Eine kalte, klare Quelle oder ein sprudelnder Bach, ein oder mehrere Linden, grünes Gras und idealerweise noch etwas Vogelgezwitscher: Das sind die Attribute, die einen paradies-artigen typischen locus amoenus, einen lieblichen Ort, im Mittelalter eigentlich einen Ort des Minnegeschehens, ausmachen. Die Quelle im „Iwein“ Hartmanns von Aue erfüllt fast alle diese Eigenschaften: Versteckt, geheim und nur durch einen dichten Wald erreichbar, liegt die Quelle geschützt unter einer immergrünen Linde, dem Baum der Liebe.
Doch so friedlich die Quelle zunächst auch wirken mag, begießt man einen Stein oberhalb der Quelle mit Wasser aus einem goldenen Becken - das scheinbar genau für diesen Zweck von einem Ast herabhängt - bricht ein gewaltiges Unwetter von apokalyptischem Ausmaß über das Land herein. Ort des Minnegeschehens, wie die Minnegrotte im „Tristan“, scheint die Quelle im „Iwein“ nicht zu sein, im Gegenteil: Im Laufe der Handlung wird die Quelle mehrmals zum Schauplatz tödlicher Zweikämpfe.
Einer genauen Betrachtung der Quelle und der Symbolik des Begießens wurde in der „Iwein“-Forschung bisher vergleichbar wenig Beachtung geschenkt. Deutlich ist, dass der Brunnen eine Schlüsselstellung in Bezug auf die Handlung einnimmt. Immer wieder kehrt der Handlungsverlauf zu dem Brunnen als zentrales Element zurück. Diese Arbeit wird sich vor dem Hintergrund mythologischer und erotischer Aspekte mit der Frage beschäftigen, welche Bedeutung die Quelle für den „Iwein“ hat und wie sich der Kontrast und Beziehung zwischen ihr und dem Gewitter deuten lässt.
Zunächst werden in 2.0 ausgewählte Textstellen, welche die Quelle und ihre Reaktion auf das Begießen charakterisieren, beschrieben und analysiert. Aufbauend darauf werde ich anschließend in 3.0 auf unterschiedliche Bedeutungsmöglichkeiten der Quelle unter den Gesichtspunkten des Mythologischen und Erotischen eingehen. Im letzten Kapitel werde ich mich dabei vor allem auf die erotischen Aspekte konzentrieren.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
2.0 Zur Beschreibung der Quelle
2.1 Die erzählte Quelle
2.1.1 Beschreibung durch den Waldmann
2.1.2 Beschreibung durch Kalogrenant
2.2 Die Quelle als zentrales Element der Handlung
2.2.1 Ort des Kampfes
2.2.2 Ort der Liebe
3.0 Zur Bedeutung der Quelle
3.1 Mythologische Hintergründe
3.1.1 Das Quellenreich als Anderswelt
3.1.2 Laudine – eine Quellenfee?
3.2 Erotische Hintergründe
3.2.1 Das Quellenreich als Welt des Weiblichen
3.2.2 Die sexuelle Konnotation des Brunnenbegießens
4.0 Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle der Quelle in Hartmanns von Aue „Iwein“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer mythologischen und erotischen Dimensionen sowie der Symbolik des Brunnenbegießens.
- Analyse der narrativen Beschreibung der Quelle durch den Waldmann und Kalogrenant
- Untersuchung der Quelle als Schwellenraum zur mythischen Anderswelt
- Deutung der Figur Laudine im Kontext des Quellenfee-Motivs
- Erforschung der erotischen Symbolik und der sexuellen Konnotation des Brunnenrituals
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Ort der Liebe
Im Gegensatz zur ersten Ankunft Iweins am Brunnen, bei der es ein klares Motiv sowie die Wegbeschreibung durch Kalogrenants Erzählung gab, gelangt Iwein nun gemeinsam mit den Löwen diu geschiht, durch Zufall, an die Quelle (vgl. V. 3922 – 3929). Mit grôz heil und michel ungemach verweist Hartmann an dieser Stelle darauf, dass der Brunnen Iwein Positives wie Negatives, Glück und Unglück gebracht hat. Wie wichtig der Brunnen für ihn ist, zeigt sich dadurch, dass die hervorgerufene Emotionalität so stark ist, dass Iwein zusammenbricht und sich beinahe mit seinem Schwert versehentlich selbst tötet (vgl. 3929ff.). Aus twanc diu minnende nôt (V. 7790) beschließt Iwein später, nach seiner Genesung von dem Kampf mit Gawein, wieder die Quelle aufzusuchen:
`ich trîbez kurz ode lanc,
sone weiz ich wiech ir minne
iemer gewinne,
wan daz ich zuo dem brunnen var
und gieze dar und aber dar. (V. 7792 – 7796)
Im Gegensatz zum anfänglichen Motiv der Rache, hat Iwein nun vor, den Stein aus dem Motiv der Liebe heraus – und nicht um des Kampfes Willen - mit Wasser zu begießen. Dies könnte als Anhaltspunkt für das spätere „glückliche Ende“ Laudine und Iweins verstanden werden: Liebe, im Gegensatz zur Rache, als Schlüssel zum langfristigen Glück. Wie Bertau bemerkt, kann das jedoch auch die „erzwungene“ Liebe sein:
„Diesmal hat der Held sich aus Liebesnot entschlossen, seine Herrin zur Liebe zu zwingen, sie, d. h. den Stein an der Quelle, noch einmal zu begießen. Aber es ist kein anderer Mann seiner Frau mehr da als er selbst, und deshalb kann von nun an er allein sie schützen.“10
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Quelle als locus amoenus im „Iwein“ ein und stellt die Forschungsfrage nach deren mythologischen und erotischen Aspekten.
2.0 Zur Beschreibung der Quelle: Dieses Kapitel analysiert die narrativen Darstellungen der Quelle durch den Waldmann und Kalogrenant sowie ihre Funktion als Schauplatz für Kämpfe und Liebe.
2.1 Die erzählte Quelle: Hier wird untersucht, wie die Charakteristika der Quelle durch die Erzählung des Waldmanns und Kalogrenants vermittelt werden.
2.1.1 Beschreibung durch den Waldmann: Dieser Unterabschnitt thematisiert die gegensätzliche Darstellung der Quelle als Gefahr und gleichzeitig als idyllischer locus amoenus.
2.1.2 Beschreibung durch Kalogrenant: Der Fokus liegt hier auf der subjektiven Wahrnehmung Kalogrenants und der resultierenden räumlichen Multiperspektivität.
2.2 Die Quelle als zentrales Element der Handlung: Dieses Kapitel betrachtet die Quelle als Angelpunkt, um den sich die gesamte Handlung und die Entscheidungen des Protagonisten drehen.
2.2.1 Ort des Kampfes: Hier wird der Brunnen als geheimer Ort der Auseinandersetzungen, insbesondere zwischen Askalon, Iwein und Keie, beleuchtet.
2.2.2 Ort der Liebe: Dieser Abschnitt analysiert das Motiv des Brunnenbegießens im Kontext der Liebe und Iweins Bestreben, Laudine zurückzugewinnen.
3.0 Zur Bedeutung der Quelle: Hier erfolgt eine tiefgehende symbolische Deutung der Quelle als Ursprung, Heilungsort und Tor zum Geheimnisvollen.
3.1 Mythologische Hintergründe: In diesem Kapitel wird das Quellenreich vor dem Hintergrund mythischer Vorstellungen und der Zeitlosigkeit untersucht.
3.1.1 Das Quellenreich als Anderswelt: Dieser Unterabschnitt interpretiert die Quelle als Schwellenraum und Tor zu einer mythischen Anderswelt.
3.1.2 Laudine – eine Quellenfee?: Hier wird die Identität Laudines in Bezug auf das Feenmärchen-Schema und ihre Verbindung zum Wasser geprüft.
3.2 Erotische Hintergründe: Dieses Kapitel widmet sich der Verbindung zwischen weiblicher Symbolik, Sexualität und dem Ritual des Brunnenbegießens.
3.2.1 Das Quellenreich als Welt des Weiblichen: Hier wird die Zuordnung von Wasser zum Weiblichen und die Machtstellung der Frauen im Quellenreich analysiert.
3.2.2 Die sexuelle Konnotation des Brunnenbegießens: Dieser Abschnitt deutet das Begießen des Steins als sexuelle Geste und als Angriff auf die Frau.
4.0 Fazit: Die Zusammenfassung resümiert die mythologischen und erotischen Ergebnisse und ordnet die Quelle als zentrales, fiktionsbildendes Element ein.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Quelle, Brunnen, locus amoenus, Mythologie, Laudine, Anderswelt, Erotik, Quellenfee, Brunnenbegießen, Minne, Symbolik, Literaturwissenschaft, Mittelalter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die symbolische und handlungsrelevante Bedeutung der Quelle in Hartmanns von Aue Roman „Iwein“, wobei sie insbesondere die mythologischen und erotischen Aspekte beleuchtet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Erzählstruktur der Quellenbeschreibung, die Deutung der Quelle als mythische Anderswelt und die Analyse der sexuellen Symbolik des Brunnenbegießens.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit geht der Frage nach, welche spezifische Bedeutung die Quelle für den Roman hat und wie sich der Kontrast sowie die Beziehung zwischen der Quelle und dem durch das Begießen ausgelösten Unwetter deuten lassen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Interpretation von Textstellen und der Heranziehung fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur (wie z. B. zu mythologischen Konzepten und Symbolik) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Beschreibung der Quelle durch die Figuren sowie eine tiefgehende Untersuchung ihrer mythologischen Hintergründe (Anderswelt, Feen-Motiv) und ihrer erotischen Aufladung (Verbindung von Frau und Wasser).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Iwein, Quelle, Mythologie, Erotik, Anderswelt, Quellenfee und Brunnenbegießen charakterisiert.
Wie wird das „Brunnenbegießen“ im Kontext der Erotik interpretiert?
Die Autorin deutet das Begießen als eine sexuelle Geste. In dieser Lesart wird der Brunnen als Symbol für das weibliche Geschlecht gesehen, wodurch das Begießen zu einem Akt der Antastung oder Beschmutzung der Frau wird.
Welche Rolle spielt Laudine in der mythischen Deutung der Arbeit?
Laudine wird in Anlehnung an keltische Feenmärchen als „Quellenfee“ betrachtet, deren Land durch den Bezug zum Wasser und die schwierige Erreichbarkeit als Anderswelt markiert ist.
- Arbeit zitieren
- Annika Fink (Autor:in), 2011, Zur Bedeutung der Quelle im Iwein Hartmanns von Aue - mythologische und erotische Hintergründe, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195492