Der Haushalt der Europäischen Union hatte im Jahre 2010 einen Umfang von über 111 Milliarden €. Bei der Aufteilung des Haushaltes auf die derzeit 27 Mitgliedsstaaten kommt es angesichts dieser Summe naturgemäß zu Begehrlichkeiten und Spannungen aufgrund widerstrebender Interessen. Darüber hinaus wird die Budgetallokation in einem komplexen, schwer überschaubaren institutionellen Gefüge der Union beschlossen und unterliegt vielen Einflussfaktoren. Gemäß der Sichtweise der Neuen Politischen Ökonomie wird unterstellt, dass die einzelnen Mitgliedsstaaten bei der Festlegung des Budgets eigeninteressiert agieren und soviel Geld wie möglich in ihr eigenes Land lenken möchten. Um die Allokation des EU-Haushaltes beeinflussen zu können, müssen die Staaten über Macht und Einfluss verfügen, da sie die Entscheidungen bezüglich des Haushaltes nur dann in die von ihnen gewünschte Richtung lenken können. Für diese Arbeit ergibt sich erstens die Teilfrage, ob die Budgetanteile der einzelnen Länder tatsächlich von der Verteilung der Macht unter den Staaten abhängen. Ist dies der Fall werden die Staaten mit mehr Macht über einen größeren Anteil am Haushalt verfügen und umgekehrt. Jedoch ist dies nicht leicht überprüfbar, da die Macht der Staaten nicht direkt beobachtbar und quantizierbar ist. Mit Hilfe von so genannten Machtindizes kann die Machtverteilung innerhalb der Mitgliedsstaaten gemessen werden. Machtindizes berechnen die a priori Machtverteilung in Abstimmungsgremien. Darüber hinaus berücksichtigen sie keinerlei Informationen wie zum Beispiel die Präferenzen der Länder, die Häufigkeit mit der die Länder bestimmte Koalitionen bilden oder die Intensität mit der die Staaten eine Abstimmungsvorlage befürworten oder ablehnen. Die von den Indizes errechnete Abstimmungsstärke der Länder hängt allein von der Stimmenverteilung und der Mehrheitsschwelle innerhalb des Abstimmungsgremiums ab. Daraus ergibt sich zweitens die Teilfrage, ob die Machtindizes die Abstimmungsmacht der Staaten tatsächlich messen können. Auf den ersten Blick ist es schwer vorstellbar, dass ein Maß, das allein die beiden quantitativen Größen Stimmgewicht und Mehrheitsschwelle berücksichtigt und aus abstrakten spieltheoretischen Überlegungen herrührt, ein derart komplexes Gefüge von institutionellen Regelungen und widerstrebenden Interessen erfassen kann, wie es im Zusammenhang mit dem Beschluss des Haushaltes der EU zu erwarten ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Vorgehensweise
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehensweise der Arbeit
2 Institutionen und Haushalt der Europäischen Union
2.1 Institutioneller Aufbau der EU
2.2 Beschlussfassungsregeln des Ministerrates
2.3 Haushalt der EU
2.4 Haushaltsverfahren der EU
3 Pork-Barrel-Politik in der Europäischen Union
4 Machtindizes zur Messung der Abstimmungsstärke
4.1 Messbarkeit politischer Macht
4.2 Beitrag der kooperativen Spieltheorie
4.3 Shapley-Shubik-Index
4.4 Banzhaf-Index
5 Anwendung der Machtindizes auf die Budgetallokation der EU
5.1 Berechnung der Machtindizes
5.2 Diskussion des empirischen Zusammenhanges
6 Kritik an der Erklärung der Budgetallokation durch Machtindizes
7 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Allokation des EU-Haushalts durch die mittels Machtindizes messbare Abstimmungsstärke der Mitgliedstaaten erklärt werden kann. Dabei wird analysiert, ob Länder, die über mehr formale Macht im Abstimmungsprozess verfügen, tatsächlich einen größeren Anteil am EU-Budget erhalten.
- Analyse des institutionellen Aufbaus und der Haushaltsverfahren der Europäischen Union
- Anwendung der kooperativen Spieltheorie zur Quantifizierung politischer Macht
- Vergleich der Machtverteilung nach den Abstimmungsregeln von Nizza und Lissabon
- Empirische Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Abstimmungsstärke (Shapley-Shubik-Index, Banzhaf-Index) und Budgetallokation
- Kritische Reflexion der theoretischen Annahmen der Neuen Politischen Ökonomie im Kontext der EU-Haushaltspolitik
Auszug aus dem Buch
4.2 Beitrag der kooperativen Spieltheorie
Die kooperative Spieltheorie hat eine Reihe solcher Maße entwickelt. Unter Spieltheorie ist die formale Analyse strategischer Entscheidungssituationen zu verstehen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Situationen untersuchen, in denen Akteure (=Spieler) nach bestimmten Regeln Entscheidungen treffen, welche häufig durch Interessenkonflikte oder/und Koordinierungsprobleme charakterisiert sind. Die Spieltheorie kann in die nicht-kooperative und die kooperative Spieltheorie unterteilt werden. Die nicht-kooperative Spieltheorie stellt die Untersuchung der Akteure und ihrer Strategien in den Vordergrund. Die Spieler verfolgen bestimmte Ziele und führen entsprechende Handlungen unter Einhaltung exogen festgelegter Regeln aus. Sie hat Handlungen und Strategien als zentrale Konzepte. Dagegen werden die Handlungen der Spieler in der kooperativen Spieltheorie nicht direkt modelliert. Kooperativen Spielen sind gemein, dass die Spieler untereinander verbindliche Abmachungen treffen können. Dies setzt voraus, dass Kommunikation zwischen den Spielern möglich ist und Abmachungen (z.B. durch eine dritte Partei) durchgesetzt werden können. Vom konkreten Verlauf der Verhandlungen wird dabei abstrahiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung und Vorgehensweise: Einleitung in die Problematik der EU-Budgetallokation und Darstellung der methodischen Vorgehensweise der Arbeit.
2 Institutionen und Haushalt der Europäischen Union: Beschreibung der EU-Organe, der Abstimmungsregeln im Ministerrat und der Struktur des EU-Haushalts sowie der Haushaltsverfahren.
3 Pork-Barrel-Politik in der Europäischen Union: Analyse des Verhaltens von Politikern unter Annahme der Neuen Politischen Ökonomie, um Anreize für budgetrelevante Entscheidungen zu verstehen.
4 Machtindizes zur Messung der Abstimmungsstärke: Theoretische Einführung in die Machtmessung mittels Spieltheorie, insbesondere des Shapley-Shubik-Index und des Banzhaf-Index.
5 Anwendung der Machtindizes auf die Budgetallokation der EU: Praktische Anwendung der berechneten Machtindizes auf die tatsächliche Budgetverteilung der EU-Mitgliedstaaten.
6 Kritik an der Erklärung der Budgetallokation durch Machtindizes: Kritische Würdigung der Aussagekraft von Machtindizes und Diskussion alternativer Faktoren, die die Allokation beeinflussen könnten.
7 Zusammenfassung und Fazit: Abschließende Synthese der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsfrage zur Erklärbarkeit der EU-Haushaltsallokation durch Machtindizes.
Schlüsselwörter
Europäische Union, EU-Haushalt, Budgetallokation, Machtindizes, Shapley-Shubik-Index, Banzhaf-Index, Kooperative Spieltheorie, Ministerrat, Abstimmungsstärke, Vertrag von Nizza, Vertrag von Lissabon, Neue Politische Ökonomie, Pork-Barrel-Politik, Verhandlungsmacht, Nettopositionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der formalen Abstimmungsstärke der EU-Mitgliedstaaten, gemessen durch mathematische Machtindizes, und ihrem tatsächlichen Anteil am Budget der Europäischen Union.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die institutionellen Rahmenbedingungen der EU, die Theorie der politischen Machtmessung mittels spieltheoretischer Indizes sowie die ökonomische Analyse des EU-Haushaltsverhaltens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob die Allokation der EU-Finanzmittel durch die Abstimmungsmacht der Mitgliedstaaten im Ministerrat erklärt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt Methoden der kooperativen Spieltheorie zur Berechnung von Machtindizes (Shapley-Shubik und Banzhaf) und vergleicht diese mit den tatsächlichen Budgetdaten der EU.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine institutionelle Analyse der EU, eine theoretische Herleitung der Machtindizes und deren Anwendung auf die empirische Budgetverteilung inklusive einer kritischen Reflektion.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie EU-Haushalt, Shapley-Shubik-Index, Machtindizes, Ministerrat, Allokation und Spieltheorie bilden den Kern der wissenschaftlichen Untersuchung.
Wie unterscheidet sich der Shapley-Shubik-Index vom Banzhaf-Index?
Während der Shapley-Shubik-Index alle möglichen sequentiellen Anordnungen der Spieler berücksichtigt, fokussiert der Banzhaf-Index darauf, in wie vielen Koalitionen ein Spieler eine kritische (entscheidungsbringende) Position einnimmt.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen den Verträgen von Nizza und Lissabon eine Rolle?
Die Verträge definieren unterschiedliche Abstimmungsregeln (z.B. doppelte Mehrheit), die die theoretische Machtverteilung innerhalb der EU maßgeblich verändern und somit die Grundlage für die Machtindizes beeinflussen.
- Arbeit zitieren
- Till Wichterey (Autor:in), 2012, Machtindizes und Allokation des EU-Haushaltes, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195326