Die Idee zu der vorgelegte Arbeit entstand aus im Zusammenhang mit dem Gesellschaftspolitisch-institutionellen Vertiefungsgebiet an der Hochschule Niederrhein. In diesem Modul wurden verschiedene Epochen nach den Gesichtspunkten der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Begebenheiten, der entsprechenden Jugendkulturen und deren Musik betrachtet. Doch - kann man diese vergleichen? Existieren Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?
Um diese Frage zu klären, werden zwei Epochen betrachtet, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können: Der Schlager der frühen Wirtschaftswunderzeit und der Polit-Rock der 70er Jahre, jeweils vor dem regionalen Aspekt Berlin.
Zunächst wird sich diese Arbeit mit der Begrifflichkeit des Schlagers widmen, und Herkunft und Geschichte desselben beleuchten. Alsdann wird der Focus auf die historischen und auch gesellschaftlichen Begebenheiten im Nachkriegsdeutschland gelenkt. Der diese Arbeit durchweg begleitende historische Aspekt mag zunächst verwirren. Doch ist dieser von immenser Wichtigkeit, um das daraus entstandene Zeitgefühl der Menschen im Kontext zu den Schlagern und seinen Themen zu sehen. Zur Verdeutlichung sei angemerkt, dass das Nennen eines Künstlers wie Bully Buhlan als „singende Luftbrücke“ ohne die Erläuterung der Luftbrücke als geschichtliches Phänomen keinen Sinn macht. Für den Schlager nimmt Friedrich Hollaender, so die Recherche, eine besondere Stellung ein, diese Arbeit wird aufzeigen, warum das so ist.
In ähnlicher Vorgehensweise wird die Phase des Politrocks der 70er Jahre betrachtet, allerdings unter klarem Festmachen an dem Wirken einer Band, „der Ton, Steine Scherben“ in ihrer Berliner Zeit. Auch hier muss zum Erreichen einer Verständlichkeit ein Einblick in die gesellschaftspolitischen Umstände ihrer Zeit gegeben werden. Auch für die Zeit der 70er Jahre, besser: für die Zeit, die „die 70er“ hat entstehen lassen gilt: das Erklären eines „Rauch-Haus-Song“s ohne die Person des Georg von Rauch würde in das Leere laufen.
Im abschließenden Teil wird der Versuch unternommen werden, die beiden Musikstile vor dem Hintergrund ihrer Entstehung zu vergleichen. Zwei Liedtexte, die in einer gewissen Chronologie zueinander stehen, Friedrich Hollanders „In den Ruinen von Berlin“ (1948) und der „Rauch-Haus-Song“ der „Ton, Steine Scherben“ (1972), sollen verglichen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Schlagers
2.1. Schlager - eine lexikalische Begriffsnäherung
2.2. Schlager - Herkunft des Begriffes
3. Schlager - Auszug einer historischen Entwicklung bis 1945
3.1. Friedrich Hollaender
3.2. Gleichschaltung und Verbot von "Lili Marleen"
4. Nachkriegszeit
4.1. Jalta-Konferenz und Potsdamer Abkommen
4.2. Währungsreform 1948 und Tapetenmark
4.3. Nachkriegsjugend - arbeitslos - vaterlos - perspektivlos
4.4. Schlager im Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit
5. Wirtschaftswunder
5.1. Jugend der 50er Jahre - Kosum und Radio
5.2. Ein Schlager wird zur Nationalhymne
5.3. Italophilie und amerikanischer Einfluss
6. Spezieller Focus auf Berlin
6.1. Berlin-Blockade und Luftbrücke
6.2. Bis zum Mauerbau
7. Der Berliner Wirtschaftswunderschlager
7.1. Cornelia Froboess
7.2. Bully Buhlan - „die singende Luftbrücke“
7.3. Marlene Dietrich und weitere Interpreten
7.4. Ein erstes Fazit
8. Weitere Entwicklungen in Berlin
8.1. Der besondere Reiz Berlins
8.2. Vergünstigungen für zuwandernde Arbeitnehmer
8.3. Wehrdienst
8.4. Berlin-Kreuzberg
9. Jugend der 60er Jahre - Protestbewegungen
9.1. Weitere Bewegungen: Kommunen und Haschrebellen
9.2. Musik und Symbole
9.3. Politrock
9.4. Berlin - eine Zustandsbeschreibung aus der Sicht eines Protagonisten
10. Hoffmanns Comic Teater und die Roten Steine in der Tradition des politischen Kabaretts
11. Ton, Steine Scherben
11.1. Die Sprache der Scherben
11.2. Scherben - "Warum geht es mir so dreckig?"
11.3. Scherben - "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"
11.4. "Musik ist eine Waffe" - ein Manifest mit Folgen
11.5. Scherben- Einfluss und Wirkung: Besetzung
11.6. Scherben - "Keine Macht für Niemand"
11.7. Rauch-Haus-Song
11.8. Mensch Meier und Nulltarif und die Nähe zur RAF
11.9. "Flucht" aus Berlin 1975
12. Zusammenfassung und Vergleich
13. Liedanalysen
13.1. "In den Ruinen von Berlin"
13.2. "Der Rauch-Haus-Song"
14. Fazit: Villains and Heroes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss regionaler Besonderheiten auf die Jugendkultur in Berlin, wobei zwei gegensätzliche Epochen vergleichend gegenübergestellt werden: der Schlager der frühen Wirtschaftswunderzeit und der Politrock der 70er Jahre. Ziel ist es, die soziokulturellen Hintergründe beider Musikstile vor dem Hintergrund der spezifischen Berliner Situation zu beleuchten und Ähnlichkeiten sowie Unterschiede herauszuarbeiten.
- Historische Entwicklung des Schlagers bis 1945 und im Wirtschaftswunder
- Die Sonderrolle Berlins im Nachkriegsdeutschland (Blockade, Mauerbau)
- Jugendkultur und Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre in Berlin
- Die Bedeutung der Band "Ton, Steine Scherben" als kulturelles und politisches Phänomen
- Analyse und Vergleich der musikalischen Ausdrucksformen und Texte
Auszug aus dem Buch
11.3. Scherben - „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“
„Radios laufen, Platten laufen / Filme laufe TV´s laufen / Reisen kaufen, Autos kaufen / Häuser kaufen, Möbel kaufen. / Wofür? /[Refrain] / Bomber fliegen, Panzer rollen / Polizisten schlagen, Soldaten fallen, / Die Chefs schützen, die Aktien schützen, / Das Recht schützen, den Staat schützen / Vor uns! / [Refrain] / Züge rollen, Dollars rollen, / Maschinen laufen, Menschen schuften, / Fabriken bauen, Maschinen bauen, / Motoren bauen, Kanonen bauen. / Für wen? / Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“ (Auszug).
Eine Nähe in Fragen des Aufbaus und der Abfolge zu Bob Dylans „Subterranian Homesick Blues“ ist unübersehbar. Beim Hören des Liedes kann man rein vom musikalischen Aufbau ein Grollen des Zornes empfinden (Gitarrensolo, das sich stark verdichtet), bis Rios Gesang erscheint, der eigentlich keiner ist: Er schreit. Das passt natürlich zu den parolenähnlichen Textfragmenten – es sind Aussagen. Kurz und knapp, gut einprägsam und repetierbar. Inhaltlich geht es um die die Generation bewegenden Themen: Konsumverachtung, Kapitalismus, Ohnmacht und den Konflikt in Vietnam. Als besonders prägnant erscheint aber das dichotome Gesellschaftsbild der Arbeiterklasse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur Vergleichbarkeit von Schlager der Wirtschaftswunderzeit und Politrock der 70er Jahre in Berlin.
2. Der Begriff des Schlagers: Lexikalische Definition und historische Herkunft des Begriffs Schlager.
3. Schlager - Auszug einer historischen Entwicklung bis 1945: Darstellung der Entwicklung des Schlagers bis 1945 sowie die Auswirkungen der NS-Ideologie auf die Musikszene.
4. Nachkriegszeit: Analyse der politischen und gesellschaftlichen Bedingungen in Berlin nach 1945 und deren Einfluss auf das Lebensgefühl.
5. Wirtschaftswunder: Untersuchung des wirtschaftlichen Aufschwungs und dessen Auswirkungen auf die Jugend der 50er Jahre.
6. Spezieller Focus auf Berlin: Beleuchtung der Berliner Situation unter Berücksichtigung von Blockade und Mauerbau.
7. Der Berliner Wirtschaftswunderschlager: Analyse spezifischer Berliner Schlager-Interpreten und ihrer Beziehung zur Realität der Nachkriegszeit.
8. Weitere Entwicklungen in Berlin: Diskussion über Anreize für Zuwanderer und die Entstehung der Boheme in Kreuzberg.
9. Jugend der 60er Jahre - Protestbewegungen: Darstellung der aufkommenden studentischen und außerparlamentarischen Proteste in Berlin.
10. Hoffmanns Comic Teater und die Roten Steine in der Tradition des politischen Kabaretts: Herleitung der Wurzeln von "Ton, Steine Scherben" aus dem Lehrlingstheater.
11. Ton, Steine Scherben: Detaillierte Betrachtung der Band, ihrer Sprache und ihrer Lieder im politischen Kontext der 70er Jahre.
12. Zusammenfassung und Vergleich: Synthese der Erkenntnisse und vergleichende Betrachtung von Schlager und Politrock.
13. Liedanalysen: Inhaltsanalyse der ausgewählten Lieder "In den Ruinen von Berlin" und "Der Rauch-Haus-Song".
14. Fazit: Villains and Heroes: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse unter Einbeziehung der kulturellen Bedeutung von Musik.
Schlüsselwörter
Berlin, Schlager, Wirtschaftswunder, Politrock, Ton Steine Scherben, Rio Reiser, 68er-Bewegung, Hausbesetzung, Kreuzberg, Protestkultur, Arbeiterlied, Agitprop, Jugendkultur, Nachkriegsgeschichte, Musikgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Einfluss regionaler Besonderheiten Berlins auf die dortige Jugendkultur, indem sie den Berliner Schlager der Wirtschaftswunderzeit mit dem Politrock der 70er Jahre vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische Entwicklung des Schlagers, die spezifische politische Situation Berlins (von der Blockade bis zur Mauer), die Protestbewegungen der 68er und die kulturelle sowie politische Bedeutung der Band "Ton, Steine Scherben".
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob sich zwei auf den ersten Blick vollkommen unterschiedliche Epochen – der Schlager der frühen Wirtschaftswunderzeit und der Politrock der 70er Jahre – vor dem regionalen Aspekt Berlin vergleichen lassen und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede existieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-gesellschaftliche Analyse, die verschiedene Epochen und deren Musik betrachtet und durch eine vergleichende Analyse von Liedtexten sowie deren Kontextualisierung untermauert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Nachkriegszeit, die Entwicklung der Berliner Musikszene, die Entstehung der Protestbewegungen in den 60er Jahren sowie eine detaillierte Betrachtung der Band "Ton, Steine Scherben" und ihrer Lieder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Berlin, Schlager, Wirtschaftswunder, Politrock, "Ton, Steine Scherben", 68er-Bewegung und Hausbesetzung.
Warum spielt der Bezirk Kreuzberg eine so zentrale Rolle für die 70er Jahre?
Kreuzberg entwickelte sich in den 60er und 70er Jahren zu einem Schauplatz der Boheme und sozialer Bewegungen, da hier die Kombination aus günstigem, unrenoviertem Wohnraum in Mauernähe und einer antibürgerlichen Lebenswirklichkeit einen idealen Agitationsraum bot.
Welche Bedeutung hat "Mensch Meier" in den Liedern der Scherben?
Die Figur "Mensch Meier" dient als wiederkehrender Charakter in den Texten, der stellvertretend für den betroffenen Lohnarbeiter und den "Bürgerwillen" spricht und mit Problemen wie Wohnungsnot und sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert ist.
- Arbeit zitieren
- Carsten Bullert (Autor:in), 2012, Der Einfluss regionaler Besonderheiten auf die Jugendkultur im Spiegel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198267