I. Einleitung
Bevor der Redner im Mittelalter analysiert wird, muss der Begriff des Mit-telalters geklärt werden: „Als europäisches M. bezeichnet man seit dem Renaissance-Humanismus die mehr als tausend Jahre umfassende Epoche zwischen Antike und Früher Neuzeit.“
Der mittelalterliche Redner tritt vor allem in der Rolle des Predigers auf, deshalb wird er im Folgenden im Zusammenhang der „Kunst des Predigens“ – der ars praedicandi – betrachtet. Mittelalterliche Predigten „repräsentieren, was ihre Bedeutung, Überlieferungsdichte und Qualität angeht, den wichtigsten Redenbreich im Mittelalter“. In der Zeit nach Jesu Christi Wirken auf der Erde bis zum Mittelalter, waren für die Gemeinden und Kirchen viele andere Themen relevant, jedoch nicht die (Predigt-) Rhetorik. James J. Murphy schreibt hierzu: „[…] the Church did indeed debate its most pressing issues, it can only be concluded that preaching theory was not regarded as a key issue.“ Erst im 4. und 5. Jahrhundert wurden, durch das Lehren und Lernen der Heiden („pagan learning”), Kirchenmitglieder („churchmen“) in ernsthafte Erkundigungen über das Predigen involviert und mussten sich mit diesem Thema beschäftigen.
Wie die Rhetorik, so hat auch das Rednerideal, sich von der Antike bis zum Mittelalter weiter entwickelt. So muss bei Aristoteles der perfekte Redner ein „>guter< Techniker“ sein, Cicero verlang ein „unerreichbares Vorbild“, den „orator perfectus“, der „Technikbeherr-schung und Bildungserwerb“ anstrebt und Quintilian „ist wesentlich von Cicero beeinflusst worden“. Es soll im Folgenden herausgearbeitet werden, welche Idealvorstellungen des Redners es in der mittelalterlichen Predigtlehre gab, und ob (und in welchen Punkten) dieses Rednerideal mit dem Ideal übereinstimmt, das der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus an Gemeindeleiter und Diakone stellt.
Ein wichtiger Vertreter der christlichen Beredsamkeit in der christlichen Spätantike ist Aurelius Augustinus (*354, †430) mit seinem Werk >De doctrina Christiana< – >Die christliche Bildung<. Er stellt hier die Bered-samkeit (Rhetorik) und den Nutzen für die Christen gegenüber. Ein Brief, verfasst von Robert von Basevorn (*unbekannt, †14. Jhd.), ist sozusagen das Paradebeispiel für das Rednerideal des Hochmittelalters. Anhand des ersten Briefes an Timotheus von Apostel Paulus kann das Ideal eines Predigers der frühchristlichen Antike, aber auch ein bis jetzt anhaltendes Ideal in vielen Kirchen, herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die ars praedicandi
III. Rednerideal bei Aurelius Augustinus
IV. Rednerideal bei Robert von Basevorn
V. Rednerideal bei Apostel Paulus
VI. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das mittelalterliche Rednerideal, wie es in der Predigtlehre (ars praedicandi) und durch einflussreiche Theologen wie Aurelius Augustinus und Robert von Basevorn geprägt wurde. Dabei wird analysiert, inwieweit diese mittelalterlichen Idealvorstellungen mit den frühchristlichen Anforderungen des Apostels Paulus an Gemeindeleiter übereinstimmen.
- Entwicklung des Rednerideals von der Antike bis zum Mittelalter
- Analyse der ars praedicandi als rhetorisches Handbuch für Prediger
- Vergleich des Rednerideals bei Aurelius Augustinus und Robert von Basevorn
- Gegenüberstellung mit dem biblischen Idealbild des Apostels Paulus
- Diskussion über die Bedeutung von Lebensführung versus rhetorischer Ausbildung
Auszug aus dem Buch
IV. Rednerideal bei Robert von Basevorn
James J. Murphy schreibt über Robert von Basevorn: „Robert of Basevorn is a fourteenth-century writer about whom very little is known.“ (Murphy, “Three Medieval Rhetorical Arts”, S. 111) Es ist weder sein Geburtsdatum bekannt, noch weitere Einzelheiten seines Lebens. Sogar sein Name erschließt sich nur aus seinem einzigen vorhandenen Werk, der >Forma praedicandi<, geschrieben 1322 (Basevorn, S. 117). Wenn man die Anfangsbuchstaben der fünfzig Kapitel zusammenstellt, ergibt sich der lateinische Satz „Domino Willelmo abbati de Basingweek Robertus de Basevorn“, den Murphy mit „To Lord William, Aboot of Basingwerk, (from) Robert of Basevorn“ übersetzt (Murphy, “Three Medieval Rhetorical Arts”, S. 111).
„The Forma praedicandi (1322) of Robert of Basevorn is a typical manual which almost perfectly embodies the entire movement“ (Murphy, S. 276), also ein sehr geeignetes Beispiel der Themapredigt. „Als zwischen 1200 und 1322 ROBERT VON BASEVORN seine
Dieses Werk bzw. dieser Brief umfasst 50 Kapitel, die direkte Anweisungen für die Inventio (Auffinden der Argumente) und Dispositio (Gliederung der Rede) der Predigt enthalten, sowie praktische Hinweise über das Predigtthema und die sprachliche Form der Predigt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, definiert den Begriff des Mittelalters und verortet das Rednerideal im Kontext der Kunst des Predigens.
II. Die ars praedicandi: Hier wird die Rolle der Predigtlehre im Mittelalter beleuchtet, einschließlich ihrer Entwicklung aus antiken Vorbildern und der Entstehung systematischer Handbücher.
III. Rednerideal bei Aurelius Augustinus: Das Kapitel analysiert Augustinus' Forderung, Rhetorik und christlichen Lebenswandel zu vereinen, wobei die Demut und die Verkündigung des Wortes Gottes im Vordergrund stehen.
IV. Rednerideal bei Robert von Basevorn: Hier werden die zentralen Anforderungen an Prediger im 14. Jahrhundert dargestellt, insbesondere Reinheit des Lebens, Wissen und kirchliche Autorität.
V. Rednerideal bei Apostel Paulus: Dieses Kapitel vergleicht die biblischen Anforderungen an ein Bischofsamt mit den mittelalterlichen Redneridealen und zeigt Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in der Gewichtung auf.
VI. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Rednerideal, ars praedicandi, Predigtlehre, Aurelius Augustinus, Robert von Basevorn, Apostel Paulus, Rhetorik, Prediger, Biblisches Ideal, Homilie, Themapredigt, Kirchengeschichte, Beredsamkeit, Verkündigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung und dem Vergleich des mittelalterlichen Rednerideals in der Predigtlehre und dessen Abgleich mit biblischen Anforderungen an Gemeindeleiter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der ars praedicandi, den Schriften von Augustinus und Robert von Basevorn sowie der paulinischen Theologie im ersten Timotheusbrief.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, welche Idealvorstellungen in der mittelalterlichen Predigtlehre existierten und inwieweit diese mit den paulinischen Anforderungen an Gemeindeleiter übereinstimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der historische rhetorische Quellen mit biblischen Texten in Bezug auf ihre Anforderungen an das ideale Rednerprofil gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert das Predigerbild bei Augustinus und Basevorn und stellt dieses den Kriterien gegenüber, die der Apostel Paulus an ein Bischofsamt stellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Rednerideal, Mittelalter, ars praedicandi, Rhetorik und die christliche Predigtpraxis.
Warum ist das Werk von Robert von Basevorn für diese Arbeit so wichtig?
Basevorns Werk gilt als Paradebeispiel für die ars praedicandi des Hochmittelalters und bietet eine detaillierte Systematik, die als Grundlage für die Untersuchung der damaligen Anforderungen an Prediger dient.
Welche Rolle spielt die Reinheit des Lebens bei den untersuchten Redneridealen?
Sowohl für Augustinus als auch für Basevorn ist die persönliche Integrität und die Abkehr vom sündigen Lebenswandel eine zwingende Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit und damit die Eignung eines Predigers.
- Arbeit zitieren
- Julia Esau (Autor:in), 2012, Der mittelalterliche Redner, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194047