"Neue Kriege" beschäftigen Politik und Forschung. Hier wird versucht, die Frage zu beantworten, was eigentlich neu an ihnen ist; die Entstaatlichung des Krieges wird als zentrales Merkmal herausgearbeitet. Vor diesem Hintergrund werden sodann diskutiert: der Begriff des Krieges, der Wandel des Krieges, die operationale Definition von Krieg sowie seine Typologisierung. Die Ansätze vierer internationaler und deutscher Forschungsprojekte werden unter die Lupe genommen; sie bieten noch genug Raum für Anpassung an die "neuen" Kriege.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Neuen Kriege
2.1. Der Begriff des Krieges
2.2. Dimensionen des Wandels
2.2.1. Der schwache Staat als Vorbedingung
2.2.2. Die Dominanz privater Akteure
2.2.3. Die Ökonomisierung und Verstetigung des Krieges
2.2.4. Die (ökonomische) Transnationalisierung der Konflikte
2.2.5. Die Entregelung und Brutalität des Kriegsgeschehens
2.3. Nichts Neues unter der Sonne? – Der moderne nichtstaatliche Krieg
3. Die Klassifikation von Kriegen
3.1. Staatlichkeit als Maßstab?
3.2. Operationale Typologien
4. Die operationale Definition von Krieg
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Kriegsformen hin zu sogenannten "Neuen Kriegen" und die damit verbundenen Herausforderungen für die Kriegsursachenforschung. Zentrale Forschungsfrage ist, inwieweit etablierte Klassifikationen und operationale Definitionen in der Lage sind, diese entstaatlichten und durch ökonomische Interessen geprägten Konflikte wissenschaftlich zu erfassen.
- Charakteristika und Dimensionen der Neuen Kriege
- Die Problematik der staatlichen Orientierungsgröße
- Kritische Analyse bestehender Kriegstypologien
- Herausforderungen operationaler Kriegsdefinitionen
- Notwendigkeit konzeptioneller Anpassungen in der Forschung
Auszug aus dem Buch
2.2.2. Die Dominanz privater Akteure
Mit der Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols treten in zunehmendem Maße private Akteure in gewaltsamen Konfliktbeziehungen auf. „Das ist möglicherweise ein fundamentaler Wandel. Während des Jahrhunderts, das jetzt hinter uns liegt, hat man mit einigen wenigen Ausnahmen angenommen, bewaffnete Konflikte würden zwischen Staaten oder durch quasistaatliche Organisationen ausgetragen [...]. Heute erleben wir eine Rückkehr zum privaten Unternehmertum im Krieg. Das zeigt sich besonders deutlich in den Teilen der Welt, in denen die Staaten sich auflösen wie in Afrika“, meint der Historiker Eric Hobsbawm (2000: 21/22). Zwar nahmen naturgemäß auch in den bisherigen innerstaatlichen Kriegen nicht-staatliche, somit private Akteure teil, doch waren diese in ihren Zielsetzungen für gewöhnlich direkt auf die Übernahme des Staates oder die Gründung eines eigenen Staates ausgerichtet und bekämpften eine gegnerische staatliche Partei.
Die Neuartigkeit der nun beobachteten privaten Akteure und was sie eigentlich erst ihrem Wesen nach privat, und nicht etwa „quasistaatlich“/öffentlich macht, ist ihre Profitorientierung. Dabei können auch involvierte Staaten eine solche Qualität annehmen, nämlich sobald sie im Verlauf des Staatszerfalls bereits von den Regierenden „gekapert“ und „privatisiert“ worden sind, „that is to say, it [the state] shifts from being the main organization for societal regulation towards an instrument for the extraction of resources by the ruler and his [...] privileged networks“ (Kaldor 2001: 31); „the exercise of political authority [then] is almost indistinguishable from private commercial operations” (Reno 1998: 13). Für profitorientierte nicht-staatliche Kriegsakteure hat sich der Ausdruck „warlord“ etabliert (vgl. Riekenberg 1999), im Deutschen auch „Kriegsherr“, doch können sich auch ursprünglich politisch motivierte bewaffnete Rebellengruppen ökonomisieren und mit ihrer Gewalt fortan prioritär wirtschaftliche Interessen verfolgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Wandel des Kriegsgeschehens seit 1945 und Darstellung der Problematik für die wissenschaftliche Konzeptualisierung.
2. Die Neuen Kriege: Analyse der zentralen Merkmale neuer Konfliktformen, wie der Bedeutung schwacher Staatlichkeit, privater Akteure und ökonomischer Motive.
3. Die Klassifikation von Kriegen: Kritische Auseinandersetzung mit staatszentrierten Typologien und Diskussion alternativer Forschungsansätze.
4. Die operationale Definition von Krieg: Untersuchung der Unzulänglichkeiten existierender Definitionskriterien in Bezug auf nichtstaatliche Konflikte.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Notwendigkeit einer konzeptionellen Erweiterung der Kriegsursachenforschung.
6. Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Neue Kriege, Kriegsursachenforschung, Staatszerfall, Warlords, Kriegsökonomien, Gewaltmärkte, privates Militärunternehmertum, Transnationalisierung, nichtstaatliche Akteure, Klassifikation von Kriegen, operationale Definitionen, Staatlichkeit, Gewaltmonopol, internationale Beziehungen, Konfliktforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen, vor denen die Kriegsursachenforschung durch das Auftreten sogenannter "Neuer Kriege" steht, die sich dem klassischen Modell zwischenstaatlicher Konflikte entziehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Untersuchung konzentriert sich auf den Wandel von Kriegsursachen und -formen, die Rolle ökonomischer Faktoren, die Dominanz privater Gewaltakteure und die Frage der Staatlichkeit als Ordnungskriterium.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den konzeptionellen Anpassungsbedarf in der Kriegsursachenforschung aufzuzeigen, damit wissenschaftliche Klassifikationen und Definitionen auch für moderne, nichtstaatliche Gewaltphänomene anwendbar werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine qualitative Literaturanalyse durch, in der er führende Konzepte und Forschungsprojekte im Bereich der Internationalen Beziehungen und Kriegsursachenforschung kritisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung der Dimensionen Neuer Kriege, eine kritische Diskussion bestehender Klassifikationssysteme und eine Untersuchung der Operationalisierungsproblematik in zentralen Forschungsinstituten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören "Neue Kriege", "Staatszerfall", "Kriegsökonomie" sowie die Begriffe "Operationale Definition" und "Staatlichkeit".
Warum ist das Kriterium der Staatlichkeit problematisch?
Staatlichkeit als zentrales Ordnungskriterium greift bei vielen heutigen Konflikten zu kurz, da diese oft in "staatsfreien Räumen" stattfinden und die Akteure nicht mehr zwangsläufig staatliche oder nationalstaatliche Ziele verfolgen.
Welche Rolle spielen private Sicherheits- und Militärunternehmen (PMCs/PSCs)?
Diese Akteure nehmen eine neue Qualität im Kriegsgeschehen ein, da sie gegen Entlohnung kriegsentscheidende Aufgaben übernehmen und somit das staatliche Gewaltmonopol weiter aushöhlen.
- Quote paper
- Frank Stadelmaier (Author), 2003, Neue Kriege und die Kriegsforschung. Zur Notwendigkeit einiger Anpassungsleistungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/19932