„Macht ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der für Abhängigkeits- oder Überlegenheitsverhältnisse verwendet wird, d.h. für die Möglichkeit der M.-Habenden, ohne Zustimmung, gegen den Willen oder trotz Widerstandes anderer die eigenen Ziele durchzusetzen und zu verwirklichen. M. kann von Personen, Gruppen, Organisationen (Parteien, Verbänden, Behörden) bzw. dem Staat ausgeübt werden oder von gesellschaftlichen (wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen, kulturell-religiös geprägten) Strukturen ausgehen. “
Im aktuellen politischen Geschehen kommt eben dieser Begriff der „Macht“ sehr oft zur Sprache. Gerade in Nachrichten aus Ländern wie zum Beispiel Ägypten oder Tunesien geht es immer wieder darum, wer wann wie viel Macht haben darf, beziehungsweise haben soll, und vor allem, wer auf gar keinen Fall mehr an die Macht kommen darf. Demzufolge muss man davon ausgehen, dass Macht sowohl positiv als auch negativ belegt sein kann. Während die negative Seite für die Bevölkerung eines Landes meist Unterdrückung und Einengung bedeutet, da der Machthabende, wie in dem oben aufgeführten Zitat erwähnt, seine eigenen Ziele verfolgt und dabei das Gemeinwohl außer Acht lässt, kann eine positive Nutzung von Macht für das Volk durchaus angenehm sein: die Menschen können sich sicher fühlen, der Machthabende verfolgt Ziele, welche mit den Wünschen des Volkes übereinstimmen, er nutzt seine Macht nicht aus. Wenn man sich die aktuellen Probleme mit Diktatoren ansieht und mit der Vergangenheit vergleicht, so stellt man fest, dass diese Schwierigkeiten durchaus keine Neuheiten darstellen. Betrachtet man die Antike, so erkennt man, dass es in der römischen Kaiserzeit sowohl „gute“ als auch „schlechte“ Kaiser gab, wobei sich „gut“ und „schlecht“ auf die Art und Weise der Regierung und der Machthandhabung bezieht. Nero, fasziniert von griechischem Theater und Musik und misstrauisch gegenüber allen, die in seinen Augen zu viel Macht innehatten, verfolgte diese Interessen beispielsweise nachdrücklich, ohne sich darum zu kümmern, ob dies für das römische Volk von Nutzen war. Ganz anders verhielten sich Kaiser wie Vespasian: auch er erhielt durch den Erlass der lex de imperio Vespasiani (s.Anhang I) große Machtzugeständnisse, doch nutzte er sie, um zum Beispiel das Heer zu reorganisieren, Grenzen zu sichern und die Schulden, die Nero hinterlassen hatte auszugleichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vespasian in Rom
3. Die lex de imperio Vespasiani - Allgemeine Hintergründe
4. Die Paragraphen der lex de imperio Vespasiani
4.1. Paragraph 1 – Abschließen von Verträgen
4.2. Paragraph 2 – Einberufen von Senatssitzungen
4.3. Paragraph 3 – Beschlüsse in Senatssitzungen
4.4. Paragraph 4 – Verteilung von Ämtern und Neuordnung des Senats
a) Chancen, Probleme und Verpflichtungen
b) Senatorenlaufbahn
c) Neuordnung des Senats
4.5. Paragraph 5 – Grenzausdehnung Roms
4.6. Paragraph 6 – Vollmacht – ja oder nein?
4.7. Paragraph 7 – Entbindung von bestimmten Gesetzen
4.8. Paragraph 8 – Rückwirkende Legitimation
4.9. Sanctio – Strafandrohung
5. Schluss und Ausblick: Die Bedeutung der lex de imperio Vespasiani
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die lex de imperio Vespasiani, ein grundlegendes Gesetz des römischen Staatsrechts, um zu analysieren, welche Befugnisse Kaiser Vespasian durch dieses Dokument erhielt und in welcher Weise er diese nutzte. Dabei wird erforscht, welche Bedeutung das Gesetz für den Princeps sowie den Senat hatte und wie es im Kontext der kaiserlichen Herrschaftsausübung zu bewerten ist.
- Analyse der einzelnen Paragraphen des Bestallungsgesetzes
- Untersuchung des historischen Hintergrunds und Amtsantritts Vespasians
- Bewertung der Machtstrukturen im Vergleich zwischen Vespasian und Augustus
- Darstellung der senatorischen Laufbahn und der Neuordnung des Senats
- Diskussion über die interpretatorische Doppeldeutigkeit einzelner Klauseln
Auszug aus dem Buch
4.6. Paragraph 6 – Vollmacht – ja oder nein?
„dass es das Recht und die Vollmacht haben solle, alle Maßnahmen, die nach seiner Ansicht im Interesse des Staates liegen und der Erhabenheit der göttlichen menschlichen, staatlichen und privaten Dinge angemessen sind, einzuleiten und zu treffen, so wie es der vergöttlichte Aug(ustus), Ti(berius) Iulius Caesar Aug(ustus) und Tiberius Claudius Caesar Aug(ustus) Germanicus hatten.“
„Es gibt wohl nur wenige Sätze der lateinischen Literatur, die, obschon kurz, ohne schwere Verderbnis überliefert und semantisch hinreichend klar, derart unterschiedliche Deutungen erfahren haben [...]“ Doch welche Deutungen sind das und was bedeutete dieser Artikel für Vespasian?
Zum einen kursiert die Meinung, durch diesen Paragraph hätte er die vollständige Macht in seiner Hand und wäre von den Gesetzen entbunden. Die Republik hätte demnach also dem Absolutismus Platz gemacht. Diese Ansicht vertrat zum Beispiel der britische Althistoriker Peter Brunt. Eine andere Sicht der Dinge ergibt der Paragraph, wenn man annimmt, dass der princeps nur dann die Vollmacht innehatte, wenn sich der Staat in einer Notsituation befand. Bengtson gehört zu eben jenen Historikern, die der Meinung sind, es handle sich um ein Gesetz, welches in Notsituationen in Kraft getreten wäre. Begründet wird diese Meinung damit, dass bei einer generellen Vollmacht die restlichen Paragraphen der lex überflüssig gewesen wären. Manche Historiker glauben, es handle sich nur um die Unterstreichung der Regierungsgewalt des Herrschers. Pabst selbst ist der Meinung, es handle sich zwar in gewisser Weise schon um eine Art Vollmacht, jedoch ist der princeps dazu gezwungen, bei jeder Entscheidung den Nutzen für die Republik abzuwägen. Barbara Levick geht sogar soweit, diese verwirrende Doppeldeutigkeit als gewisse Absicht zu deklarieren. Die so genannte „diskretionäre Klausel“, wie der Paragraph 6 der lex auch oft bezeichnet wird, ist in der Forschung, wie man sieht, in ihrer Bedeutung sehr hoch eingestuft worden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den Machtbegriff im politisch-soziologischen Kontext und führt in die Rolle Vespasians als Kaiser ein.
2. Vespasian in Rom: Beschreibt den Aufstieg Vespasians, seinen Amtsantritt und die schwierige politische Ausgangslage in Rom.
3. Die lex de imperio Vespasiani - Allgemeine Hintergründe: Beleuchtet die Entstehung und den Charakter des Bestallungsgesetzes als Machtgrundlage des Kaisers.
4. Die Paragraphen der lex de imperio Vespasiani: Analysiert detailliert die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes sowie deren Auswirkungen auf Senat und Kaisertum.
5. Schluss und Ausblick: Die Bedeutung der lex de imperio Vespasiani: Reflektiert die historische Bedeutung des Gesetzes bis in das Mittelalter und zieht ein Fazit zum Wandel des Prinzipats.
Schlüsselwörter
Vespasian, lex de imperio Vespasiani, Römisches Kaiserreich, Prinzipat, Senat, Machtstrukturen, Bestallungsgesetz, Princeps, Augustus, Senatsbeschluss, Volksentscheid, Herrschergewalt, römische Geschichte, Kaiserzeit, diskretionäre Klausel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der lex de imperio Vespasiani, einem zentralen juristischen Dokument, das die rechtliche Grundlage der Herrschaft des römischen Kaisers Vespasian bildete.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Das Werk behandelt die Machtverhältnisse zwischen Kaiser und Senat, die Bedeutung der kaiserlichen Gesetzgebung, die historische Einordnung der flavischen Zeit sowie die Entwicklung der römischen Kaiserherrschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, welche speziellen Befugnisse Vespasian durch das Gesetz erhielt und inwieweit diese die politische Praxis und das Verhältnis zum Senat beeinflussten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie die epigraphischen Quellen des Gesetzes untersucht und mit der aktuellen Forschungsliteratur sowie zeitgenössischen Berichten abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Paragraphen der lex de imperio Vespasiani detailliert aufgeschlüsselt, inklusive der Klauseln zu Ämtervergabe, Grenzausdehnung, Vollmacht und der rechtlichen Absicherung (sanctio).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Vespasian, lex de imperio Vespasiani, Prinzipat, Senat, Machtausübung und Bestallungsgesetz.
Welche Rolle spielte der Senat bei der Ausrufung Vespasians zum Kaiser?
Der Senat legitimierte die ursprünglich durch das Heer und die Provinzen erfolgte Ausrufung Vespasians nachträglich und erkannte ihn offiziell als Kaiser an, nachdem sich die flavische Seite durchgesetzt hatte.
Warum wird im Dokument mehrfach auf Augustus, Tiberius und Claudius verwiesen?
Die Verweise dienen als Referenzrahmen im Gesetzestext, um die Befugnisse Vespasians in die Tradition der als „gut“ geltenden Vorgänger zu stellen, was die Legitimität seiner Herrschaft stärken sollte.
Was besagt die sogenannte „transitorische Klausel“ (Paragraph 8)?
Sie dient der rückwirkenden Legitimation aller Amtshandlungen, die Vespasian vor seiner offiziellen senatorischen Anerkennung als Kaiser bereits vollzogen hatte.
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- Franziska Huber (Author), 2011, Vespasian und die 'lex de imperio Vespasiani', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/199180