Diese Arbeit ist die erste literaturwissenschaftliche Studie, die das Erzählwerk des Schweizer Autors Peter Stamm literaturanalytisch erfasst.
Im Fokus der Untersuchung der Erzählbände Blitzeis, In fremden Gärten, Wir fliegen und Seerücken steht die Offenlegung stilistischer und inhaltlicher Alleinstellungsmerkmale und Charakteristika Stamms Kurzprosa innerhalb der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.
Das in der Literaturkritik vielfach bemühte Thema des Scheiterns der Protagonisten angesichts ihrer Ansprüche an Liebe und Glück kann in der inhaltlichen Textanalyse nicht verifiziert werden. Vielmehr wird gezeigt, wie Stamm die Grundlagen und Bedingungen menschlicher Existenz in hohem Maße zu seinem Thema macht - ein Phänomen, das dem Leser verschiedenste Fragestellungen aufnötigt und in seiner Prägnanz in den Bänden durchaus wiederkehrend ist. Umfangreiche stilistische Untersuchungen zeigen, wie sehr Stamms scheinbar „schmucklose und nüchterne“ Texte doch von stilistischen Elementen durchzogen sind, die sehr genau mit den Inhalten der Texte korrespondieren und zusammenwirken.
Die Autorin richtet daneben einen Fokus auf die Zuordnung der Texte zum Genre der „Erzählung“, der offenbart, dass Stamms kurze Prosa strukturell und thematisch enger mit der literarischen Tradition der Kurzgeschichte verbunden ist.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Stamm als Erzähler im Lichte verschiedener Erzähltraditionen
I. Stamm im Kontext der Gegenwartsliteratur der deutschsprachigen Schweiz
1. Nach der littérature engagée – Literarische Tendenzen der Moderne
2. Erzähler und Kurzprosa in der Schweizer Literatur der Gegenwart
3. Zusammenfassung
II. Peter Stamm in der Erzähltradition Raymond Carvers
III. Judith Hermann und „erzählerische Analogien“ zu Peter Stamm
C. Narrative Strategie und Individualstil in Stamms Kurzprosa
I. Elemente der Mikrostilistik und ihre Wirkung
1. Satzlänge und Satzbau – Die Schaffung einer kontrollierten Dynamik
2. Wortwahl und Verbalstil – Die emotionale Involvierung des Lesers
3. Kennzeichnung der direkten Rede – Das Spiel mit dem Lesefluss
4. Schlussfolgerung
II. Makrostilistik – Analysen oberhalb der Satzebene
1. Erzählsituation und Erzählhaltung: Die Übertragung von Emotionen auf den Leser
2. Stilart: Die Provokation des Lesers
3. Die häufige Redewiedergabe als zwingende Bedingung von Form und Inhalt
4. Unvermittelter Anfang und offener Schluss
5. Spannungserzeugung im inneren Textaufbau
6. Die Komposition der Erzählungen und der Bände
III. Zusammenfassung
D. Stamms literarisches Konzept des Existenziellen
I. Suchen Stamms Protagonisten Liebe und Glück? Die These des Scheiterns
1. Das Scheitern in der Liebe
a) Blitzeis: Desinteresse an Liebe und Nähe
b) In fremden Gärten: Liebe und Sex in ihren gesellschaftlichen Funktionen
c) Wir fliegen: Liebe als positiver Wert im Leben
d) Seerücken: Die Bewältigung der Ehe
e) Resumée
2. Die Suche nach Glück
a) Liebe und menschliche Beziehungen
b) Selbstverwirklichung und Selbstfindung
c) Resumée
II. Das Krisenkonzept: Unterbrechungen des Alltags
1. Die existenzielle Lebenskrise – bedeutende Unterbrechungen im Alltag
2. Unterbrechungen des Alltags für kurze Zeit – mittelschwere Krisenmomente
3. Leichte Unterbrechungen des Alltags – Verstörung und Bewusstsein
4. Schlussfolgerung: Der Fokus auf die Protagonisten
5. Der Umgang der Protagonisten mit Krisen
a) Die Flucht vor anderen Menschen als Rückzug zu sich selbst
b) Resignation
c) Sprachlosigkeit und Tatenlosigkeit
d) Scheitern die Protagonisten im Umgang mit Krisensituationen?
III. Trennung von Ratio und Emotio als Annäherung des Menschen an die Natur
IV. Zusammenfassung
E. Gattungstheoretische Überlegungen zur Kurzprosa Peter Stamms
I. Elemente der Novelle in Stamms Prosa
1. Klassische Zuweisungsmerkmale und ihre Präsenz bei Stamm
2. Die Novelle in der literarischen Moderne – das Existenzielle bei Musil
3. Ergebnis
II. Stamms Geschichten als Kurzgeschichten
1. Formale Merkmale: Kürze, Titel, Anfang und Schluss der Kurzgeschichte
2. Komposition der Kurzgeschichte – Erzähler und Erzählstruktur
3. Darstellung der Figuren und Inhalte – Menschliche Krisen und „Zwischenland“
III. Ergebnis und Abgrenzung zur Erzählung
F. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzählerischen Merkmale und das existenzielle Konzept in den Kurzprosa-Bänden von Peter Stamm. Ziel ist es, die narrative Strategie des Autors freizulegen und zu analysieren, wie er seine Themen durch stilistische Mittel umsetzt, um seine einzigartige Position innerhalb der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur zu bestimmen.
- Analyse der narrativen Strategien und des Individualstils in Stamms Kurzprosa
- Untersuchung des Konzepts des Existenziellen und der Krisenbewältigung bei Stamms Protagonisten
- Vergleichende Einordnung in Erzähltraditionen, insbesondere im Kontext von Raymond Carver und Judith Hermann
- Gattungstheoretische Bestimmung der Texte zwischen Novelle, Kurzgeschichte und Erzählung
- Analyse der Wirkung des „Stamm-Stils“ auf den Leser im Hinblick auf Irritation und emotionale Involvierung
Auszug aus dem Buch
3. Kennzeichnung der direkten Rede – Das Spiel mit dem Lesefluss
Auch Interpunktion und Typografie können im Rahmen der Stilanalyse relevant sein, nämlich in der Abweichung von der Norm.
Blitzeis ist bezüglich typographischer Besonderheiten noch völlig unauffällig gehalten. Schon In fremden Gärten enthält dann in der letzten Geschichte „Der Kuß“ eine Auffälligkeit, die später wiederkehrt: Die direkte Rede wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben und ungekennzeichnet in den Textfluss integriert. Im Band Wir fliegen werden in sechs von zwölf Erzählungen keine Anführungszeichen mehr bei der direkten Rede gesetzt. Typographisch auffällig ist auch die letzte Geschichte des Bandes („In die Felder muss man gehen...“): Sie ist als innerer Monolog verfasst, und der Erzähler spricht in der „Du“-Form zu sich selbst; Dialoge mit anderen werden dadurch gekennzeichnet, dass den Redesätzen ein Gedankenstrich vorangestellt wird und mit ihnen jeweils eine neue Zeile begonnen wird. Letzteres vollzieht Stamm auch schon in der ersten Geschichte („Die Erwartung“) desselben Bandes, die auch in der Erzählform dem inneren Monolog nahe kommt, da hier eine Ich-Erzählerin gleichsam nur zu sich selbst spricht. In „Wir fliegen“, auch aus demselben Band, fällt zudem auf, dass die direkte Rede, die nicht interpunktiert ist, meist in den Fließtext eingebettet ist, unregelmäßig jedoch mittels eines Zeilenumbruchs hervorgehoben wird. Auch wird gelegentlich auf eine Frage, die in der direkten Rede gestellt ist, in der indirekten Rede geantwortet. In „Die Verletzung“ (aus Wir fliegen) wird grundsätzlich auch auf Interpunktion bei der wörtlichen Rede verzichtet, an einer Stelle im Text wird dieses Prinzip jedoch durch die Setzung von Anführungsstrichen unterbrochen.
Mit Interpunktion kann oftmals Einfluss auf das Tempo im Text genommen werden. Es können aber auch einzelne Aussagen hervorgehoben werden. Es würde hier zu weit führen, die Textstellen, an denen in Wir fliegen Unregelmäßigkeiten eingesetzt werden, im Detail zu analysieren. Doch wird durch die Vielfalt der Experimente in diesem Band klar, dass Stamm diese Unstimmigkeiten sehr bewusst einsetzt, um Aufmerksamkeit beim Leser zu erregen, diesen also wiederum aus seinem gewohnten Leserhythmus herauszuführen und in seinem Lesetempo stocken zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung verortet Peter Stamm als prägende Größe der Gegenwartsliteratur und stellt die These auf, dass sein Werk trotz oberflächlicher Vergleiche mit anderen Autoren eine einzigartige, unverwechselbare narrative Charakteristik aufweist.
B. Stamm als Erzähler im Lichte verschiedener Erzähltraditionen: Dieses Kapitel verortet Stamm zunächst im Schweizer Kontext und analysiert anschließend Einflüsse sowie Abgrenzungen gegenüber Raymond Carver und Judith Hermann.
C. Narrative Strategie und Individualstil in Stamms Kurzprosa: Der Hauptteil untersucht die mikrostilistischen und makrostilistischen Mittel Stamms, wie Satzbau, Wortwahl und Erzählhaltung, und deren Wirkung auf den Leser.
D. Stamms literarisches Konzept des Existenziellen: Hier wird analysiert, wie Stamm durch die Darstellung von Alltagskrisen und menschlichem Verhalten ein spezifisches existenzielle Wertesystem entwirft, das auf Passivität und menschliche Indifferenz verweist.
E. Gattungstheoretische Überlegungen zur Kurzprosa Peter Stamms: Dieses Kapitel prüft, ob Stamms Texte eher als Novellen, Erzählungen oder Kurzgeschichten einzustufen sind, und kommt zu dem Schluss, dass die Kurzgeschichte das passendste Genre darstellt.
F. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Stamm mit einfachsten stilistischen Mitteln eine komplexe, irritierende Wirkung erzielt, die ihn als unverwechselbaren Erzähler auszeichnet.
Schlüsselwörter
Peter Stamm, Kurzprosa, Erzähltradition, Narrative Strategie, Mikrostilistik, Existenzialismus, Alltagskrise, Kurzgeschichte, Schweizer Gegenwartsliteratur, Psychologie der Figuren, Sprachökonomie, Entfremdung, Zwischenland, Leserführung, Interpunktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm, um seine narrative Strategie und seinen Individualstil innerhalb der gegenwärtigen Literatur zu bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die stilistische Ökonomie, der Umgang der Protagonisten mit Krisen, das Konzept des Existenziellen und die gattungstheoretische Einordnung von Stamms Kurzprosa.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die spezifischen Merkmale freizulegen, die Stamms Prosa so unverwechselbar machen und seinen Erfolg in der Gegenwartsliteratur begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Untersuchung von Stilmitteln (Mikro- und Makrostilistik) sowie einer gattungstheoretischen Einordnung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert Stamms Erzählweise, seine stilistischen Instrumente sowie seine Darstellung menschlicher Krisen und existenzieller Grundfragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Erzähltradition, narrative Strategie, existenzielles Konzept, Kurzgeschichte und die spezifische "Stamm-Stilistik" wie Lakonie und Ökonomie.
Wie geht Stamm mit dem Thema Liebe und Beziehungen um?
Stamm zeigt Liebe und Partnerschaft meist als komplexe, oft gescheiterte oder von Unentschlossenheit geprägte Phänomene, bei denen die Protagonisten meist passiv bleiben.
Warum verwendet Stamm in späteren Werken keine Anführungszeichen bei der direkten Rede?
Die Aufgabe der klassischen Interpunktion dient der bewussten Irritation des Lesers, um ihn aus seinem gewohnten Leserhythmus zu bringen und die Erzählung fließender, aber zugleich fordernder zu gestalten.
Welche Bedeutung hat das "Zwischenland" in Stamms Texten?
Das "Zwischenland" beschreibt sowohl geografische Orte (wie Gärten oder Urlaubsziele) als auch psychologische Zustände der Figuren, die sich zwischen Konventionen und persönlicher Indifferenz bewegen.
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- M.A. Christina Rossi (Author), 2011, Peter Stamms Erzählungen: Narrative Strategie und existenzielle Inhalte, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195528