Vergleicht man die Exposition des Romans „Der Untertan“, in der Diederich Heßling als „weiches Kind“ bezeichnet wird, das eher Träumer als Entdecker,eher furchtvoll als gefürchtet ist, mit seinem Ende, an dem Generaldirektor Doktor Heßling mit Spitzbart und blitzenden Augen den alten Buck, als habe der den „Teufel gesehen“, zu Tode erschreckt, kommt man nicht umhin zu fragen,wie aus dem Einen das Andere geworden ist. Wer war dieser „neudeutsche Machtprotz“, der neuerdings aus allen Ecken hervorsprang? Die Handlung im „Untertan“ folgt den Linien eines Entwicklungsromans – in der Literatur findet man auch oftmals die Bezeichnung des „Miß-Bildungsroman", denn erzählt wird eine Erfolgsgeschichte. Sie zeigt den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg eines Durchschnittsbürgers der wilhelminischen Zeit, eines Drückebergers, dessen Chauvinismus und Opportunismus auf die Spitze getrieben scheint, eines Untertanen, der kein Einzelbeispiel ist, sondern stellvertretend für eine ganze Gesellschaft steht. Diese Arbeit hat die Wirkungsgeschichte des Romans zum Gegenstand und untersucht dabei zum einen dessen satirischen Charakter, zum anderen wirft sie einen Blick auf die Literaturkritik und ihre durchaus konträren Meinungen zum Werk. Dabei sollen sowohl zeitgenössische Stimmen als auch spätere Kritiker zu Wort kommen, um danach zu fragen, inwiefern die Bewertung eines Textes sich im Laufe der Zeit verändert, wie ein Text aktualisiert, politisiert oder auch ignoriert wird. Abschließend stellt sich die Frage nach der Aktualität von Texten – was macht einen literarischen Text aktuell, was lässt ihn uns vergessen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchungen zum satirischen Charakter des Romans
3. Untersuchungen zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, analysiert dessen satirischen Charakter und beleuchtet die konträren Positionen der Literaturkritik im historischen Wandel. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie literarische Texte in unterschiedlichen zeitlichen und politischen Kontexten aktualisiert, politisiert oder umgedeutet werden.
- Analyse des satirischen Grundtons und der Darstellung von Machtstrukturen
- Untersuchung der zeitgenössischen und späteren literaturkritischen Rezeption
- Vergleich der Wirkungsgeschichte in unterschiedlichen politischen Systemen (NS-Zeit vs. DDR)
- Reflexion über die Rolle der Literatur als Spiegel gesellschaftlicher Zustände
Auszug aus dem Buch
3. Untersuchungen zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte
Laut seinen Kritikern ist „Der Untertan“ Satire, Karikatur, Pamphlet. Er mache sich lustig über die Drückeberger und Demagogen der wilhelminischen Vorkriegszeit und prangere die gesellschaftlichen Missstände seiner Zeit an, sagen einige. Er beleidige, lüge und sei von Hass und Ressentiment genährt, schreiben andere. Die außergewöhnliche Entstehungs- und Druckgeschichte des Romans, der 1906 begonnen und kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs vollendet wurde, um dann nach dem Ende des Krieges verspätet (oder genau richtig) zu erscheinen, erklärt die damalige Brisanz und das große öffentliche Interesse an diesem Buch. Es ist ungemütlich, so Ulrich Weisstein, seine „eigene Krankheitsgeschichte“ zu lesen, und das paradoxerweise aus prognostischer Sicht.
Dass die Gemüter erhitzt waren, ist nachvollziehbar. So stritten sich die Rezensenten auch darum, ob „Der Untertan“ nun Kunst sei oder nicht, ob darin die Wirklichkeit satirisch verzerrt werde oder nicht. Wie die Meinungen hierzu ausfielen, wurde jedoch eher auf politisch-ideologischer Ebene entschieden als auf ästhetischer. So gab es eine „offene Polarisierung der Kritiker“ – konservativ-national gegen liberal, wobei erstere sich empört und ablehnend zum „Untertan“ äußerten, aus liberalen Reihen jedoch durchaus Zuspruch ertönte. Nach dem Erscheinen des Romans teilte sich die Kritikerschaft somit in zwei scharf getrennte Lager auf – in Befürworter und Widersacher.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Identitätsentwicklung der Hauptfigur Diederich Heßling ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der satirischen Wirkung sowie der wechselvollen Wirkungsgeschichte des Werkes im Kontext gesellschaftlicher Kommunikation.
2. Untersuchungen zum satirischen Charakter des Romans: Dieses Kapitel analysiert das Werk als moderne Satire, indem es die Imitation kaiserlicher Macht durch Heßling und die parodistische Verwendung von Kaiserzitaten auf das kleinstädtische Milieu untersucht.
3. Untersuchungen zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte: Dieser Abschnitt beleuchtet die kontroverse Aufnahme des Romans von der zeitgenössischen Kritik bis hin zur unterschiedlichen ideologischen Instrumentalisierung in der NS-Zeit und der DDR.
4. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, wie der Roman als Spiegel politischer Systeme fungiert und betont, dass die fortwährende Umdeutung literarischer Texte ein wesentlicher Bestandteil ihrer Lebendigkeit und ihres kulturellen Reizes ist.
Schlüsselwörter
Heinrich Mann, Der Untertan, Wilhelminismus, Satire, Rezeptionsgeschichte, Wirkungsgeschichte, Literaturkritik, politischer Roman, Gesellschaftskritik, DDR-Literatur, Bürgertum, Ideologie, Parodie, Identität, Machtstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rezeption und der Wirkung von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ sowie dessen Funktion als satirische Gesellschaftskritik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literarische Analyse des satirischen Charakters, die zeitgenössische Kritik sowie die historische Rezeptionsgeschichte in verschiedenen politischen Systemen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, wie die Bewertung des Werkes im Laufe der Zeit schwankte und wie der Text durch unterschiedliche politische Deutungsmuster instrumentalisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse von Rezensionen und zeitgenössischen Quellen, um die Wandlung der Wirkungsgeschichte nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die satirischen Mittel des Romans analysiert und anschließend eine fundierte Auseinandersetzung mit der literaturkritischen Rezeption geführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Satire, Wilhelminismus, Wirkungsgeschichte, Gesellschaftskritik und die Figur des Untertanen.
Wie unterscheidet sich die Rezeption des Romans in der DDR von der NS-Zeit?
Während der Roman in der NS-Zeit aufgrund seiner liberalen Haltung totgeschwiegen wurde, erhielt er in der DDR eine marxistische Deutung und wurde als Pflichtlektüre im Schulkanon verankert.
Warum wird der Roman als „Zerrspiegel“ bezeichnet?
Der Begriff beschreibt die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Zustände, in der das Hässliche durch die Übersteigerung in den Figuren noch deutlicher hervortritt.
- Arbeit zitieren
- Conny Dohse (Autor:in), 2012, Zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Satire-Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197021