Das Elsass ist eine Region, an dem die enge Verflechtung der deutschen und französischen Geschichte deutlich wird. Diese hat im Elsass, welches die Funktion einer Art Schutzgürtel zwischen diesen beiden mächtigen Nationen inne hatte, sichtbare Spuren und offene Wunden über Generationen hinweg hinterlassen. Zwischen 1870 bis 1945 war das Elsass Schauplatz dreier Kriege zwischen Deutschland und Frankreich und wechselte während dieser Zeit vier Mal seine staatliche Zuordnung. So scheint es keineswegs verwunderlich zu sein, dass die Menschen dieser Region immer wieder Erschütterungen ihrer Loyalität und Identität durch die vielen einschneidenden Veränderungen und politischen Wechsel ausgesetzt waren. Hinsichtlich dieses Ringens um das in Folge des deutsch-französischen Krieges 1871 annektierte Elsass-Lothringen, besteht Klärungsbedarf, wie diese neu geschaffene Region damals wahrgenommen worden ist. Obgleich die staatliche Zugehörigkeit Elsass-Lothringens völkerrechtlich festgelegt war, wird in der Forschung von einem „umstrittenen Territorium“ gesprochen, da Frankreich auf diese Region Anspruch erhebt und dieser einen beachtenswerten Rückhalt bei der elsässisch-lothringischen Bevölkerung findet. Aus französischer Sicht waren diese Gebiete vor dem deutsch-französischen Krieg kulturell, wirtschaftlich und politisch sowie sprachlich voneinander unabhängig. Aufgrund der Annexion und dem Zusammenschluss von Elsass und Lothringen entstand eine völlig neue Situation, welche die Bewohner kulturell sowohl zusammenführte als auch voneinander abgrenzte. Die willkürliche Grenzziehung, welche Sprachgebiete und historische Regionen voneinander trennte, hatte für Elsass-Lothringen und Frankreich weitreichende Folgen und führten zu einem „spezifisch elsässischen Identitätsbewusstsein“. Die verlorenen Provinzen symbolisierten das durch die Niederlage von 1870/71 verletze französische Nationalbewusstsein und schürten den Revanchegedanke und die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Zwiespältigkeit des Elsass vor der Annexion – Zwischen französischer État-nation und deutscher Kulturnation
2. Die Annexion Elsass-Lothringens 1871 als Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/71 – Motive, Verlauf, Auswirkungen
3. Die Wahrnehmung der neuen Grenze in der Bevölkerung – Grenzüberschreitungen und das Phänomen des Optionsrechts
4. Suche nach nationaler Zugehörigkeit – Die elsässisch-lothringische Identität
Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wesen der elsässisch-lothringischen Identität sowie die Wahrnehmung der Nationalität innerhalb verschiedener Bevölkerungsschichten während der Zeit des deutschen Kaiserreichs. Dabei wird analysiert, wie politische Wechsel und die Annexion von 1871 den inneren Zwiespalt der Region prägten und zur Entstehung einer spezifischen Doppelkultur führten.
- Identitätsentwicklung im Spannungsfeld zwischen französischer État-nation und deutscher Kulturnation
- Die Auswirkungen der Annexion und der Integrationspolitik Bismarcks auf die Bevölkerung
- Wahrnehmung der Grenzziehung und das Phänomen des Optionsrechts
- Analyse der entstehenden elsässisch-lothringischen Doppelkultur
- Unterschiedliche Reaktionen der Bevölkerungsschichten auf die politische Neuordnung
Auszug aus dem Buch
Die Zwiespältigkeit des Elsass vor der Annexion – Zwischen französischer État-nation und deutscher Kulturnation
Um den Wandel der Gesellschaft und die spezielle Identität von Elsass-Lothringen während der deutschen Kaiserzeit besser verstehen zu können, ist es notwendig, das Elsass vor der Annexion zu untersuchen. Nach der französischen Revolution 1789 und im Zeitalter des Nationalismus, welches „in latenter oder manifester Form […] eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts [ist]“ wie der Soziologe Norbert Elias treffend formuliert hat, richtete sich das aufgeklärte französische Bürgertum nicht nur gegen den Adel, sondern auch gegen deren deutsche Abstammung. Die deutsche Sprache als Ausdruck alles Germanischen, so Michael Essig, und später sogar alle nicht-französischen Sprachen waren Ziele der Bewegung.
Im Zuge der zweiten Phase der französischen Revolution und der „Totalumwälzung“ als Grundlage, bildete sich der Gedanke der État-nation aus, dessen Grundsatz die Verbindung einer gemeinsamen französischen Sprache, einer „langue unique“ und der Nation ist. So versuchte man mit Hilfe einer veränderten Schulpolitik und einer besonderen französischen Sprachpolitik aggressiv die Nationalsprache durchzusetzen und alle anderen Regionalsprachen auszumerzen. Michael Essig ist der Ansicht, dass dieser sprachliche Reinigungsprozess „zu einer französischen Sonderentwicklung der Soziolinguistik führte und [zur Folge hatte], daß eine Untersuchung der lokalen französischen und nicht-französischen Mundarten als nicht wissenschaftswürdig galt.“ Wer voll und ganz zur französischen Nation gehören wollte, musste seit 1794 französisch sprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Zwiespältigkeit des Elsass vor der Annexion – Zwischen französischer État-nation und deutscher Kulturnation: Dieses Kapitel beleuchtet die Identitätskrise und den kulturellen Druck auf das Elsass vor 1871 durch die gegensätzlichen nationalen Konzepte Frankreichs und Deutschlands.
2. Die Annexion Elsass-Lothringens 1871 als Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/71 – Motive, Verlauf, Auswirkungen: Es wird der politische und militärische Prozess der Annexion sowie der Status von Elsass-Lothringen als Reichsland und dessen Verwaltung unter Bismarck analysiert.
3. Die Wahrnehmung der neuen Grenze in der Bevölkerung – Grenzüberschreitungen und das Phänomen des Optionsrechts: Das Kapitel untersucht, wie die Bevölkerung auf die neue Grenze reagierte und welche Rolle das Optionsrecht für die soziale Struktur und die Emigration spielte.
4. Suche nach nationaler Zugehörigkeit – Die elsässisch-lothringische Identität: Hier wird der Prozess der Identitätsbildung unter dem Druck des Misstrauens und der Entstehung einer spezifischen Doppelkultur in der Bevölkerung dargestellt.
Schlüsselwörter
Elsass-Lothringen, Annexion, Identität, Doppelkultur, Reichsland, État-nation, Kulturnation, Bismarck, Optionsrecht, Integration, Grenzregion, deutsch-französische Geschichte, Nationalismus, Bevölkerungsschichten, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die komplexe Identitätsentwicklung der Region Elsass-Lothringen im Kontext des deutschen Kaiserreichs, insbesondere im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen französischer und deutscher Nationalzugehörigkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der kulturellen Identität, den Auswirkungen der Annexion von 1871, der Wahrnehmung der neuen Grenze und dem gesellschaftlichen Wandel der Region.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich trotz oder gerade wegen der nationalen Spannungen eine spezifische elsässisch-lothringische Identität und eine Doppelkultur herausbilden konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer fundierten Literaturanalyse, die soziale, historische und politische Perspektiven integriert sowie ein 3-Phasen-Modell zur Entstehung der Doppelkultur heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Identitätskonflikte vor der Annexion, die politischen Rahmenbedingungen der Annexion, das Phänomen des Optionsrechts sowie die Integration und das Leben unter der deutschen Verwaltung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Elsass-Lothringen, Identität, Annexion, Doppelkultur, Optionsrecht und Integration.
Welche Bedeutung hatte das Optionsrecht für die Bevölkerung?
Das Optionsrecht ermöglichte es einem Teil der Bevölkerung, die französische Staatsangehörigkeit beizubehalten, was jedoch zu einer signifikanten Abwanderung von Eliten und einer dauerhaften Veränderung der Sozialstruktur im Reichsland führte.
Inwiefern beeinflusste die Integrationspolitik Bismarcks das Identitätsgefühl?
Bismarcks Politik zielte auf Stabilität ab, stieß jedoch bei weiten Teilen der Bevölkerung aufgrund des tiefen Misstrauens und der gewaltsamen Grenzziehung auf Ablehnung, was die Herausbildung einer eigenständigen, von beiden Nationen abgrenzbaren Identität begünstigte.
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- Florian Stoll (Author), 2011, Das Zugehörigkeitsgefühl Elsass-Lothringens im deutschen Kaiserreich (1870/71-1918), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194965