1.Einleitung
„Das ideale Gedicht wäre das schweigende Gedicht in lauter Weiß.“ (Kipphardt 302) Dieser Satz gibt einen guten Gesamteindruck von Kipphardts Lyrik in seinen letzten Lebensjahren wieder. Wurden seine frühen Texte eher als „breit, voluminös“ (Kipphardt 299) bezeichnet so wirken sie in späteren Jahren „inhaltlich auf das Wesentliche reduziert, beschnitten – manchmal lakonisch.“ (Kipphardt 299) Heinar Kipphardt war zeitlebens ein Außenseiter. Seine Texte und Werke sind sehr politisch und befassen sich häufig mit der Kriegs-Thematik, zweifellos steht dies in einem biographischen Zusammenhang. Er flüchtete aus dem nationalsozialistischen Deutschland, später aus der DDR. Das Verhältnis zu seinem Vater – welcher im Nationalsozialismus als Marxist galt und in ein KZ interniert wurde – war häufig angespannt, das Verhältnis zur Mutter hingegen war sehr vertraut und innig. Das Gedicht „Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern“ entstand 1980, zwei Jahre vor seinem Tod. Es ist dementsprechend seiner eher lakonischen, minimalistischen Schreibphase zuzuordnen.
Kipphardt studierte Medizin mit dem Schwerpunkt auf Psychiatrie. Diesen Beruf übte er auch einige Jahre aus, ehe er letztlich Dramaturg, Lyriker und Autor wurde. Schon während seiner Tätigkeit als Psychiater schrieb er einige Gedichte und andere Texte. Besondere Aufmerksamkeit widmete er unter anderem der Schizophrenie. Er trat in Briefkontakt mit Leo Navratil und entwickelte aus diesem Briefwechsel heraus seine literarische Figur, der schizophrene Alexander März. In der Rolle des Alexander verfasste er ebenfalls Gedichte, die letztendlich im Roman „März“ und dem Gedichtband „Angelsbrucker Notizen“ publiziert wurden. Das in dieser Hausarbeit thematisierte Gedicht ist diesen „März-Gedichten“ nicht zuzuordnen und doch stellt sich die Frage: Wieviel Schizophrenie steckt in den Gedichten Kipphardts, die außerhalb seiner Rolle als Alexander März entstanden sind?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eine kurze formelle Analyse
3. Anton Weberns Musik im Vergleich zu dem Gedicht
4. Analyse der schizophrenen Aspekte des Gedichts im Vergleich zu Adolf Wölflis „Wiigen=Lied“
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern“ von Heinar Kipphardt auf seine strukturellen und inhaltlichen Parallelen zur Schizophrenie sowie zur Musik von Anton von Webern.
- Analyse der formalen Struktur und Rhetorik des Gedichts
- Vergleich der Kompositionsweise Anton von Weberns mit der Lyrik Kipphardts
- Untersuchung schizophrener Sprachmerkmale im Vergleich zu Adolf Wölfli
- Beurteilung der Authentizität der schizophrenen Darstellung bei Kipphardt
Auszug aus dem Buch
Anton Weberns Musik im Vergleich zu dem Gedicht
Anton Webern war ein österreichischer Komponist und Sohn von Karl Freiherr von Webern. Den Namenszusatz „von“ musste er 1919 im Rahmen des Adelsaufhebungsgesetzes aufgeben. Er lebte von 1883 bis 1945. Seine ersten musikalischen Instruktionen erhielt er von seiner Mutter, einer (laienhaften) Pianistin. Die erste professionelle Musiktheorie-, sowie Piano-Ausbildung bekam er von Edwin Komauer in Klagenfurt. Außerdem lernte er das Violoncello-Spiel. Aus dieser Zeit in Klagenfurt stammen seine ersten zwei Kompositionen für Cello und Klavier. Es folgte 1902 bis 1906 ein Musikwissenschaftsstudium an der Wiener Universität, wo er unter anderen Arnold Schönberg kennen lernte, bei dem er 1904 bis 1908 Unterricht nahm. Eine weitere Bekanntschaft im Zusammenhang mit Schönberg war Alban Berg. Diese Zusammenarbeit führte letztendlich zu einem Durchbruch in der Musik, mit der Entwicklung der „Atonalität“. Die Idee dieser Musik ist es, dass die Töne eines Stückes nicht unbedingt, wie damals üblich in einem melodisch kohärenten Zusammenhang stehen müssen, sondern durchaus dissonant sein können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Autors Heinar Kipphardt, seines biographischen Hintergrunds und der zentralen Forschungsfrage nach der Schizophrenie in seinen Werken.
2. Eine kurze formelle Analyse: Untersuchung der formalen Struktur, der Rhythmik, der rhetorischen Figuren und der sprachlichen Dichte des Gedichts.
3. Anton Weberns Musik im Vergleich zu dem Gedicht: Betrachtung der biographischen und musikalischen Hintergründe von Anton Webern sowie deren Einfluss auf die Struktur von Kipphardts Gedicht.
4. Analyse der schizophrenen Aspekte des Gedichts im Vergleich zu Adolf Wölflis „Wiigen=Lied“: Vergleich der lyrischen Merkmale (Subjektlosigkeit, Neologismen, Syntax) bei Kipphardt mit denen des als schizophren diagnostizierten Autors Adolf Wölfli.
5. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Heinar Kipphardt, Anton von Webern, Schizophrenie, Lyrik, Adolf Wölfli, Wiigen=Lied, Atonalität, Zwölftontechnik, Neologismen, Subjektlosigkeit, Sprachanalyse, Literaturwissenschaft, Moderne Lyrik, Struktur, Dissonanz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Gedicht von Heinar Kipphardt über die Musik von Anton von Webern und untersucht, inwieweit dieses Werk Merkmale schizophrener Lyrik aufweist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Musiktheorie (Atonalität/Zwölftontechnik) und Lyrik sowie die sprachlichen Indikatoren, die typischerweise mit schizophrenem Schreiben assoziiert werden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob Kipphardt in seinem Gedicht eine authentische schizophrene Sprache konstruiert oder ob das Gedicht lediglich oberflächlich strukturelle Anleihen bei schizopherner Lyrik nimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Es wird eine komparative Methode verwendet, bei der sowohl formale Textanalysen durchgeführt als auch Vergleiche zu musikwissenschaftlichen Konzepten und Werken anderer Autoren (Adolf Wölfli) gezogen werden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Im Hauptteil werden zunächst die formale Analyse des Gedichts, die musikgeschichtliche Einordnung Weberns und schließlich der direkte Vergleich der Textstrukturen mit Wölflis „Wiigen=Lied“ behandelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Schizophrenie, Atonalität, Neologismen, Subjektlosigkeit sowie die spezifische Schreibweise von Kipphardt und Wölfli.
Wie unterscheidet sich Kipphardts Gedicht formal von Wölflis Werken?
Während Wölflis Texte oft durch radikale Regelbrüche und eine eigene Logik geprägt sind, zeigt die Analyse, dass Kipphardts Gedicht trotz der bewussten Wahl „schizophrener“ Stilelemente eine tiefere, bewusste Konstruktion aufweist.
Welche Rolle spielt die Musik von Anton von Webern für die Interpretation?
Die Musik von Webern dient als Vorbild für die Lakonie und formale Verdichtung des Gedichts, da Kipphardt versuchte, die ästhetischen Prinzipien der Atonalität in sprachliche Form zu übertragen.
- Arbeit zitieren
- Kay Scheffler (Autor:in), 2010, Heinar Kipphardt - Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198722