten und Einbindung innerhalb des Arbeitsfeldes: Hier wird die Rolle des Sozialarbeiters als Schnittstelle zwischen Verwaltung und Betreuungsdienst sowie die zentralen Aufgaben bei Aufnahme, Vollzug und Entlassung beschrieben.
4. Rechtliche Grundlagen des Strafvollzuges: Dieses Kapitel beleuchtet das verfassungsrechtliche Mandat des Strafvollzugs, insbesondere den Resozialisierungsauftrag und den Schutz der Allgemeinheit.
5. Historische Entwicklung des Strafvollzuges im epochalen Abriss: Ein chronologischer Überblick über die Wandlung von archaischen Strafen hin zu erzieherisch motivierten Vollzugsformen bis zur modernen Behandlungskonzeption.
6. Theorien der Sozialen Arbeit im Kontext des Strafvollzuges: Theoretische Fundierung durch das "Life Model" und die "Tertiäre Erziehungstheorie", um die Interaktion zwischen Klient und Umwelt sowie die Funktion von Sozialarbeit zu erklären.
7. Resümee: Eine zusammenfassende Reflexion über die ambivalente Stellung der Sozialen Arbeit im Strafvollzug, die einerseits auf Resozialisierung zielt, andererseits in ein System der Kontrolle eingebettet bleibt.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Strafvollzug, Resozialisierung, Life Model, Germain und Gitterman, Tertiäre Erziehungstheorie, Lutz Rössner, StVollzG, Justizvollzugsanstalt, Soziale Kontrolle, Behandlungsvollzug, Sozialisation, Normabweichung, Sozialpädagogik, Fallarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle und die theoretische Fundierung der Sozialen Arbeit innerhalb des deutschen Strafvollzugs und reflektiert deren Wirksamkeit vor einem geschichtlichen Hintergrund.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Gefängniswesens, die rechtliche Verankerung des Resozialisierungsauftrags sowie die Anwendung spezifischer sozialarbeitswissenschaftlicher Theorien im Haftalltag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Sinnzusammenhänge zwischen theoretischen Modellen (Life Model, Tertiäre Erziehungstheorie) und der praktischen sozialarbeiterischen Arbeit mit Inhaftierten herzustellen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Der Autor stützt sich vor allem auf das systemisch-ökologische "Life Model" von Germain und Gitterman sowie die kritisch-rationale "Tertiäre Erziehungstheorie" von Lutz Rössner.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse, wie Sozialarbeiter innerhalb einer JVA durch Beratungsgespräche und vollzugliche Maßnahmen versuchen, defizitäre Lebensentwürfe bei Gefangenen positiv zu beeinflussen.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument am besten?
Resozialisierung, Strafvollzug, Theorie der Sozialen Arbeit, Systemtheorie, soziale Intervention und Normalisierung dissozialen Verhaltens.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Sozialarbeiters im Gefängnis?
Der Autor sieht den Sozialarbeiter als eine Person, die sich in einem schwierigen Spannungsfeld zwischen therapeutischer Hilfe zur Resozialisierung und der Mitwirkung an der administrativen Kontrolle innerhalb der Anstalt bewegt.
Warum wird speziell die "Tertiäre Erziehungstheorie" von Rössner zitiert?
Diese Theorie wird herangezogen, um Sozialarbeit als notwendige "Lernhilfe" zu deuten, die in einem tertiären Bereich ansetzt, um gesellschaftlich nicht konformes Verhalten in normgerechtes Verhalten zu überführen.
- Arbeit zitieren
- B.A. Marek Peters (Autor:in), 2010, Theorien der Sozialen Arbeit im Kontext zum Strafvollzug unter Berücksichtigung geschichtlicher Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/200133