Mutter Teresa ist ohne Zweifel einer der bekanntesten Frauen der Zeitgeschichte. Mit ihr werden automatisch Entwicklungshilfe, Sozialdienst, die Ärmsten der Armen und ihr weißer Sari mit den blauen Streifen assoziiert. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises hat sich zunächst wenig an ihrem positiven Image als Ikone der Nächstenliebe und des tiefen Gottesglaubens geändert. Erst als Kritiker, wie Christopher Hitchens mit seiner Sendung „Hells Angels“, an die Öffentlichkeit gehen und das Buch „Komm sei mein Licht! Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta“ die Gottesferne und Trostlosigkeit von Mutter Teresa beschreiben, kommen erste Zweifel an dem von vielen Biographen vermittelten einheitlichen Bild von Mutter Teresa auf. Wer war Agnes Gonxha Bojaxhiu bzw. Mutter Teresa wirklich? Was machte ihre Persönlichkeit aus? Wie konnte sie ein solch großes Werk in der Welt errichten? Auf diese Fragen möchte ich in meiner Hausarbeit näher eingehen, da die Geschichte von Mutter Teresas’ Persönlichkeit häufig hinter die Geschichte ihres Lebenswerkes und ihrer Ehrungen trat. In meiner Arbeit möchte ich einerseits versuchen ansatzweise ihrem geistlichen Profil gerecht zu werden und andererseits auch ihre Kritiker zu Wort kommen lassen.
Zu dem möchte ich mich als Basis für meine Untersuchung auf die Theorie von Hans-Peter Hasenfratz beziehen und der Frage nachgehen, in wie weit der von ihm aufgestellte Kriterienkatalog des Heiligen als „Ausgesonderten“ auf die selig gesprochene Mutter Teresa zutreffen. Im zweiten Kapitel möchte ich zunächst die Theorie von Hasenfratz erläutern. Darauf folgt im dritten Kapitel die Darstellung der Biographie von Mutter Teresa. An dieser Stelle möchte ich mich hauptsächlich auf ihren Werdegang, ihre Werke und Einrichtungen beziehen und weniger auf ihre Preise und Auszeichnungen dafür. Deshalb ist eine Liste derer lediglich im Anhang aufgeführt. Auf die wichtigsten Verleihungen, pressewirksamsten Reisen und persönlich bedeutsamen Erlebnisse werde ich jedoch in der Biographie eingehen. Anschließend möchte ich im vierten Kapitel die Kriterien von Hasenfratz wieder aufgreifen und auf das Leben und Werk von Mutter Teresa hin anwenden. Abschließend werde ich in einem kurzen Fazit die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchung zusammenfassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erscheinungsformen des „Heiligen“ als „Ausgesonderten“
3. Biographie
4. Mutter Teresa eine „Ausgesonderte“?
4.1 Der Aspekt der Abgrenzung
4.2 Bewertung im soziokulturellen Kontext
4.3 Aufgriff von Missständen und Bedürfnissen der Gesellschaft
4.4 Rolle und Funktion
4.5 Ambivalente Züge
4.6 Besondere Fähigkeiten und Kräfte
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Leben und Wirken von Mutter Teresa unter Anwendung des religionswissenschaftlichen Kriterienkatalogs von Hans-Peter Hasenfratz. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit die Seliggesprochene als „Ausgesonderte“ im Sinne dieser Theorie betrachtet werden kann, wobei sowohl ihr spirituelles Profil als auch die kritische Auseinandersetzung mit ihrem öffentlichen Bild und ihrem Orden im soziokulturellen Kontext beleuchtet werden.
- Religionswissenschaftliche Analyse des Begriffs der „Ausgesonderten“ nach Hasenfratz.
- Biographische Darstellung von Mutter Teresas Werdegang und Ordensgründung.
- Untersuchung der Ambivalenz zwischen Heiligenverehrung und öffentlicher Kritik.
- Analyse der Rolle von Medien und Spendennetzwerken in der Arbeit des Ordens.
- Einordnung ihrer spirituellen Berufung in den modernen gesellschaftlichen Kontext.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Aspekt der Abgrenzung
Der Moment der Ausgesondertheit und Abgrenzung, sowohl im räumlichen als auch gesellschaftlichen Sinne, spielen auf dem Lebensweg von Mutter Teresa immer wieder eine große Rolle, wie bereits ihre Biographie gezeigt hat. Mit 18 Jahren fasst sie den Entschluss nicht wie andere Frauen eine eigene Familie zu gründen, sondern verlässt die ihrige, um Ordensschwester zu werden. Sie findet eine neue Gemeinschaft im Orden der Loretoschwestern und ist damit zwar nicht allein, aber fern von ihrer Familie, in einem Kloster, in einem fremden Land (erst Irland, dann Indien). Sie legt das ewige Gelübde ab, nimmt den neuen Ordensnamen ‚Teresa’ an und trennt sich damit von ihrem alten Leben. Eine andere Form der Abgesondertheit soll sie jedoch erst erfahren, als sie sich entschließt ihr Kloster, die Schwestern und alle Annehmlichkeiten wieder zu verlassen, um dem Ruf Gottes im Zug zu folgen.
Sie erfährt die Härte des Arm-Seins persönlich und schreibt in ihrem Tagebuch nur wenige Monate nach dem Wechsel von dem Internat in den Slum: „Heute lernte ich eine gute Lektion: Die Armut der Armen muss oft sehr hart für sie sein. Als ich herumging, um nach einem guten Platz zu schauen, da ging und ging ich weiter, bis mich meine Beine und meine Arme schmerzten. Ich dachte, wie auch sie an Leib und Seele leiden müssen, um ein Heim zu haben, Nahrung, Hilfe. Dann wurde die Versuchung stark: Die Häuser der Lorettoschwestern sah ich vor mir, all die schönen Dinge, ein gutes Leben, und die Leute, die man täglich trifft – all das. ‚Du brauchst nur ein Wort zu sagen, all das gehört dir wieder.’ So sprach der Versucher immer wieder. Mein Gott, in freier Wahl und aus Liebe zu dir will ich bleiben und tun, was immer dein heiliger Wille ist für mich. Ich ließ nicht eine einzige Träne kommen. Auch wenn ich noch mehr leiden muss als jetzt, ich will deinen heiligen Willen tun. Das ist die dunkle Macht, die Geburt unserer Gemeinschaft. Mein Gott, gib mir die Kraft jetzt, in dieser Stunde, beharrlich deinem Ruf zu folgen“ (Tagebuch, 16.02.1945).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik und Vorstellung des theoretischen Rahmens nach Hans-Peter Hasenfratz zur Analyse von Mutter Teresas Wirken.
2. Erscheinungsformen des „Heiligen“ als „Ausgesonderten“: Theoretische Erläuterung des religionswissenschaftlichen Konzepts, das den Heiligen als eine Person beschreibt, die sich aus der gesellschaftlichen Norm entfernt und in den Bereich des Chaos begibt.
3. Biographie: Detaillierte Darstellung des Lebensweges von Agnes Gonxha Bojaxhiu von ihrer Jugend in Skopje bis zur Gründung und weltweiten Expansion der Missionarinnen der Nächstenliebe.
4. Mutter Teresa eine „Ausgesonderte“?: Anwendung der Kriterien von Hasenfratz auf das Leben von Mutter Teresa unter Berücksichtigung von Abgrenzung, öffentlicher Kritik, Medienpräsenz und ihrer Rolle als Ikone.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Analyseergebnisse, die Mutter Teresa als „Ausgesonderte“ bestätigt, jedoch die komplexe Verflechtung von spiritueller Berufung und weltlicher Unterstützung hervorhebt.
Schlüsselwörter
Mutter Teresa, Ausgesonderte, Religionswissenschaft, Hans-Peter Hasenfratz, Nächstenliebe, Missionarinnen der Nächstenliebe, Heiligenverehrung, Medienpräsenz, Soziokultureller Kontext, Sozialarbeit, Spiritualität, Ambivalenz, Armenpflege, Ordensgründung, Christliche Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wirken von Mutter Teresa und hinterfragt, ob sie auf Basis der religionswissenschaftlichen Theorie von Hans-Peter Hasenfratz als eine „Ausgesonderte“ definiert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die religionswissenschaftliche Definition von Heiligkeit, die biographische Entwicklung Mutter Teresas, ihr Verhältnis zur gesellschaftlichen Norm und die öffentliche Wahrnehmung ihres Ordens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Leben von Mutter Teresa durch den Kriterienkatalog der „Aussonderung“ zu analysieren und zu prüfen, ob ihre Rolle als Heilige durch dieses Modell verständlich gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoriegeleitete Analyse, indem sie die von Hans-Peter Hasenfratz aufgestellten Kriterien für „Ausgesonderte“ auf das Leben und die Taten von Mutter Teresa anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben der Biographie die Aspekte der Abgrenzung, die soziokulturelle Bewertung, die Rolle des Ordens, das Phänomen der Ambivalenz in ihren Tagebuchaufzeichnungen sowie ihre besonderen Fähigkeiten im Umgang mit der Öffentlichkeit diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Ausgesonderte, Nächstenliebe, religiöse Institutionen, Medienrezeption, soziale Normen und spirituelle Berufung.
Wie bewertet die Arbeit die Kritik an Mutter Teresa?
Die Arbeit beleuchtet die Kritik (z.B. von Christopher Hitchens) objektiv und setzt sie in den Kontext der widersprüchlichen Erwartungshaltung gegenüber einer öffentlichen Ikone, die gleichzeitig spirituelle Ideale vertritt.
Welche Rolle spielte das Tagebuch für die Analyse?
Die Tagebucheinträge offenbaren eine „dunkle Nacht“ und innere Zweifel, die Mutter Teresa aus ihrer idealisierten Rolle als unerreichbare Heilige herausholen und sie als Mensch aus Fleisch und Blut erscheinen lassen.
- Quote paper
- Petra Richter (Author), 2009, Mutter Theresa - Leben und Werk einer "Ausgesonderten"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197500