"Die Geschichte der filmischen Rezeption des Frankenstein Motivs beginnt bereits 1910 mit der ersten Stummverfilmung des Romans, die dem heutigen Betrachter nicht nur aufgrund der zeitbedingten archaischen Umsetzung seltsam anmuten dürfte. Schon diese erste Verfilmung löst sich früh und sehr deutlich von der Vorlage. Dass
die Kreatur in einem Kochtopf entsteht ist hierbei weit weniger befremdlich, als die Idee, dass „das Böse“ in Victor Frankenstein, seine Idee Leben zu schaffen soweit pervertiert hätte, dass er ein Monster schuf oder sein Werk durch „die Macht der Liebe“ am Ende des Films in einem Spiegel verschwindet. Offenbar gelangte man früh zur Erkenntnis, dass Mary Shelleys Werk zwar sehr gut verwertbare Grundlagen bietet, in Form des künstlichen Menschen, des „verrückten“ Wissenschaftlers, andererseits die Aussage und Rahmenhandlung nicht für den filmischen Massenmarkt geeignet ist, möglicherweise auch zu komplex scheint um sie auf der Leinwand adäquat wiederzugeben. Bestätigt könnte man dies beispielsweise im
verhaltenen Erfolg der relativ buchnahen Verfilmung von 1994 sehen.
In vorliegender Arbeit soll die filmische Rezeption des Unholds untersucht werden. In wie weit gestand man Frankensteins Kreatur ihre Intelligenz und die Komplexität ihres Wesens auch im Film zu? In der Regel neigte man dazu den Unhold, der sich mittlerweile so weit von seinem Schöpfer und der Romanvorlage per se gelöst hatte,
dass der Name Frankenstein zunehmend zu einem Synonym für dessen Kreatur wurde, in eine Reihe mit Wesen wie Godzilla oder King Kong zu stellen und damit seine Rolle als Inbegriff übersteigerter Sucht nach Erkenntnis und pervertiertem Wissensdurst, den Konventionen des Monster-Horror-genres zu opfern. Aber gab es auch Ausnahmen? Wurden möglicherweise sogar Kernaussagen von Shelleys Werk anderweitig herausgestellt, gar verstärkt? Diese Fragen zu beantworten hat sich diese Arbeit zum Ziel gemacht, anhand ausgewählter Beispiele, die im Idealfall zugleich exemplarisch für die Evolutionstufen des Monsterfilmgenres stehen, soll nach einem kurzen Handlungsabriss des Romans samt Erzähltextanalyse, die(Weiter-)Entwicklung der Kreatur im Film betrachtet werden."
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Frankenstein oder der moderne Prometheus
Erzähltextanalyse
Der Unhold
Frankensteinverfilmungen
Frankenstein – The Man who made a Monster (1931)
Mary Shelley's Frankenstein (1994)
Fazit
Quellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die filmische Rezeption von Mary Shelleys Frankenstein-Kreatur im 20. Jahrhundert, um zu analysieren, inwiefern die Komplexität und Intelligenz des literarischen Unholds in filmischen Adaptionen erhalten blieb oder durch die Konventionen des Monster-Horror-Genres vereinfacht wurde.
- Literarische Vorlage: Frankenstein oder der moderne Prometheus
- Strukturelle Analyse der erzählerischen Ebenen und Perspektiven
- Entwicklung des Unholds vom komplexen Wesen zur stereotypen Monsterfigur
- Vergleichende Filmanalyse ausgewählter Adaptionen (1931, 1994)
Auszug aus dem Buch
Frankenstein oder der moderne Prometheus
Mary Shelleys Roman erzählt, nicht wie die Mehrzahl der Filme einfach nur von einem verrückten Wissenschaftler, der im Wahn ein mörderisches Wesen schafft.
Vielmehr möchte er offenbar eine Warnung sein, Moral und Mäßigung nicht der Wissenschaft zu opfern, die Wissenschaft selbst nicht losgelöst von Ethik und Verstand zum reinen Erkenntnisgewinn über Grenzen hinweg in gefährliche Extreme zu treiben. Die Rahmenhandlung des Romans erzählt die Geschichte des Robert, Walton der zu Schiff versucht den Nordpol zu erreichen. In Form von Briefen, die Robert Walton an seine Schwester schreibt erfährt der Leser, dass sein Schiff auf dem Weg zum Nordpol von Packeis umschlossen wird und er seinem Ziel dadurch vorerst nicht näher kommen kann. Während man darauf wartet, dass sich das Eis zurückzieht, beobachtet die Mannschaft einen auffallend großen Mann auf einem Hundeschlitten in Richtung Norden fährt, am darauffolgenden Tag kommt ein weiterer, kleinerer Mann vorbei, der von ihnen, dem Tode nahe an Bord genommen und gepflegt wird. Dieser Mann stellt sich als Viktor Frankenstein vor. Nachdem Frankenstein genesen war und in langen Gespräche mit Walton von dessen Plänen und Gier nach deren Erfüllung erfährt, fühlt Frankenstein sich an sein eigenes Schicksal erinnert und erzählt Walton zur Warnung seine Geschichte. Schon an dieser Stelle wird der Grundgedanke des Werkes, die Gefahren ungezügelter Wissenschaft aufzuzeigen, deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der filmischen Frankenstein-Adaptionen und die Diskrepanz zur literarischen Vorlage.
Frankenstein oder der moderne Prometheus: Analyse des Romans als moralische Warnung vor ethisch unreflektiertem wissenschaftlichen Fortschritt.
Erzähltextanalyse: Untersuchung der verschachtelten Erzählperspektiven und Zeitstrukturen innerhalb von Shelleys Werk.
Der Unhold: Darstellung der psychologischen Tiefe und des inneren Konflikts der Kreatur in der Vorlage.
Frankensteinverfilmungen: Überblick über die historische Entwicklung der Frankenstein-Stoff-Adaptionen in drei Zeitabschnitten.
Frankenstein – The Man who made a Monster (1931): Analyse des einflussreichsten Tonfilms und dessen Abkehr von der Romanvorlage hin zu einem vereinfachten Monsterbild.
Mary Shelley's Frankenstein (1994): Untersuchung der ambitionierten Neuverfilmung, die versucht, die Komplexität der literarischen Kreatur einzufangen.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Unmöglichkeit, die volle Komplexität des literarischen Monsters in einem herkömmlichen Horrorfilm abzubilden.
Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Filmreferenzen.
Schlüsselwörter
Frankenstein, Mary Shelley, Filmanalyse, Unhold, Monster-Horror, moderne Prometheus, Viktor Frankenstein, Rezeption, Literaturadaption, Filmgeschichte, Ethik, Wissenschaftskritik, Erzählstruktur, Boris Karloff, Kreatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der filmischen Rezeption von Mary Shelleys Frankenstein-Motiv und untersucht, wie sich die Darstellung der Kreatur im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die literarische Analyse des Romans, die erzähltechnische Struktur des Werkes sowie der Vergleich zwischen der komplexen Romanvorlage und den populärkulturellen Filmadaptionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob und wie die tiefgründige Intelligenz und der komplexe Charakter des literarischen Monsters in filmischen Umsetzungen erhalten bleiben oder zugunsten eines simplen Horror-Schemas geopfert werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert primär auf einer Filmanalyse, gestützt durch eine vergleichende Literaturanalyse der Romanvorlage und die Interpretation von erzähltheoretischen Aspekten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Erzähltextanalyse des Romans, gefolgt von einer historischen Einordnung der Frankenstein-Verfilmungen und einer spezifischen Untersuchung der Filme von 1931 und 1994.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Frankenstein, Monster-Horror, Rezeption, Ethik in der Wissenschaft, literarische Adaption und die Differenz zwischen Buch und Film.
Warum wird der Frankenstein von 1931 als so einflussreich beschrieben?
Der Film gilt als prägend für das Bild des Unholds im 20. Jahrhundert, obwohl er sich inhaltlich stark von der Romanvorlage entfernt und die Kreatur auf ein einfaches Monster reduziert.
Inwiefern unterscheidet sich der Frankenstein von 1994 von früheren Verfilmungen?
Die Version von 1994 stellt einen der seltenen Versuche dar, den Roman ernsthaft und nah an der Vorlage zu adaptieren, um die komplexe Persönlichkeitsentwicklung des Monsters darzustellen.
Wie lautet die Schlussfolgerung des Autors über das Scheitern der Verfilmungen?
Der Autor kommt zum Schluss, dass der Versuch, die seelische Komplexität und die übermenschliche Natur der literarischen Kreatur in das Medium des Horrorfilms zu übertragen, weitgehend an den Konventionen des Genres scheitert.
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- BA Florian Enders (Author), 2010, Die Sektion der Seele, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197954