„Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein umso mehr". Wenn zu dieser großen Herausforderung eine weitere hinzu kommt, zum Beispiel in Form einer geistigen Behinderung eines oder beider Elternteile, gilt es eine Vielzahl von Fragen zu klären.
Indessen wird eine Elternschaft geistig behinderter Menschen als Tabu-Thema beschrieben und kaum jemand weiß etwas darüber. Dies geht soweit, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung im Bereich der Familiengründung zahlreiche Einschränkungen ihrer Menschenrechte ertragen müssen. Während im Normalfall einer Frau zu ihrer Schwangerschaft gratuliert wird, löst die Schwangerschaft einer Frau, die als „geistig behindert“ eingestuft wird, in der Regel eher eine ablehnende Haltung aus. In vielen Fällen einer Elternschaft von Menschen mit speziellem Förderbedarf trennt das Jugendamt sofort nach der Geburt die Mütter von ihren oft gesunden Kindern. „Nur selten erhalten geistige behinderte Mütter die Chance, ihre Elternschaft auszuüben.“4 Erst in den letzten Jahren wurden neue Studien eruiert und es entstanden Einrichtungen und Methodensammlungen zur Bearbeitung dieses Themas. Grund dafür ist der Wandel durch den Normalisierungsgedanken, die Selbstbestimmung und die Integrationsdiskussion.
Unter Betrachtung dieser Aspekte, ist es das Ziel dieser Bachelor-Arbeit die folgenden beiden Fragestellungen zu klären:
1. Welche rechtlichen Grundlagen gibt es im Zusammenhang mit einer Elternschaft von Menschen mit einer geistigen Behinderung?
2. Welche Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern mit geistiger Behinderung gibt es? Erläuterungen am Beispiel der Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘.
Das Ergebnis dieser Bachelor-Arbeit soll ein Leitfaden sein, der sowohl Professionellen in Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, MitarebeiterInnen in Beratungsstellen, sowie Eltern und Angehörigen einen guten Überblick über die Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung gibt. Dabei befasst sich diese Zusammenstellung mit Unterstützungsmöglichkeiten im Falle eines Kinderwunsches, der Schwangerschaft und des Eltern-Seins. Im Anhang werden ausgewählte Methoden zur Bearbeitung des Themas in Gesprächen oder Seminaren zusammengetragen. Außerdem werden die rechtlichen Grundlagen für eine Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung aufgeführt.
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4 www.eltern.t-online.de, 23.05.2012
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitionen
2.1 Behinderung
2.2 Geistige Behinderung - der Versuch einer Begriffsbestimmung
3 Zahlen über Elternschaften bei Menschen mit geistiger Behinderung
4 Rechtliche Fragen im Zusammenhang der Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung
4.1 Das Normalisierungsprinzip
4.2 Übergeordnete gesetzliche Regelungen
4.3 Das Betreuungsgesetz
4.4 Rechtsstellung von Menschen mit geistiger Behinderung
4.5 Elterliche Sorge
4.6 Rechtliche Fragen hinsichtlich der professionellen Begleitung von Eltern mit geistiger Behinderung
5 Vorbereitung auf die Elternschaft und Hilfestellung während der Elternschaft
5.1 Methoden, Materialien und Werkzeuge
5.2 Unterstützungsnetzwerke als Hilfen bei der Ausübung der Elternschaft
5.3 Hilfen bei der Ausübung der Elternschaft durch die Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘
5.3.1 Die Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘
5.3.2 Ziele und Aufnahmebedingungen
5.3.3 Räumliche Ausstattung
5.3.4 Aufgaben und Qualifikation der BegleiterInnen
5.3.5 Rechtliche Grundlagen und Finanzierung
5.3.6 Arbeitsweisen/ Methoden
5.3.7 Schlussbemerkung
6 Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die rechtlichen Grundlagen und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung bei der Ausübung ihrer Elternschaft. Ziel ist es, einen Leitfaden für Fachkräfte, Berater und Angehörige zu entwickeln, um Barrieren abzubauen und die elterliche Selbstbestimmung unter Berücksichtigung des Kindeswohls zu fördern.
- Rechtliche Rahmenbedingungen (Grundgesetz, Betreuungsgesetz, Sorge- und Kinderschutzrecht)
- Konzept des Normalisierungsprinzips in der Behindertenhilfe
- Methoden der sexualpädagogischen Beratung und Informationsvermittlung
- Aufbau und Koordination sozialer und institutioneller Unterstützungsnetzwerke
- Praxisbeispiel: Die Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘
Auszug aus dem Buch
4.1 Das Normalisierungsprinzip
Der Normalisierungsgedanke wurde in den 50er Jahren von dem Dänen BANK-MIKKELSEN entwickelt und in Mitte der 70er Jahre durch den Schweden NIRJE zu acht Grundsätzen des Normalisierungsprinzips ausformuliert (Anhang 2: Acht Grundsätze des Normalisierungsprinzips). Dabei sollte man „(...) den geistig Behinderten dazu verhelfen, ein Dasein zu führen, das so normal ist, wie es nur irgendwie ermöglicht werden kann.“ Ein Leben, das sich nicht von den gesellschaftlich anerkannten Lebensweisen anderer Menschen unterscheidet ist gekennzeichnet durch einen normalen Tagesablauf, einen normalen Wochen- und Jahresrhythmus, einen normalen Lebenslauf, das Leben in einer zweigeschlechtlichen Welt, Ansehen und Respekt, einen normalen materiellen Lebensstandard und normalen Standards bei Wohnen und Arbeit.
Aufgrund dieser Betrachtungen wäre das Normalisierungsprinzip nur anwendbar, wenn es möglich wäre, das Lebensumfeld eines Menschen mit geistiger Behinderung individuell nach seinen Bedürfnissen zu gestalten und anzupassen. Fraglich ist nur, ob Menschen, die dazu in der Lage wären ein solches individuelles Lebensumfeld zu wählen, diese Möglichkeit beispielsweise in einem Wohnheim oder anderen Wohneinrichtungen haben. Hier sind oftmals die Gestaltungsmöglichkeiten schon durch Betreuungszeiten, Tagesabläufe, Zimmeraufteilung etc. eingeschränkt. Besonders in Bezug auf eine Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung gibt es weitere Begrenzungen durch die geringe Anzahl von Wohneinrichtungen der Begleiteten Elternschaft und auch durch die dortigen individuellen Einschränkungen im Tageslauf.
Daraus lässt sich schließen, dass die Umsetzung des Normalisierungsprinzips momentan noch nicht vollzogen ist und eine immerwährende Aufgabe der Gesellschaft bleibt. Dennoch und gerade aus diesem Grund ist wichtig, dass es diesen Grundsatz gibt und dass er für die Behindertenbewegung einen Weg bereitet, der ein Leben nach den Bürgerrechten und damit auch ein Leben mit einem Kind ermöglicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderungen und das gesellschaftliche Tabu einer Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung und leitet die Forschungsfragen zur Rechtslage und Unterstützung ab.
2 Definitionen: Es werden verschiedene Perspektiven (medizinisch, psychologisch, pädagogisch, soziologisch) auf den Begriff der geistigen Behinderung und den Wandel von der Defizitorientierung hin zur Partizipation (ICF) beleuchtet.
3 Zahlen über Elternschaften bei Menschen mit geistiger Behinderung: Dieses Kapitel stellt statistische Daten zur Schwerbehinderung in Deutschland dar und diskutiert Studien zur Anzahl von Elternschaften von Menschen mit geistiger Behinderung.
4 Rechtliche Fragen im Zusammenhang der Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung: Hier erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Normalisierungsprinzip, gesetzlichen Grundlagen wie dem Grundgesetz und der UN-Konvention sowie der Ausübung der elterlichen Sorge.
5 Vorbereitung auf die Elternschaft und Hilfestellung während der Elternschaft: Der Fokus liegt auf praktischen Methoden der Beratung, sexualpädagogischen Materialien und der Rolle der ‚Begleiteten Elternschaft‘ als Unterstützungsmodell.
6 Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit: Das Kapitel reflektiert die Anforderungen an Fachkräfte in Beratungsstellen und die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Stärkung der Elternkompetenzen.
Schlüsselwörter
Elternschaft, geistige Behinderung, Normalisierungsprinzip, Begleitete Elternschaft, elterliche Sorge, Beratungsarbeit, Unterstützungsnetzwerke, Sozialgesetzbuch, Kindeswohl, sexualpädagogische Materialien, Teilhabe, Lebenshilfe, rechtliche Betreuung, Sozialraumorientierung, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die rechtliche Situation und die praktischen Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung, die sich den Wunsch nach einem eigenen Kind erfüllen möchten oder bereits Eltern sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Elternrecht von Menschen mit Behinderung, die rechtliche Betreuung vs. elterliche Sorge, die Förderung durch begleitete Wohnformen und die methodische Beratung bei Kinderwunsch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte klären, welche rechtlichen Grundlagen bestehen und wie eine professionelle Unterstützung durch Organisationen wie die ‚Begleitete Elternschaft‘ konkret ausgestaltet sein kann, um ein gelingendes Familienleben zu ermöglichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse unter Einbeziehung von Fachpublikationen, Gesetzeskommentaren, UN-Konventionen sowie Erkenntnissen aus bestehenden Modellen der Behindertenhilfe und Sozialen Arbeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die rechtlichen Voraussetzungen für die elterliche Sorge, Finanzierungsmodelle für Unterstützungsmaßnahmen sowie konkrete pädagogische Instrumente wie das ‚Kinderwunschspiel‘ oder Babysimulatoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie elterliche Sorge, Normalisierungsprinzip, Inklusion, Begleitete Elternschaft und Unterstützungsmöglichkeiten zusammenfassen.
Wie unterscheidet sich die rechtliche Betreuung von der elterlichen Sorge?
Die rechtliche Betreuung ist ein Unterstützungsangebot für Erwachsene zur Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten, während die elterliche Sorge das Recht und die Pflicht zur Erziehung eines Kindes umfasst. Eine rechtliche Betreuung schließt die elterliche Sorge nicht automatisch aus.
Welche Bedeutung haben Sexualpädagogische Materialien für die Zielgruppe?
Aufgrund von Barrieren in der Schriftsprache sind visualisierte Materialien (Piktogramme, Bilder) essenziell, um Menschen mit geistiger Behinderung Wissen über Körperprozesse, Schwangerschaft und Elternschaft zugänglich zu machen und die Selbstbestimmung zu fördern.
- Quote paper
- Gabriele Lorenz (Author), 2012, Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198989