[...] Nun tauchen aber zunehmend Texte auf, die sich nicht mehr an den Unterschied von Autobiographie und Fiktion halten. So findet sich in autobiographischen Texten Phantastisches, offensichtlich Erfundenes und literarisch Ausgestaltetes wie umgekehrt in Romanen ganz ungebrochen Autobiographisches eingebaut wird, etwa in Form von realen Personen oder der Verwendung von Namen realer Personen. Auch sind gänzlich neue Formen autobiographischen Schreibens zu verzeichnen, die etwa auf Vermischung von Textgenres setzen. Lassen sich die neueren Entwicklungen mit dem von Serge Doubrovsky in die Diskussion gebrachten Begriff der Autofiktion fassen? Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll dieser Frage auf den Grund gegangen werden. Der Autofiktionsbegriff nach Doubrovsky wurde in der Forschung inzwischen weiterentwickelt. Vor allem im französischsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl von Forschungsliteratur zum Thema. Diese kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit freilich nicht ausschöpfend Berücksichtigung finden, vielmehr fußt sie auf der ursprünglichen Definition Doubrovskys, die auch Christina Schaefers Ausführungen zu Grunde liegt. An Schaefers Klassifizierung orientiert sich diese Arbeit größtenteils. Am Beispiel von Thomas Glavinics Roman „Das bin doch ich“ soll also geklärt werden inwieweit das Konzept der Autofiktion plausibel ist und im Beispielroman Anwendung findet. Dafür wird es zunächst eine Annäherung an den Begriff der Autofiktion geben. Im Anschluss folgt eine Auseinandersetzung mit den Begriffen Autobiographie, Fiktionalität und Faktualität aus denen die Autofiktion eine Mischgattung zu sein scheint. Anschließend soll vor diesem Hintergrund die Autofiktion selbst definiert werden. Im Anschluss an den ersten Hauptteil folgt die Auseinandersetzung mit Thomas Glavinics Roman „Das bin doch ich.“ Nach kurzen Hinweisen zu Inhalt und Struktur wird überprüft werden, ob die im ersten Teil erarbeiteten Merkmale der Autofiktion im Beispielroman Anwendung finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Neue Entwicklungen in der Literatur
2. Das Konzept der Autofiktion
2.1 Eine Annäherung
2.2 Autobiographisches versus fiktionales Erzählen
2.3 Fiktionalität versus Faktualität
2.4 Die Autofiktion zwischen Fakt und Fiktion
3. Thomas Glavinics „Das bin doch ich“ – eine Autofiktion?
3.1 Inhalt und Struktur
3.2 Die fiktional-faktuale Ambiguität
3.3 Die Ausweisung des Ich als Konstrukt
4. Fazit: Der autofiktionale Roman „Das bin doch ich“
5. Literaturnachweis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Plausibilität des Konzepts der Autofiktion anhand von Thomas Glavinics Roman „Das bin doch ich“. Dabei wird analysiert, inwieweit der Roman die zentralen Merkmale der Autofiktion – insbesondere die fiktional-faktuale Ambiguität und die Inszenierung des Ich als bewusstes Text-Konstrukt – erfüllt und wie er sich im Spannungsfeld zwischen autobiographischem Pakt und Fiktionsvertrag positioniert.
- Grundlagen des Autofiktionsbegriffs nach Serge Doubrovsky und Christina Schaefer
- Abgrenzung zwischen Fiktionalität, Faktualität und autobiographischem Erzählen
- Analyse der fiktional-faktualen Ambiguität in „Das bin doch ich“
- Untersuchung der Konstruktion des Ich als „sujet dispersé“
- Reflektion über den Schreibprozess als performatives „Self-Fashioning“
Auszug aus dem Buch
3.2 Die fiktional-faktuale Ambiguität
Es wurde bereits festgestellt, dass die Autofiktion, vereinfacht ausgedrückt, eine Mischung aus Fiktion und Faktualität ist. Sie ist die „Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten“, laut Serge Doubrovsky. Nun finden sich in Glavinics Roman „Das bin doch ich“ allerhand nachprüfbar faktuale Dinge, aber vermutlich auch Fiktives. Es lässt sich schließlich nicht nachprüfen, welche seiner teils abstrusen Abenteuer Glavinic tatsächlich selbst erlebt hat, es ist wohl aber davon auszugehen, dass sie mit diversen phantastisch-fiktiven Ergänzungen ausgeschmückt wurden. Die Autofiktion verschleiert ihre fiktionalen Anteile nicht, sie kehrt sie vielmehr deutlich hervor. Sie bietet, anders als der Roman, dem Leser teilweise offen einen autobiographischen Pakt an. So verweisen in Glavinics „Das bin doch ich“ die Homonymie von Autor, Erzähler und Protagonist sowie die prüfbaren Übereinstimmungen zwischen der histoire und dem Leben des realen Autors auf eine traditionelle Autobiographie, die paratextuelle Gattungsbezeichnung „Roman“ hingegen auf eine Fiktion.
Die Übereinstimmung von Autor, Erzähler und Protagonist wird etwa an vielerlei Textstellen deutlich in denen der Name Thomas Glavinic explizit genannt wird. Dies wird beispielsweise in der Szene deutlich, in der Thomas Glavinic das Theater besuchen möchte, jedoch werden an der Abendkasse keine Tickets mehr verkauft. Es bestünde aber die Möglichkeit eine Theaterkarte zu reservieren indem Glavinic sich auf einer Wartliste eintragen lässt. Eigentlich ist es ihm höchst unangenehm in der Öffentlichkeit seinen Namen zu nennen, doch in diesem Fall heißt es im Roman dann: „Ach, warum nicht, denke ich, vielleicht kennt er mich ja. [...] Thomas Glavinic, sage ich und schaue ihm in die Augen.“ Spätestens durch die explizite Nennung des Namens ist die Übereinstimmung des Protagonisten, der zufällig auch Erzähler und vor allem Autor des Romans ist, nicht mehr zu übersehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Neue Entwicklungen in der Literatur: Diese Einleitung führt in die Problematik des sich auflösenden Unterschieds zwischen Autobiographie und Fiktion ein und stellt die Relevanz des Begriffs der Autofiktion für das Beispielwerk von Thomas Glavinic dar.
2. Das Konzept der Autofiktion: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Autofiktion, definiert sie als Mischgattung und grenzt sie von rein autobiographischen sowie rein fiktionalen Texten ab.
3. Thomas Glavinics „Das bin doch ich“ – eine Autofiktion?: Hier erfolgt die Anwendung der zuvor erarbeiteten Kriterien auf Glavinics Roman, wobei insbesondere die inhaltliche Struktur, die fiktional-faktuale Ambiguität und die Konstruktion des Ich analysiert werden.
4. Fazit: Der autofiktionale Roman „Das bin doch ich“: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der Roman die konstitutiven Merkmale einer Autofiktion erfüllt und somit als solches Werk einzuordnen ist.
5. Literaturnachweis: Dieses Verzeichnis listet die verwendete Fachliteratur und die Primärquelle auf.
Schlüsselwörter
Autofiktion, Thomas Glavinic, Faktualität, Fiktionalität, autobiographischer Pakt, Erzählinstanz, Konstruktivität, Selbstdarstellung, Serge Doubrovsky, Literaturtheorie, Identität, Roman, Ambiguität, Schreibprozess, Subjekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob und wie der Roman „Das bin doch ich“ von Thomas Glavinic als Autofiktion klassifiziert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der theoretischen Bestimmung der Autofiktion, der Differenzierung zwischen Fakt und Fiktion sowie der Analyse von Identitätskonstruktionen im literarischen Text.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Überprüfung der Plausibilität des Autofiktionsbegriffs durch eine praxisnahe Analyse, um die konstitutiven Merkmale der Gattung an einem konkreten Beispielroman aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse auf Basis der Definitionen von Serge Doubrovsky und Christina Schaefer, ergänzt durch textimmanente Untersuchungen und Vergleiche mit gattungstheoretischen Standards.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Definitionen (Autobiographie, Fiktion, Autofiktion) dargelegt und anschließend die fiktional-faktuale Ambiguität sowie die bewusste Konstruktion des Ichs in Glavinics Werk detailliert analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die fiktional-faktuale Ambiguität, das textinterne Ich-Konstrukt, der autobiographische Pakt und die Verschränkung von faktualen und fiktionalen Diskursen.
Wie geht die Autorin mit dem Namen „Thomas Glavinic“ im Roman um?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Name des Autors explizit als Teil des Romans verwendet wird, was einerseits eine Identität vortäuscht, andererseits durch den Gattungsbegriff „Roman“ als Fiktion markiert bleibt.
Welche Rolle spielt der Alkoholkonsum für das Bild des Erzählers?
Der Alkoholkonsum dient als Erklärung für lückenhafte Erinnerungen und Identitätsbrüche, was die Konstruiertheit des Ichs unterstreicht und die Unzuverlässigkeit der erzählerischen Erinnerung illustriert.
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- Victoria Rickertsen (Autor:in), 2011, Autofiktion: Neue Verfahren literarischer Selbstdarstellung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/196454