In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, ob sich in der Sprache und im Handeln der weiblichen Figuren der Volksstücke "Italienische Nacht", "Geschichten aus dem Wiener Wald" und "Glaube Liebe Hoffnung" ein utopisches Potenzial ausdrückt. Es soll gezeigt werden, dass vor allem Horváths Fräulein-Figuren die Sehnsucht nach alternativen Lebensformen äußern, die meist in einem Versuch der Emanzipation münden, einer Durchbrechung der patriachalen Normen ihrer Gesellschaft. Auch soll hinterfragt werden, ob die Frauen mit ihren Kommentaren zu gesellschaftlichen und politischen Problemen ernsthafte Lösungsansätze formulieren. Die Bedeutung der Frauen-Figuren und deren direkte Verbindung mit der Sphäre des Politischen hebt schon Dieter Hildebrandt treffend hervor:
Das Fräulein ist die weibliche Vertreterin in jener Auseinandersetzung, die bei Horváth unmittelbar in die Stelle des Klassenkampfes tritt: der Kampf der Geschlechter.
Es soll nun untersucht werden, ob die Frauen-Figuren durch ihre Erkenntnis der Notwendigkeit politischer und sozialer Veränderungen von Horváth als den Männern geistig überlegen dargestellt werden oder sie, wie Marcel Reich-Ranicki bemerkt, lediglich „Mädchen von schlichter Denkart sind, die er [Horváth] als Opfer männlicher Gier und der männlichen Eitelkeit, des wirtschaftlichen Elends und der sozialen Verhältnisse zeigt“. Dabei ist es unumgänglich, das Agieren der Frauen mit dem der Männer in Horváths Stücken zu kontrastieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchung zum utopischen Potenzial der weiblichen Figuren in Horváths Volksstücken
2. 1 Versuch einer poetologischen Bestimmung horváthscher Volksstücke
2.2 Einordnung der Volksstücke in das Gesamtwerk des Autors
2.3 Die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft um 1930 und in Horváths Volksstücken
2.4 Italienische Nacht
2.4.1 Anna „Ich war blöd, dumm, verlogen, häßlich – er hat mich emporgerissen“
2.4.2 Adele – Aufbegehren des „Hausmütterchens“
2.4.3. Die weibliche Utopie einer Trennung von Öffentlichem und Privatem
2.5 Geschichten aus dem Wiener Wald
2.5.1 Marianne – Selbsterkenntnis und Befreiungsversuche
2.5.1.1 Demaskierung des männlichen Bewusstseins
2.5.1.2 Die Sprache der Aufmüpfigen
2.5.2 Valerie – Anzeichen von weiblicher Solidarität?
2.6 Glaube Liebe Hoffnung
2.6.1 Elisabeth – Optimismus kämpft gegen Realismus
2.6.1.1 Das Motiv der Prostitution
2.6.2 Die Utopie des weiblichen Zusammenhalts
2.6.3 Glaube Liebe Hoffnung – Das Stück als eine Reaktion auf die politische Situation
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit sich in Sprache und Handeln der weiblichen Figuren in Ödön von Horváths Volksstücken Italienische Nacht, Geschichten aus dem Wiener Wald und Glaube Liebe Hoffnung ein utopisches Potenzial manifestiert, das über die patriarchalen Normen ihrer Zeit hinausweist.
- Analyse des utopischen Potenzials der Fräulein-Figuren
- Untersuchung der weiblichen Emanzipationsversuche und deren Scheitern
- Kontrastierung der Frauenfiguren mit den männlichen Rollenbildern
- Erkenntnis politischer Zusammenhänge durch die weiblichen Protagonistinnen
- Deutung der Sprachverwendung als Mittel zur Demaskierung des Bildungsjargons
- Einordnung der Stücke in Horváths dramentheoretisches Gesamtwerk
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Anna „Ich war blöd, dumm, verlogen, häßlich – er hat mich emporgerissen“
Dieser Satz, geäußert von Anna im Gespräch mit Karl, kann, isoliert betrachtet schwer als ein Ausdruck eines emanzipierten Geistes betrachtet werden. Wichtig ist aber, dass diese Aussage lediglich die Disposition von Annas Bewusstseins zu Beginn des Stückes schildert. In einem Gespräch mit dem eher hedonistisch veranlagten Sozialdemokraten Karl, wird sie nämlich darauf hingewiesen, dass Martins Handeln, dass man als eine Art Versachlichung der Liebe bezeichnen könnte, doch recht zweifelhaft ist. Sie schildert die Situation zunächst folgendermaßen :
Ist doch alles in Ordnung – der Martin möchte doch nur etwas genauere Informationen über denen ihre Kleinkaliber haben – und dazu soll ich mich halt einem Faschisten nähern, um ihn auszuhorchen –
Stille. Das elliptische Auslaufen des Satzes, angedeutet durch den Gedankenstrich am Ende und die darauf folgende Stille, auf deren Bedeutung im Kapitel zu Horváths dramaturgischen Verfahren schon hingewiesen wurden, verdeutlichen, dass Anna am Ende schon nicht mehr recht an das glaubt, was sie da eigentlich sagt. Durch Karls Schweigen und den daran anschließenden ironischen Kommentaren wird Anna die Dimension von Martins Forderung erst bewußt, die Karl knapp und treffend formuliert: „Er schickt dich doch gewissermaßen auf den politischen Strich“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, ob Horváths Fräulein-Figuren Sehnsucht nach alternativen Lebensformen und emanzipatorisches Potenzial ausdrücken.
2. Untersuchung zum utopischen Potenzial der weiblichen Figuren in Horváths Volksstücken: Analyse der dramaturgischen Vorgehensweise Horváths, seiner Poetologie und der gesellschaftlichen Rolle der Frau in den 1930er Jahren.
2. 1 Versuch einer poetologischen Bestimmung horváthscher Volksstücke: Darstellung von Horváths Verständnis des Volksstücks als „treuer Chronist“ seiner Zeit und der Bedeutung des Bildungsjargons.
2.2 Einordnung der Volksstücke in das Gesamtwerk des Autors: Analyse der Verschiebung von einer Kritik konkreter gesellschaftlicher Zustände hin zu metaphysischen Fragestellungen.
2.3 Die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft um 1930 und in Horváths Volksstücken: Untersuchung der frauenfeindlichen Traditionen und des Objektstatus der Frau in den besprochenen Werken.
2.4 Italienische Nacht: Analyse des Versagens der Sozialdemokratie und der weiblichen Behauptung gegenüber den Männern.
2.4.1 Anna „Ich war blöd, dumm, verlogen, häßlich – er hat mich emporgerissen“: Beschreibung von Annas Bewusstseinswandel im Verlauf des Stückes.
2.4.2 Adele – Aufbegehren des „Hausmütterchens“: Untersuchung von Adeles Widerstand gegen die Bevormundung durch ihren Ehemann.
2.4.3. Die weibliche Utopie einer Trennung von Öffentlichem und Privatem: Analyse des Wunsches nach einer Trennung von politischen Idealen und persönlichem Umgang.
2.5 Geschichten aus dem Wiener Wald: Betrachtung der Machtstrukturen und der Selbsterkenntnis der Frauenfiguren.
2.5.1 Marianne – Selbsterkenntnis und Befreiungsversuche: Darstellung von Mariannes gescheitertem Versuch, aus patriarchalen Strukturen auszubrechen.
2.5.1.1 Demaskierung des männlichen Bewusstseins: Untersuchung der geistigen Kapazität Mariannes, die falsche Identität der Männer zu entlarven.
2.5.1.2 Die Sprache der Aufmüpfigen: Analyse der sprachlichen Veränderung Mariannes als Ausdruck ihrer Desillusionierung.
2.5.2 Valerie – Anzeichen von weiblicher Solidarität?: Prüfung, ob Valerie als Kontrastfigur Ansätze weiblicher Solidarität zeigt.
2.6 Glaube Liebe Hoffnung: Untersuchung von Elisabeths Schicksal als Opfer bürokratischer Willkür.
2.6.1 Elisabeth – Optimismus kämpft gegen Realismus: Analyse der Hauptfigur und ihres Strebens nach Selbstständigkeit.
2.6.1.1 Das Motiv der Prostitution: Diskussion des Topos des weiblichen Körpers als Ware.
2.6.2 Die Utopie des weiblichen Zusammenhalts: Untersuchung von Ansätzen solidarischen Handelns unter Frauen im Stück.
2.6.3 Glaube Liebe Hoffnung – Das Stück als eine Reaktion auf die politische Situation: Deutung des Stücks als Schwellenwerk zum Spätwerk und Zeichen einer Entpolitisierung.
3. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des utopischen Potenzials und des Scheiterns der Frauenfiguren in den analysierten Volksstücken.
Schlüsselwörter
Ödön von Horváth, Volksstücke, Fräulein-Figuren, Emanzipation, Patriarchat, Utopisches Potenzial, Bildungsjargon, Demaskierung, Geschlechterrollen, Italienische Nacht, Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung, Weibliche Solidarität, Sozialkritik, Entpolitisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die weiblichen Figuren in ausgewählten Volksstücken von Ödön von Horváth ein utopisches Potenzial besitzen, das sich in ihrem Handeln und in ihrer Sprache gegen die vorherrschenden patriarchalen Normen richtet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation, die Sprache als Mittel zur Demaskierung männlicher Ideologie sowie die gesellschaftliche Rolle der Frau in der Weimarer Republik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, ob Horváths Frauenfiguren in ihrem Handeln eine Alternative zum männlich dominierten Diskurs formulieren und ob ihre Rebellion als utopisch zu bezeichnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse der genannten Volksstücke, unterstützt durch eine Einordnung in Horváths dramentheoretische Schriften und unter Einbeziehung der Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine dramaturgische Analyse der Stücke Italienische Nacht, Geschichten aus dem Wiener Wald und Glaube Liebe Hoffnung, wobei jeweils das Handeln und die Sprache der Frauenfiguren im Zentrum steht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ödön von Horváth, Emanzipation, Patriarchat, Bildungsjargon, Demaskierung, Geschlechterrollen und Utopisches Potenzial.
Wie unterscheidet sich Elisabeth in "Glaube Liebe Hoffnung" von den anderen Frauenfiguren?
Im Gegensatz zu den anderen Frauenfiguren zeigt Elisabeth bereits zu Beginn des Stückes eine realistisch-pessimistische Weltsicht, da ihre Naivität aufgrund ihrer Lebensgeschichte bereits vor Spielbeginn zerstört wurde.
Welche Rolle spielt die Sprache der Männer für die Frauenfiguren?
Die Frauenfiguren entlarven den "Bildungsjargon" der Männer – eine Mischung aus Phrasen und Vorurteilen – als Ausdruck eines falschen Bewusstseins und einer uneigentlichen, repressiven Geisteshaltung.
Warum scheitern die Emanzipationsversuche der Frauenfiguren laut der Analyse?
Das Scheitern ist laut Autorin systembedingt; die Frauenfiguren befinden sich in einem hoffnungslosen Umfeld, in dem die patriarchalen Machtstrukturen ihre Bemühungen um Selbstbestimmung konsequent vereiteln.
- Quote paper
- Julia Linda Schulze (Author), 2007, Zum utopischen Potenzial der Fräulein-Figuren in Ödön von Horváths Volksstücken "Italienische Nacht", "Geschichten aus dem Wiener Wald" und "Glaube Liebe Hoffnung" , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198980