Betrachtet man die in Literatur und Film über die Dekaden beschriebenen Schauergestalten, so lässt sich ironischerweise dem untoten Vampir die längste Lebensdauer zuschreiben. Nicht nur das: er erfreut sich, nicht zuletzt durch den großen Erfolg der mittlerweile auf vier Teile angewachsenen „Bis(s)...“-Romanreihe von Stephenie Meyer derzeit wieder einer außerordentlichen Beliebtheit. Dem enormen Erfolg der Bücher folgte ein nicht minder großer bei den Verfilmungen; der vierte Roman wird in zwei Teilen auf die Leinwand gebannt, wobei der zweite Teil in diesem Herbst in den Kinos starten wird. Fast scheint es sogar so zu sein, als würden die Protagonisten, das menschliche Mädchen Bella Swan und der Vampir Edward Cullen, mit ihrer verbotenen Liebe eine ganze Generation Jugendlicher prägen. Oder ist es gar andersherum und ist es die "heutige Jugend", die durch die Herausstellung eigener Subkulturen dem Vampir des 21. Jahrhunderts ein neues Gesicht verleiht? Die Leserschaft der „Bis(s)...“-Reihe reicht jedoch auch hoch bis ins Erwachsenenalter. Damit hat sich, so scheint es, der Vampir emanzipiert: vom Gegenstand alter Mythen und Legenden aus den entlegendsten Teilen vor allem Osteuropas bis hin zu einer literarischen Figur in phantastischen Romanen (allen voran ist hier natürlich Bram Stokers „Dracula“ zu nennen); über eine beliebte Figur in Horrorfilmen bis hin zu einem festen Teil der heutigen Gesellschaft mit neuen, menschlicheren Rollendefinitionen. Der Vampir in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts haust nicht mehr in verlassenen Burgen im Siebenbürgenland oder in Transsylvanien; er gleicht auch nicht mehr dem nahezu greisen Hausherrn mit Perücke und Umhang, den Schlaf am Tag ausschließlich im Sarg findend. Statt dessen ist er jung, schön und geht aufs College. Oder, auf der anderen Seite: er bestimmt das Nachtleben deutscher Großstädte mit seinen Clubs und seiner extravaganten Dekadenz.
Denn dass sich auch die hiesige Schriftstellerzunft dem neu erstarkten Phänomen annehmen würde, blieb zu erwarten, genau wie mittlerweile unzählige andere Bücher, Filme und Fernsehserien dem Erfolg von Stephenie Meyers "Bis(s)"-Reihe nacheifern. Mit "True Blood" und "Vampire Diaries" führen derzeit zwei sehr erfolgreiche TV-Formate in den Vereinigten Staaten das Erbe der neuen Vampire weiter.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Der Vampir in Literatur und Legende
3. Präsentation der verwendeten Primärliteratur
3.1 Stephenie Meyer: Die "Bis(s)"-Reihe
3.1.1 Informationen zu Werk und Autor
3.1.2 Inhalt der Romanreihe
3.2 Wolfgang Hohlbein: "Wir sind die Nacht"
3.2.1 Informationen zu Werk und Autor
3.2.2 Inhalt des Romans
4. Vergleich der beiden Romane
4.1 Lena und Bella: zwei Außenseiterinnen als Hauptfiguren
4.2 Ausgewählte Genderkonstruktionen bei Meyer und Hohlbein
4.3 Selbstreferenz und Neuordnung der Genrekonventionen
4.4 Religiöse und philosophische Ansätze in beiden Romanen
5. Zur Rezeption der Romane von Meyer und Hohlbein
5.1 Faszination von Jugendlichen durch Vampire
5.2 Mediale Inszenierung als Popularitätsschub
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation der Vampirgestalt in der zeitgenössischen Jugendliteratur anhand von Stephenie Meyers "Bis(s)"-Reihe und Wolfgang Hohlbeins "Wir sind die Nacht", wobei insbesondere der Wandel vom traditionellen "Nachtschwärmer" hin zum "Puritaner" oder "Popstar" analysiert wird.
- Vergleichende Analyse von Außenseiter-Figuren
- Genderkonstruktionen und Machtverhältnisse in Vampirromanen
- Die Rolle von Religion und Philosophie in modernen Vampirgeschichten
- Einfluss der Emo-Kultur auf die Vampir-Rezeption
- Bedeutung medialer Inszenierung und Starkult
Auszug aus dem Buch
4.1 Lena und Bella: zwei Außenseiterinnen als Hauptfiguren
Blickt man in die Historie der Vampirliteratur, so wird auffallen, dass die Vampire immer auch einen gewissen Reiz auf Menschen ausgeübt haben, die am Rande der Gesellschaft stehen; manchmal mehr noch: die in ihrem Leben nichts mehr zu verlieren haben.
Wenn auch in den folgenden Ausführungen herausgearbeitet werden wird, dass sowohl Wolfgang Hohlbein als auch Stephenie Meyer mit vielen Genrekoventionen brechen - in diesem Punkt folgen beide Autoren der Tradition.
Isabella Swan, die Protagonistin aus der "Bis(s)"-Reihe etwa, steht allein von daher als Außenseiterin da, da sie ihr durchaus luxuriöses, wenngleich auch reichlich selbstständiges Leben in Phoenix, Arizona, abbricht, um bei ihrem Vater Charlie in der Kleinstadt Forks zu leben. Isabella, im Roman wie im Folgenden nur noch Bella genannt, verlässt also nicht nur ihre alte Umgebung und ihre geliebte Stadt, sondern begibt sich in eine Stadt, der sie mit großer Abneigung gegenübersteht. Nicht nur das schlechte Wetter dort drückt ihr aufs Gemüt; der kleine Ort Forks ist auch der Schauplatz der Trennung ihrer Eltern, die sie schmerzhaft erinnert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der kulturellen Bedeutung des Vampirs und der Fragestellung zur Umcodierung der Figur in moderne Identitätsentwürfe.
2. Der Vampir in Literatur und Legende: Historische Herleitung des Vampirmythos von volkstümlichen Wiedergängern bis zur literarischen Ausgestaltung durch Autoren wie Bram Stoker.
3. Präsentation der verwendeten Primärliteratur: Vorstellung von Stephenie Meyers "Bis(s)"-Reihe und Wolfgang Hohlbeins "Wir sind die Nacht" inklusive biographischer Informationen zu den Autoren und Inhaltsangaben.
4. Vergleich der beiden Romane: Analyse der Figurenkonstellationen, Genderkonstruktionen, der Selbstreferenzialität des Genres sowie religiöser und philosophischer Aspekte.
5. Zur Rezeption der Romane von Meyer und Hohlbein: Untersuchung der Verbindung von Vampir-Faszination, Emo-Kultur und der Wirkung durch filmische Adaptionen.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der gesellschaftlichen Einbettung und Umwandlung des Vampirs als Metapher der modernen Existenz.
Schlüsselwörter
Vampirroman, Stephenie Meyer, Wolfgang Hohlbein, Gender Studies, Jugendliteratur, Emo-Kultur, Popkultur, Machtverhältnisse, Puritanismus, Untote, Literaturvergleich, Medieninszenierung, Identität, Außenseiter, Moderne Mythen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich das Bild des Vampirs in der modernen Jugendliteratur verändert hat und welche neuen gesellschaftlichen Rollenbilder wie "Puritaner" oder "Popstar" damit verbunden werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit umfasst neben literaturwissenschaftlichen Analysen auch genderkritische Perspektiven, soziologische Aspekte der Jugendkultur sowie eine Betrachtung philosophischer und religiöser Subtexte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern eine Entwicklung und Umcodierung des Vampirs vom klassischen "Nachtschwärmer" zu den modernen Typen des Puritaners und Popstars vollzogen wurde.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der methodisch auf Gender Studies, Ansätzen der Herrschaftsanalyse und kulturwissenschaftlichen Theorien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem detaillierten Vergleich der beiden Werke hinsichtlich ihrer Figurenzeichnungen, Gender-Strukturen, der Selbstreferenz innerhalb des Genres und der religiös-philosophischen Dimensionen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Vampir-Genrekonventionen, Genderkonstruktionen, Intertextualität, soziale Außenseiter, mormonische Einflüsse und die mediale Inszenierung durch den Film.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Vampirs bei Hohlbein von der bei Meyer?
Während Meyer ihre Vampire als moralisch-mormonisch geprägte, fast "vegetarische" Zivilisationswesen zeichnet, stellt Hohlbein sie als emanzipierte, dekadente und teils grotesk mutierende "Raubtiere" dar.
Welche Rolle spielt die Emo-Kultur in diesem Zusammenhang?
Die Arbeit verknüpft die emotionale Inszenierung der Vampire in den untersuchten Werken mit der "Emo-Bewegung", um die Faszination heutiger Jugendlicher für diese düsteren, aber ästhetisierten Figuren zu erklären.
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- Kristof Beuthner (Author), 2011, Blutsauger zwischen Emanzipation und Konservativismus: Umcodierung von Genrekonventionen in den Vampirromanen von Stephenie Meyer und Wolfgang Hohlbein, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194258