„jogo Capoeira, logo existo“ (sinngemäß: „Ich betreibe Capoeira, also bin ich“) schafft eine Verbindung zwischen dem eigenen Sein und der Identifizierung mit einer Rolle. Es ist nicht die Frage „wer bin ich?“, sondern „wer bin ich in Beziehung zu den anderen“. Nichts scheint schwieriger als die Beantwortung dieser Frage im Spannungsverhältnis zwischen dem „ich bin“ und den Erwartungen der Umwelt. Dieses Phänomen scheint ein Symptom der gesellschaftlichen Entwicklung zu sein: „Im Zuge fortschreitender Modernisierung werden die Menschen typischerweise herausgelöst aus traditionellen Bindungen und Sicherheiten und sind stattdessen auf eine Überfülle heterogener und oft antagonistischer, sozial teils mehr, teils weniger stimmig vororganisierter Lebensstilpakete, Sinnkonglomerate und Ideologiegehäuse verwiesen.“ Der Mensch scheint gezwungen seine Biografie aktiv zu kreieren. Dabei ist der Sport als eigenständige Sozialisationsintanz ein Lebensbereich, der nicht dem Zwecke der Produktivität dient, sondern dem Zweck der Befriedigung eigener Bedürfnisse.
Capoeira ist eine Kampfkunst, welche in Brasilien vor circa 200 Jahren entwickelt wurde. Sklaven, die aus Afrika nach Brasilien verschifft wurden, nutzten dieses Handlungsfeld, um ihre eigenen kulturellen Riten in etwas Neues zu transferieren. In einer kolonialisierten Welt wurde Capoeira zu einer eigenen Form der Aneignung der Lebenswelt. Unter der Prämisse, dass Sozialisation der Prozess der Vergesellschaf-tung und Individuation ist, kann Capoeira als Möglichkeit der Sozialisation bezeich-net werden, da zum einen kulturelle Inhalte in Form von Musik, Gesang und Bewe-gungen vermittelt werden, zum anderen individuelle Bewegungsabfolgen ein absolu-tes Postulat darstellen.
Ziel dieser Arbeit ist zu untersuchen, welchen Einfluss Capoeira auf die Entwicklung eines Selbstkonzeptes im Sozialisationsprozess besitzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bestimmung der Begriffe
2.1. Das Individuum
2.2. Die Gesellschaft
2.3. Die Kultur
2.4. Der Körper als kulturelles Konstrukt
3. Die Sozialisation
3.1. Die Sprache als Mittel der Sozialisation
4. Die Identität- Definition und Entwicklung
4.1. Zum Begriff der Identität
4.2. Die Identitätsentwicklung
4.3. Die Identität als kulturelle Konstruktion
5. Das Selbstkonzept
5.1. Die Struktur des Selbstkonzeptes
5.2. Der Handlungsverlauf
5.3. Die Veränderbarkeit des Selbstkonzepts
5.4. Die Rolle des Körpers
5.5. Fazit
6. Die Rolle des Sports im Sozialisationsprozess
6.1. Zum Begriff des Sports
6.2. Die geschichtliche Entwicklung des Sports
6.3. Sport als gesellschaftliches Phänomen
6.4. Der Sport als Kulturmerkmal
6.5. Sozialisation und Sport
6.6. Der Einfluss des Sports auf das Selbstkonzept
6.7. Fazit
7. Capoeira
7.1. Auszüge der Geschichte Brasiliens
7.2. Der Ursprung des Wortes Capoeira
7.3. Die historische Entwicklung von Capoeira
7.4. Die Gründung der Akademien
7.5. Capoeira heute
7.6. Trainingsziele
7.7. Philosophische Aspekte
7.8. Lieder und Instrumente
7.8.1. Berimbau
7.8.2. Weitere Instrumente
7.8.3. Die Lieder
8. Betrachtung der einzelnen Elemente von Capoeira
8.1. Soziohistorische Bezüge
8.2. Der Rhythmus als Grundstruktur von Capoeira
8.3. Capoeira als rhythmische Bewegung
8.4. Capoeira als Kampfform
8.5. Capoeira im Kontext des Spiels
9. Interpretation der Ergebnisse
9.1. Ebene I: Capoeira als Sozialisationsinstanz
9.1.1. Die Capoeiragruppe als soziale Gruppe
9.1.2. Exkurs: Capoeira als Sozialisationsinstanz nach Paulo Freire
9.1.3. Die Bedeutung der Alphabetisierung des Körpers
9.1.4. Capoeira als signifikantes Symbol
9.2. Ebene II: Capoeira als symbolischer Interaktionismus
9.3. Ebene III: Der Einflusses von Capoeira auf das Selbstkonzept
9.3.1. Der Handlungsprozess
9.3.2. Das Selbstkonzept als hierarchisches System
10. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der brasilianischen Kampfkunst Capoeira auf die Entwicklung des Selbstkonzeptes innerhalb des Sozialisationsprozesses. Es wird analysiert, inwiefern Capoeira als Handlungsraum dient, der es Individuen ermöglicht, durch körperliche Interaktion und die Auseinandersetzung mit soziokulturellen Gegebenheiten Identität zu formen und das eigene Selbstkonzept zu beeinflussen.
- Sozialisationstheoretische Grundlagen und die Bedeutung der Identitätsentwicklung.
- Die Rolle des Körpers als Medium der Kommunikation und der kulturellen Konstruktion.
- Die Institutionalisierung des Sports und dessen Funktion im gesellschaftlichen Gefüge.
- Die historische und soziokulturelle Genese der Capoeira sowie ihre spezifische Struktur.
- Die Analyse von Capoeira anhand der drei Ebenen des symbolischen Interaktionismus und deren Auswirkungen auf das Selbstkonzept.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„jogo Capoeira, logo existo“ (sinngemäß: „Ich betreibe Capoeira, also bin ich“) schafft eine Verbindung zwischen dem eigenen Sein und der Identifizierung mit einer Rolle. Es ist nicht die Frage „wer bin ich?“, sondern „wer bin ich in Beziehung zu den anderen“. Nichts scheint schwieriger als die Beantwortung dieser Frage im Spannungsverhältnis zwischen dem „ich bin“ und den Erwartungen der Umwelt. Dieses Phänomen scheint ein Symptom der gesellschaftlichen Entwicklung: „Im Zuge fortschreitender Modernisierung werden die Menschen typischerweise herausgelöst aus traditionellen Bindungen und Sicherheiten und sind stattdessen auf eine Überfülle heterogener und oft antagonistischer, sozial teils mehr, teils weniger stimmig vor-organisierter Lebensstilpakete, Sinnkonglomerate und Ideologiegehäuse verwiesen.“¹ Der Mensch scheint gezwungen seine Biografie aktiv zu kreieren.
Dabei ist der Sport als eigenständige Sozialisationsintanz ein Lebensbereich, der nicht dem Zwecke der Produktivität dient, sondern dem Zweck der Befriedigung eigener Bedürfnisse. Capoeira ist eine Kampfkunst, welche sich in Brasilien vor circa 200 Jahren entwickelt wurde. Sklaven, die aus Afrika nach Brasilien verschifft wurden, nutzten dieses Handlungsfeld, um ihre eigenen kulturellen Riten in etwas Neues zu transferieren. In einer kolonisierten Welt wurde Capoeira zu einer eigenen Form der Aneignung der Lebenswelt. Unter der Prämisse, dass Sozialisation der Prozess der Vergesellschaftung und Individuation ist, kann Capoeira als Möglichkeit der Sozialisation markiert werden, da zum einen kulturelle Inhalte in Form von Musik, Gesang und Bewegungen vermittelt werden, zum anderen individuelle Bewegungsabfolgen ein absolutes Postulat darstellen. Diese Arbeit untersucht demnach, welchen Einfluss Capoeira auf die Entwicklung eines Selbstkonzeptes im Sozialisationsprozess besitzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Verbindung zwischen dem eigenen Sein und der sozialen Identität im Kontext von Modernisierung, wobei Capoeira als Medium zur Entwicklung eines Selbstkonzeptes untersucht wird.
2. Bestimmung der Begriffe: Es erfolgt eine theoretische Fundierung der Begriffe Individuum, Gesellschaft und Kultur, um das Fundament für den Sozialisationsprozess zu legen.
3. Die Sozialisation: Dieses Kapitel definiert Sozialisation als Spannungsfeld zwischen Vergesellschaftung und Individuation, wobei die Sprache als zentrales Medium des symbolischen Interaktionismus hervorgehoben wird.
4. Die Identität- Definition und Entwicklung: Der Begriff Identität wird als reflexiver Prozess der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt erläutert, unter Einbeziehung der Theorien von Mead und Goffman.
5. Das Selbstkonzept: Das Selbstkonzept wird als hierarchische Struktur von Kognitionen, Emotionen und Motivationen analysiert, die durch Erfahrungen und Handlungen ständig neu konstruiert werden.
6. Die Rolle des Sports im Sozialisationsprozess: Sport wird als institutionalisierte Sozialisationsinstanz betrachtet, die soziale Anerkennung ermöglicht und als Raum zur Einübung von Rollen dient.
7. Capoeira: Dieses Kapitel bietet eine historische und inhaltliche Einführung in die Capoeira, von ihren Wurzeln in der Sklaverei bis hin zu ihrer heutigen Bedeutung als Bewegungskultur.
8. Betrachtung der einzelnen Elemente von Capoeira: Die Analyse der Komponenten Tanz, Rhythmus, Kampf und Spiel zeigt die Einzigartigkeit der Capoeira im Vergleich zu klassischen Sportarten auf.
9. Interpretation der Ergebnisse: Die Zusammenführung von Selbstkonzept und Capoeira erfolgt auf drei Ebenen, wobei die praktische Anwendung des symbolischen Interaktionismus im Kontext der Roda im Vordergrund steht.
10. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Capoeira als ganzheitlicher Handlungsraum das Potenzial hat, das Selbstkonzept positiv zu beeinflussen, indem es individuelle Eigenleistung fördert.
Schlüsselwörter
Sozialisation, Selbstkonzept, Capoeira, Identitätsentwicklung, symbolischer Interaktionismus, Körperkonzept, Sport, soziale Gruppe, Roda, Selbstwirksamkeit, Körperlichkeit, Kampfkunst, Brasilien, Handlungsverlauf, Individuation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die Ausübung der Kampfkunst Capoeira das Selbstkonzept eines Individuums im Rahmen seines Sozialisationsprozesses beeinflussen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Sozialisationstheorie, Identitätsentwicklung, die Rolle des Körpers in der Gesellschaft sowie die spezifische Bedeutung von Sport und Capoeira innerhalb dieser Prozesse.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das primäre Ziel ist es, Capoeira als einen Handlungsraum zu operationalisieren, der es Individuen erlaubt, ihre Identität durch körperliche und soziale Interaktion reflexiv zu gestalten und weiterzuentwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretischen Ansatz, primär basierend auf dem symbolischen Interaktionismus von George Herbert Mead, um die Prozesse der Identitätsbildung und die Wirkung von Sport auf das Individuum zu analysieren.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil besonders im Fokus?
Im Hauptteil werden sowohl die allgemeinen Grundlagen der Sozialisation und des Selbstkonzepts erörtert als auch eine tiefgehende Analyse der Capoeira-Elemente (Tanz, Kampf, Musik) durchgeführt, um deren Interaktion mit dem menschlichen Selbstbild zu erklären.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter dieser Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sozialisation, Selbstkonzept, Capoeira, Identitätsentwicklung, symbolischer Interaktionismus und Körperlichkeit charakterisieren.
Warum spielt der Körper im Kontext von Capoeira eine so besondere Rolle?
Bei Capoeira fungiert der Körper als unmittelbares Medium der Kommunikation und als "Leib", der nicht nur als Objekt behandelt wird, sondern durch den die eigene kulturelle Identität am eigenen Leib erfahren und transformiert wird.
Was unterscheidet Capoeira als "Spiel" von einer traditionellen Sportart?
Im Gegensatz zu vielen westlichen Sportarten, die auf ein schnelles Ende, Sieg und messbare Leistung zielen, definiert Capoeira das Handlungsziel über das "Spiel" an sich, welches auf Dialog, Strategie (mandinga) und gegenseitiger Anerkennung statt auf Unterwerfung des Gegners basiert.
- Quote paper
- Joana Lissmann (Author), 2012, 'Jogo Capoeira, logo existo': Eine Untersuchung über den Einfluss der Kampfkunst 'Capoeira' auf die Entwicklung eines Selbstkonzeptes im Sozialisationsprozess, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/196586