In dieser Arbeit wird die "Regional Security Complex Theorie" (RSCT)von Buzan und Wæver auf die Afrikanische Union angewendet. Im Zuge der zunehmenden Globalisierung und vor dem Hintergrund des beendeten Kalten Krieges findet eine zunehmende Regionalisierung statt, durch welche sich unterschiedliche Staaten zu regionalen Gruppierungen zusammenschließen.
Der Argumentation der RSCT folgend, werden dabei auch die Sicherheitspolitiken der einzelnen Statten innerhalb eines solchen regionalen Komplexes zusammengefügt, wobei sich dies nicht nur auf die politisch-militärischen Themen beschränkt, sondern mittels dem Prozess der "Versicherheitlichung" auf all anderen Lebensbereiche auswirkt.
Konkret wird in dieser Arbeit untersucht, ob die Afrikanische Union sich inzwischen durch die Umsetzung ihrer kontinentweiten Afrikanischen Friedens- und Sicherheitsarchitektur (AFSA) zu einem RSC entwickelt hat. Dies wird anhand der Umsetzung und Institutionalisierung der internationalen Norm der Responsibility to Protect (RtP) analysiert. Dabei wird die Theorie ebenso vorgestellt wie die konkrete Zusammensetzung der AFSA auf kontinentaler wie auch auf regionaler Ebene in den unterschiedlichen sub-regionalen Organisationen (ECOWAS, IGAD, SADC, ECCAS).
Dabei kommt heraus, dass sich die Mitgliedsstaaten der Afrikanische Union zwar sicherheitspolitisch zunehmend eng verknüpft haben und auch die Norm der RtP, zumindest in legaler Hinsicht, etabliert ist. Allerdings ist die praktische Umsetzung noch nicht ausgereift genug und die Abhängigkeit von nicht-afrikanischem Kapital sowie die noch immer zahlreichen gewaltsamen Konflikte auf diesem Kontinent bedingen die Schlussfolgerung, dass es sich bei der Afrikanischen Union bisher lediglich um einen institutionalisierten Proto-Complex handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Regional Security Complex Theorie
3. Das Sicherheitsverständnis der Regional Security Complex Theorie und die Responsibility to Protect
4. Die Responsibility to Protect als Regime in einem Regional Security Complex
4.1. Die Afrikanische Union als Regional Security Complex
4.2. Die Sub- Regionalorganisationen der Afrikanischen Union als Sub- Complexe und tragende Säulen der afrikanischen Friedens- und Sicherheitspolitik
5. Einschränkungen der Anwendbarkeit der Theorie
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob sich die Afrikanische Union (AU) durch die Etablierung ihrer Friedens- und Sicherheitsarchitektur (AFSA) zu einem "Regional Security Complex" (RSC) nach der Theorie von Buzan und Wæver entwickelt. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Umsetzung der "Responsibility to Protect" (R2P) als sicherheitspolitisches Regime innerhalb der AU.
- Anwendung der Regional Security Complex Theory (RSCT) auf den afrikanischen Kontext
- Analyse der institutionellen Struktur der Afrikanischen Union im Sicherheitsbereich
- Rolle und Umsetzung der Responsibility to Protect (R2P) in der AU
- Die Bedeutung von Sub-Regionalorganisationen (RECs) als "Sub-Complexe"
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit theoretischer Sicherheitsmodelle auf Afrika
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Afrikanische Union als Regional Security Complex
Zwischen 1956 und 2001 gab es in Afrika 188 Coups, wovon 80 erfolgreich waren. 50 davon fanden in den letzten 10 Jahren vor der Jahrtausendwende statt, was die Unsicherheit auf dem Kontinent zu diesem Zeitpunkt veranschaulicht und die Notwendigkeit der Umsetzung eines Sicherheitsregimes aufzeigt. Schon 1993 einigten sich die Staats- und Regierungschefs im Rahmen der Vorgängerorganisation der AU, der Organisation der Afrikanischen Einheit (Organization of African Unity, OAU), auf eine Deklaration, in der sie Mechanismen zu Konfliktprävention, -management und –schlichtung formulierten. In dieser wurde bereits die Dreiteilung der Sicherheitsaufgaben vorgenommen, die auch die R2P später übernehmen sollte, namentlich Maßnahmen zur Prävention von potenziellen Konflikten, Maßnahmen zur Friedensschaffung im Falle eines ausgebrochenen gewaltsamen Konfliktes und Maßnahmen zur Friedenskonsolidierung in Post-Konflikt Situationen. Die von der OAU entwickelten Sicherheitspräventionsmechanismen erwiesen sich jedoch als ineffektiv, was vor allem an der strikten Umsetzung der beiden Konzepte der Souveränität und des Nichteingreifens lag, wodurch eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates durch Dritte und die Verletzung der nationalen Grenzen nur in seltenen Ausnahmefällen möglich wurde.
Als Reaktion auf die weiterhin ausbrechenden Konflikte und gewaltsamen Machtübergreifungen auf dem gesamten Kontinent entschieden die Staats- und Regierungschef der OAU 2001 im Rahmen der Anpassung der Organisation an die politischen Realitäten durch eine komplette Umstrukturierung und der damit einhergehenden Neugründung einer panafrikanischen suprastaatlichen Organisation nach dem Vorbild der Europäischen Union (EU) in Form der im Jahr 2002 gegründeten AU, ein neues Sicherheitsregime zu etablieren. Hierbei wurden auch die neuen Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Sicherheit und einer Breite von gesamtgesellschaftlichen Prozessen eingebunden und neben den rein militärisch-politischen Mechanismen zur Konfliktvermeidung ein besonderes Augenmerk auf die Prävention gewaltsamer Austragung von Konflikten und die Förderung einer nachhaltig friedlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Entwicklung gelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die globale sicherheitspolitische Lage nach dem Kalten Krieg ein und definiert die Forschungsfrage, ob die AU als ein institutionalisierter Regional Security Complex betrachtet werden kann.
2. Die Regional Security Complex Theorie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen nach Buzan und Wæver, insbesondere die verschiedenen Ebenen des internationalen Systems und die Kriterien einer Region.
3. Das Sicherheitsverständnis der Regional Security Complex Theorie und die Responsibility to Protect: Hier wird der weite Sicherheitsbegriff der RSCT dargelegt und aufgezeigt, wie dieser mit der normativen Ausrichtung der Responsibility to Protect korrespondiert.
4. Die Responsibility to Protect als Regime in einem Regional Security Complex: Dieses Kapitel analysiert das R2P-Regime der AU, ihre institutionellen Organe wie den PSC und die Rolle der regionalen Strukturen.
4.1. Die Afrikanische Union als Regional Security Complex: Dieser Abschnitt beschreibt die institutionelle Entwicklung von der OAU zur AU und deren Qualifizierung als Regional Security Complex.
4.2. Die Sub- Regionalorganisationen der Afrikanischen Union als Sub- Complexe und tragende Säulen der afrikanischen Friedens- und Sicherheitspolitik: Hier wird die Rolle der Regional Economic Communities (RECs) als wesentliche Stützen des afrikanischen Sicherheitsregimes untersucht.
5. Einschränkungen der Anwendbarkeit der Theorie: Dieses Kapitel reflektiert die Grenzen der RSCT bei der Anwendung auf den afrikanischen Kontinent, insbesondere hinsichtlich nicht-staatlicher Akteure und schwacher Staatlichkeit.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und definiert die AU abschließend als "institutionalisierten Proto-Complex" mit hohem Potenzial zur Weiterentwicklung.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Afrikanische Union, AU, Regional Security Complex, RSCT, Responsibility to Protect, R2P, Friedens- und Sicherheitsarchitektur, AFSA, Sicherheitspolitik, Konfliktprävention, Regional Economic Communities, RECs, Frieden, Souveränität, Sicherheitsregime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sicherheitspolitischen Kapazitäten der Afrikanischen Union (AU) und analysiert, inwieweit diese die Merkmale eines "Regional Security Complex" (RSC) im Sinne der Sicherheitstheorie von Buzan und Wæver erfüllt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Anwendung der Regional Security Complex Theorie auf Afrika, die institutionelle Struktur der Afrikanischen Union sowie die praktische Implementierung der Responsibility to Protect (R2P).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob sich die Afrikanische Union mittels der von ihr geschaffenen Friedens- und Sicherheitsarchitektur (AFSA) zu einem institutionalisierten Regional Security Complex entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der theoretischen Analyse der Regional Security Complex Theory (RSCT) und wendet diese deduktiv auf die realen Strukturen und das Handeln der Afrikanischen Union sowie ihrer Sub-Regionen an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Verankerung der Sicherheit, der Etablierung des R2P-Regimes in der AU, der Beschreibung der Organe wie des Peace and Security Council (PSC) sowie der Bedeutung der Sub-Regionalorganisationen (RECs).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Afrikanische Union, Regional Security Complex, Responsibility to Protect, Friedens- und Sicherheitsarchitektur und Konfliktprävention.
Was unterscheidet einen "Proto-Complex" von einem vollwertigen "Regional Security Complex"?
Der Autor definiert die AU als "institutionalisierten Proto-Complex", da die Strukturen zwar vorhanden und institutionalisiert sind, aber aufgrund der erst kurzen Existenz der Organe und bestehender Finanzierungs- sowie Koordinationsfragen noch nicht die maximale Intensität der Zusammenarbeit eines vollwertigen RSC erreicht haben.
Welche Rolle spielen die Regional Economic Communities (RECs) für die Sicherheit in Afrika?
Die RECs fungieren laut der Analyse als "Sub-Complexe" und tragende Säulen, da sie als sub-regionale Organisationen bereits vor der AU eigene Konfliktlösungsmechanismen entwickelt haben und essenzielle operative Bausteine der AFSA darstellen.
- Arbeit zitieren
- Hannes Krüger (Autor:in), 2011, Die Afrikanische Union als Regional Security Complex, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194583