Die Erzähltheorie hat bis heute keine einheitliche Begrifflichkeit oder Struktur.
Viele verschiedene Definitionen und Modelle, hier beschränkt auf die Gattung literarischer Erzählungen, erschweren eine überschaubare und systematische Erarbeitung der Darstellungsform epischer Texte.
Ziel dieser Ausarbeitung soll es sein, die wichtigsten Elemente der Erzähltheorie, überwiegend nach Matias Martinez und Michael Scheffel, anhand der Erzählung „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt zu erläutern, beziehungsweise die Erzählung auf die verschiedenen Elemente der Erzähltheorie hin zu analysieren.
Die nachfolgend beschriebenen Beispiele und Passagen aus der Erzählung „Das Versprechen“ beziehen sich in dieser Arbeit auf die 34. Auflage vom November 2009.
Berücksichtigt werden dabei, nach der allgemeinen Einführung in die Erzähltheorie, die einzelnen Darstellungsaspekte der Zeit und des Modus, welche jeweils mit Beispielen aus der genannten Erzählung verdeutlicht werden.
Aus Gründen des großen Umfangs des Themas und seiner Komplexität wurde die nähere Darstellung des letzten Aspekts „Stimme“ in dieser Arbeit zugunsten der Vertiefung der anderen Aspekte sowie einer überschaubareren Seitenzahl dieser Arbeit vernachlässigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Elemente der Erzähltheorie
Theorie der Fiktionalität
Die fiktionale Erzählung
3. Handlung und Darstellung oder „das Erzählte und das Erzählen“
Handlung
Darstellung
4. Die Erzählung „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt und seine Darstellung nach oben stehenden Merkmalen
Zeit
Ordnung
Dauer
Frequenz
Modus
Distanz
Die Erzählung von Ereignissen
Erzählung von Worten
Fokalisierung
5. Die Erzähltheorie im Unterricht
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die wichtigsten Elemente der modernen Erzähltheorie – primär basierend auf den Modellen von Matias Martinez und Michael Scheffel – anhand von Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Das Versprechen“ systematisch zu erläutern und zu analysieren.
- Grundlagen der Erzähltheorie und Unterscheidung von fiktionalen und faktualen Erzählungen
- Differenzierung zwischen Handlung (Erzähltes) und Darstellung (Erzählen)
- Analyse der zeitlichen Aspekte wie Ordnung, Dauer und Frequenz innerhalb der Erzählstruktur
- Untersuchung des Modus hinsichtlich Distanz, Fokalisierung und der Erzählung von Ereignissen bzw. Worten
- Didaktische Reflexion über die Integration erzähltheoretischer Ansätze in den Literaturunterricht
Auszug aus dem Buch
Die Erzählung von Ereignissen
Die Erzählung von Ereignissen birgt die Schwierigkeit, etwas Nichtsprachliches in etwas Sprachliches um zu formulieren. Während diesem Vorgang geht in der Regel etwas von der Unmittelbarkeit des Erlebens der Geschichte für den Leser verloren. Dennoch lassen sich Beispiele für Passagen belegen, in denen der Leser das Gefühl hat, das Geschehen mit einem gewissen Abstand zu betrachten, oder aber das Geschehen unmittelbar mitzuerleben.
Für die Erzählung „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt gilt, dass große Teile der Erzählung im narrativen Modus geschrieben wurden, da der Hauptinhalt des Romans aus einer Binnenerzählung besteht, die von einer Figur der Rahmenhandlung an eine weitere Figur weitererzählt wird. Es fungiert demnach eine ehemals beteiligte Figur als Erzähler einer Geschichte, die dem Leser aufgrund von detaillierten Hintergrundinformationen auch während der narrativen Erzählform der Erzählfigur (Dr.H.) den Eindruck vermittelt, nah am Geschehen zu sein.
Um dennoch Unterschiede in der Mittelbarkeit der Erzählweise zu zeigen, werden für beide Bereiche kurze Abschnitte beispielhaft genannt.
Als ein Beispiel für den dramatischen Modus (ohne Distanz) bei der Beschreibung von nichtsprachlichen Ereignissen lässt sich aus der Erzählung „Das Versprechen“ die Passage auf den Seiten 62 ab Zeile 18 bis Seite 63 Zeile 9 nennen. Hier befindet sich der Kommissär Dr. Matthäi am Flughafen, um zu seinem neuen Arbeitgeber zu fliegen. Im letzten Moment entschließt er sich dann jedoch dagegen: „Nachdem er sich von Feller verabschiedet und die Paßkontrolle durchritten hatte, kaufte er in der Wartehalle die >Neue Zürcher Zeitung<. Das Bild von Guntens war darin, der als Mörder des Gritli Moser bezeichnet war, aber auch das Bild des Kommissärs mit einer Notiz über seine ehrenvolle Berufung. Ein Mann, der den Höhepunkt seiner Karriere erreicht hatte. Doch als er auf die Flugpiste trat, den Regenmantel über dem Arm, bemerkte er, daß die Terrasse des Gebäudes voll Kinder war. Es waren Schulklassen, die den Flughafen besuchten [...]. Der Kommissär stutzte, schritt dann weiter der wartenden Swissair-Maschine zu. Als er sie erreichte, waren die andern Passagiere schon eingestiegen. Die Stewardeß, die die Reisenden zur Maschine geführt hatte, hielt die Hand hin, um Matthäis Karte in Empfang zu nehmen, doch der Kommissär wandte sich aufs neue um. Er schaute auf die Kinderschar, die glücklich und neidisch zu der startbereiten Maschine hinüberwinkte“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der erzähltheoretischen Begrifflichkeit ein und definiert das Ziel der Arbeit, Dürrenmatts Roman anhand von Martinez und Scheffel zu analysieren.
2. Elemente der Erzähltheorie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Fiktionalität und unterscheidet zwischen faktualen Tatsachenerzählungen und fiktionalen, imaginär-authentischen Texten.
3. Handlung und Darstellung oder „das Erzählte und das Erzählen“: Hier werden die vier Kernelemente der Handlung – Ereignis, Geschehen, Geschichte und Handlungsschema – definiert und auf den Kriminalroman angewendet.
4. Die Erzählung „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt und seine Darstellung nach oben stehenden Merkmalen: Das Hauptkapitel untersucht den Roman anhand der Kategorien Zeit, Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus, Fokalisierung sowie der Erzählung von Ereignissen und Worten.
5. Die Erzähltheorie im Unterricht: Dieses Kapitel diskutiert didaktische Möglichkeiten, erzähltheoretische Modelle wie die von Genette reduziert und gezielt in den Literaturunterricht zu integrieren.
Schlüsselwörter
Erzähltheorie, Friedrich Dürrenmatt, Das Versprechen, Kriminalroman, Narratologie, Zeitgestaltung, Erzählzeit, erzählte Zeit, Fiktionalität, Fokalisierung, Modus, Distanz, Literaturdidaktik, Anachronie, Handlungsanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der erzähltheoretischen Analyse von Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Das Versprechen“ unter Berücksichtigung literaturwissenschaftlicher Fachbegriffe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die zeitliche Struktur, die Art der erzählerischen Darstellung, die Fokalisierung sowie die Unterscheidung zwischen dem erzählten Inhalt und der Weise des Erzählens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Ansätze von Martinez und Scheffel praktisch auf Dürrenmatts Werk anzuwenden, um die narrativen Mechanismen des Romans offenzulegen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt die narratologische Filtermethode nach Gèrard Genette sowie die erzähltheoretischen Definitionen von Martinez und Scheffel zur strukturellen Textanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Zeit (Ordnung, Dauer, Frequenz), Modus (Distanz, Fokalisierung) sowie der Wiedergabe von Ereignissen und wörtlicher Rede im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Anachronie, analytische Distanz, Binnenerzählung, auflösende Analepse und das Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Rahmen- und Binnenerzählung im Roman?
Der Autor zeigt auf, dass der Kriminalautor die Rahmenerzählung bildet, während die Geschichte des Dr. Matthäi als Binnenerzählung fungiert, wodurch unterschiedliche Fokalisierungsebenen entstehen.
Was besagt die Analyse zur „auflösenden Analepse“?
Die Arbeit identifiziert diese als klassisches Element des Kriminalromans, das erst am Ende durch die Zusammenführung lückenhafter Informationen für den Leser ein neues Licht auf die gesamte Handlung wirft.
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- Christina Schröder (Author), 2010, Die Erzähltheorie am Beispiel der Erzählung „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195399