I. Einleitung_________________________________________________
Die Predigtlehre ist seit der Spätantike ein Teil der Rhetoriktheorie und spielt spätestens seit dem Mittelalter eine wichtige Rolle. Sie bildet ihren eigenen Zweig und wirft einen neuen Blick auf verschiedene Themen der Antike. So auch auf das Thema der Emotion bzw. Affekterregung.
Ein wichtiger Vertreter der christlichen Beredsamkeit ist Aurelius Augustinus mit seinem Werk „De doctrina Christiana“ – „Die christli-che Bildung“. Er stellt hier die Beredsamkeit (Rhetorik) und den Nutzen für die Christen gegenüber. Seiner Meinung nach ist die Rhetorik nicht Priorität für die Verkündung des Wortes Gottes: „[…] so schätzen wir die Redekunst nicht so hoch ein […].“ Im Bezug auf die Affekte vertritt er die Ansicht, dass die Bibel verschiedene Stilmittel gebraucht, aber einen bestimmten Stil hat, der nur für die Bibel passend ist, „nicht durch rhetorische Aufgeblähtheit, sondern durch die Festigkeit ihrer inhaltlichen Substanz“. Diese kritische Meinung über die Affekte in der Rhetorik wirft die Frage auf, wie Prediger im 21. Jahrhundert damit umgehen.
Ulrich Parzany, geboren 1941 in Essen, ist seit 1993 der Hauptredner und Leiter der evangelistischen Projektarbeit „ProChrist“. In der Bibel im Buch Johannes, im Kapitel 16 Vers 33 sagt Jesus: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Dieser emotionale Bibelvers ist die Grundlage für die Predigt von Ulrich Parzany mit dem Titel: „Kraft und Mut statt Angst und Wut“. Er hielt sie am 22. Oktober 2006 in Berlin im „Gottesdienst als Entdeckungsreise“. Bibeltreu mit Jesu Worten als Mittelpunkt vermittelt er, warum man als Christ seine Angst und Wut loslassen kann und stattdessen Kraft und Mut schöpfen darf. Schon der emotionale Titel wirft die Frage auf, wie Parzany in seiner Predigt Emotionen aus rhetorischer Sicht einsetzt und ob dies angemessen, also dem aptum einer Predigt entsprechend, ist. Anhand der Produktionsstadien der Rede (officia oratoris) und den Redeteilen (partes orationis) wird der Predigttext emotionalrhetorisch Analysiert. Auch wird ein kurzer Blick auf eine moderne Ansicht der Emotionen in der Predigtlehre von Ernst Lerle geworfen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Produktionsstadien der Rede (officia oratoris)
II.1. Die Ordnung des Stoffes (dispositio)
II.2. Der sprachliche Ausdruck (elocutio)
III. Die Redeteile (partes orationis)
III.1. Die Einleitung (exordium)
III.2. Die Erzählung (narratio)
III.3. Die Beweisführung (argumentatio)
III.4. Der Redeschluss (peroratio)
IV. Ernst Lerle: Kontaktstark verkündigen
V. Fazit
VI. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Predigt „Kraft und Mut statt Angst und Wut“ von Ulrich Parzany unter einer emotionalrhetorischen Perspektive. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, wie der Prediger Emotionen rhetorisch einsetzt, um die Zuhörer im Sinne einer bibeltreuen Verkündigung zu überzeugen und ob dieser Einsatz den Anforderungen an eine angemessene Rhetorik (aptum) entspricht.
- Analyse der Produktionsstadien (dispositio und elocutio) in einer zeitgenössischen Predigt.
- Untersuchung der Struktur der Redeteile (partes orationis) hinsichtlich ihres emotionalen Gehalts.
- Vergleich zwischen der emotionalen Rhetorik Parzanys und der Predigttheorie von Ernst Lerle.
- Bewertung der Persuasionskraft von Parzanys Predigtaufbau.
Auszug aus dem Buch
III.1. Die Einleitung (exordium)
Die kurze Einleitung der Rede soll den Zuhörer auf das vorbereiten, was im Folgenden parteilich geschildert und argumentiert wird; es soll „zu der Behandlung einer Sache hinführen“ und „auf den eigenen Standpunkt aufmerksam machen“. Da von Anfang an der Zuhörer auf die Seite der Partei gezogen werden soll, muss im exordium emotional gehandelt werden.
Es gibt zwei Arten des Redeanfangs: „Die einfache, direkte Einleitung (principium)“ und die „indirekte Einleitung (insinuatio)“. Das principium hat als Ziel das attentum parare, das Aufmerksamkeit erregen, und das captatio benevolentiae, das Erlangen des Wohlwollens. In der insinuatio werden stärker affektive Mittel eingesetzt, da die Rede den Zuhörer vermutlich schockieren wird und deshalb durch starke Affekte davon abgelenkt werden soll.
Parzany beginnt seine Predigt mit einem persönlichen Erlebnis. Das exordium ist sehr emotional, ein mitleiderregendes Erlebnis wird veranschaulicht und viele affekterregende Begriffe werden verwendet. Begriffe wie „Paradies“, „Lepra“ und „Tal der Liebe“ (Parzany, S. 1.) erregen die Aufmerksamkeit der Adressaten (attentum parare) und zeigen, dass es sich um ein principium, eine direkte Einleitung, handelt. Nach diesem Bericht fasst Parzany seinen Standpunkt zusammen: „Kraft und Mut statt Angst und Wut!“ (Ebd., S.1.)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel verortet die Predigtlehre in der Rhetoriktradition und führt in die Person Ulrich Parzany sowie den zentralen Bibelvers seiner Predigt ein.
II. Die Produktionsstadien der Rede (officia oratoris): Hier wird untersucht, wie Parzany durch die Ordnung des Stoffes (dispositio) und den sprachlichen Ausdruck (elocutio) seine Aufgaben als Redner erfüllt.
III. Die Redeteile (partes orationis): In diesem Hauptteil erfolgt eine detaillierte Analyse der Einleitung, der Erzählung, der Beweisführung und des Redeschlusses auf ihren emotionalen Einsatz hin.
IV. Ernst Lerle: Kontaktstark verkündigen: Dieses Kapitel kontrastiert Parzanys rhetorischen Ansatz mit der Predigttheorie von Ernst Lerle, insbesondere im Hinblick auf die Rolle von Emotionen.
V. Fazit: Das Fazit bewertet die persuasive Wirkung der Predigt und kommt zu dem Schluss, dass Parzany zwar emotional überzeugt, aber durch ein schwaches Ende Potenzial verschenkt.
VI. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten Sekundär- und Primärquellen.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Predigtlehre, Ulrich Parzany, Emotionen, Affekt, Officia Oratoris, Partes Orationis, Persuasion, Christliche Beredsamkeit, Ernst Lerle, Aptum, Bibel, Rhetorikanalyse, Exordium, Argumentatio
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer emotionalrhetorischen Textanalyse einer spezifischen Predigt von Ulrich Parzany unter Rückgriff auf klassische rhetorische Kategorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Emotionen und Predigt, die klassische Gliederung einer Rede (officia oratoris und partes orationis) sowie deren Anwendung in einem modernen christlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Parzany seine Predigt emotional gestaltet und ob diese Gestaltung angemessen sowie überzeugend (persuasiv) auf das Publikum wirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systematische Analyse der Rhetorik genutzt, wobei primär die Strukturmodelle der antiken Rhetoriktheorie (dispositio, elocutio, partes orationis) auf den Predigttext angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Redeproduktion, eine Untersuchung der einzelnen Redeteile sowie einen Vergleich mit der Predigtlehre von Ernst Lerle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Rhetorik, Emotionen, Predigt, Persuasion und die klassischen Fachbegriffe der antiken Redelehre wie dispositio und elocutio.
Warum ist das "aptum" in dieser Analyse so entscheidend?
Das "aptum" (die Angemessenheit) ist das Maß, an dem gemessen wird, ob der Einsatz von Emotionen für den Gegenstand der Predigt und die Situation angemessen ist.
Wie unterscheidet sich Parzanys Ansatz von der Lehre von Ernst Lerle?
Während Parzany aktiv Emotionen einsetzt, um die Hörer zu erreichen, lehnt Lerle das bewusste Wecken von Gefühlen durch den Prediger ab und bevorzugt eine reine Weitergabe der biblischen Botschaft.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich Parzanys Redeschluss?
Die Autorin kritisiert, dass die Predigt am Ende emotional "ausläuft" und Parzany die letzte Chance zur starken persuasiven Überzeugung durch ein schwaches Ende nicht optimal nutzt.
- Quote paper
- Julia Esau (Author), 2011, Emotionalrhetorische Textanalyse zu: Ulrich Parzany "Kraft und Mut statt Angst und Wut", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194053