Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus: Heinrich von Kleists „Der Findling“ und Sigmund Freud
Eckhard Rölz
„Der Findling“ ist ein Werk Kleists, das von der Forschung oft vernachlässigt wird. Lange Zeit wurde „Der Findling“ für ein unvollkommenes Erstlingswerk gehalten, voller Zufälle, mangelnder Motivierung und fragmentischer Psychologisierung. Es ist aber möglich, aus einigen dieser sogenannten Zufällen Sinn zu machen und Erklärungen für die fragmentische Psychologisierung zu finden. Mit Hilfe einer psychoanalytischen Interpretation kann man diese Kritik zum Teil widerlegen. Es gilt zu zeigen, dass auch „Der Findling“ ein durchdachtes Meisterwerk ist, obgleich es voll von Zweideutigkeiten und Ambiguitäten zu sein scheint.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die psychologische Entwicklung von Nicolo
2.2 Das gestörte Verhältnis von Piachi und Elvire
2.3 Die Rolle des Zufalls und die Motivation des Handelns
2.4 Die Geschichte der Rettung und deren psychologische Deutung
2.5 Fetischismus und Voyeurismus als Bewältigungsstrategien
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ unter Anwendung psychoanalytischer Interpretationsansätze, um die komplexen, oft als irrational oder zufällig kritisierten Handlungsweisen der Protagonisten auf psychologische Ursprünge zurückzuführen und die strukturelle Tiefe des Werkes aufzuzeigen.
- Psychoanalytische Analyse der Charaktere (Nicolo, Elvire, Piachi)
- Untersuchung von Fetischismus und voyeuristischen Tendenzen
- Deutung von Symbolik (Schlüssel, Feuer, Tuch, Stab)
- Der Einfluss von Kindheitserfahrungen und Traumata auf das Erwachsenenverhalten
- Dekonstruktion der "Zufallsthese" in der Kleist-Forschung
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der psychologischen Motivation
Gleich zu Anfang der Novelle wird ein wichtiges Element eingeführt, nämlich der Zufalls. Ausdrücke wie „es traf sich, zufällig, Zufall“, spielen eine wesentliche Rolle im Verlauf des Geschehens. Diese Zufälle sind allerdings nicht allein verantwortlich für den Lauf der Dinge und das tragische Ende, sondern die Figuren wählen nach jedem Zufall ihren Kurs selbst. Kleist vertritt also hier nicht die Theorie der Determiniertheit einer Person oder dass Zufall oder Fügung das Ende hervorrufen. Durch das Handeln der beteiligten Personen kommt es so zum Tod von Nicolo, Elvire und Piachi. Dieses Handeln ist allerdings oft psychologisch motiviert; Kindheitserinnerungen- und Erlebnisse beeinflussen die Handelnden ebenso wie rationale und zweckmäßige Verhaltensweisen. Besonders Piachi handelt gewöhnlich vernunftsmäßig und kalt und seine Handlungsweisen sind oft schwer zu verstehen. In Ausnahmesituationen, wenn die Vernunft versagt, dominieren allerdings sein Gefühl und seine Emotionen. Letztendlich ist das sein Untergang.
Von Anfang an bleiben in dieser Novelle Fragen unbeantwortet, besonders wenn es sich um bestimmte Verhaltensweisen der Beteiligten handelt. So macht zum Beispiel der reiche Geschäftsmann Piachi „in seinen Handelsgeschäften zuweilen große Reisen“ (47). Er läßt seine junge Frau bei Verwandten, nimmt aber seinen elfjährigen Sohn aus erster Ehe mit. Der Sohn muß sicherlich die Geschäfte des Vaters aus sozialer Notwendigkeit erlernen, aber warum läßt er seine junge Frau „im Schutze der Verwandten?“ Piachi ist 51 Jahre alt, seine Frau aber erst zwischen 16 und 18. Schützt er sie vor möglichen Freiern? Da aber Elvire auf Colino fixiert ist, braucht er sich nicht um sie zu sorgen, denn Männer scheinen ihr nichts zu bedeuten. Sie hat aber eine sehr labile psychische Veranlagung, sie lebt in einer Traumwelt, in der Colino das Idealbild darstellt und sie ist deshalb durch diese Fixierung vielleicht zum selbständigen Leben unfähig und die Verwandtschaft muss aushelfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der bisherigen Forschung ein, die Kleists „Der Findling“ oft als unvollkommenes Erstlingswerk abtat, und stellt die These auf, dass eine psychoanalytische Interpretation die Kritik widerlegen kann.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die psychologischen Entwicklungen der Figuren, insbesondere Nicolos Ödipus-Komplex, Elvires Fetischismus und Piachis emotionale Kälte, und hinterfragt die Rolle von Zufall und Trauma.
3. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass die Handlungsweisen der Figuren durch ihr Unbewusstes motiviert sind und dass das Werk trotz zahlreicher Ambiguitäten als durchdachtes Meisterwerk Kleists verstanden werden kann.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der Findling, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Ödipuskomplex, Fetischismus, Voyeurismus, Traumabewältigung, Ambiguität, literarische Interpretation, Unbewusstes, Familiendynamik, Geschlechtssymbolik, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ mithilfe psychoanalytischer Ansätze, um die psychologischen Hintergründe der Handlungen und die symbolische Tiefe der Geschichte offenzulegen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die psychologischen Verstrickungen der Charaktere, die Darstellung von Sexualität, Fetischismus, Voyeurismus sowie die Analyse von Kindheitstraumata.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die vermeintlichen „Zufälle“ und fragmentarischen Aspekte der Novelle psychologisch motiviert sind und das Werk als durchdachtes Meisterwerk Kleists zu rehabilitieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine psychoanalytische Interpretation, wobei insbesondere Theorien von Sigmund Freud (z.B. zu Fetischismus, Kastrationsangst und Ödipuskomplex) zur Textanalyse herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der psychologischen Entwicklung von Nicolo, dem gestörten ehelichen Verhältnis von Piachi und Elvire, der Deutung ihrer Vorgeschichten sowie der symbolischen Bedeutung von Objekten wie dem Bild des Ritters oder dem Schlüssel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Psychoanalyse, Ödipuskomplex, Fetischismus, Voyeurismus, Kleist, Traumata und Ambiguität.
Welche Rolle spielt die Figur des Piachi in der Novelle?
Piachi wird als kalter, rationaler Geschäftsmann analysiert, der unfähig zu echter emotionaler Bindung ist und dessen Handeln auf rein wirtschaftlichen Prinzipien basiert, was letztlich in einen zerstörerischen Racheakt mündet.
Wie ist die Beziehung zwischen Elvire und dem Bild des Ritters Colino zu verstehen?
Das Bild fungiert für Elvire nicht nur als religiöses Objekt, sondern als Fetisch zur sexuellen Stimulation, der ihr hilft, ihr traumatisches Kindheitserlebnis mit Colino zu bewältigen.
- Arbeit zitieren
- Dr. Eckhard Rolz (Autor:in), 2011, Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198720