Wie kommt es, dass beim alltäglichen Sprechen über private emotionale Erlebnisse mit einer gewissen Grundsicherheit angenommen werden kann, dass man sich einander versteht, obwohl Philosophen und Naturwissenschaftler zugleich größte Schwierigkeiten haben, Emotionen zu definieren und zu verstehen, inwieweit intrapersonale Empfindungen mit den sich auf diese beziehenden interpersonal wahrnehmbaren Wortäußerungen verbunden sind? Diese Sicherheit ist umso erstaunlicher, als dass sie sich mit einem relativ begrenzten Vokabular begnügt. Die mögliche Asynchronität, zwischen dem subjektiv reichhaltig empfundenen emotionalen Erleben und den im Vergleich dazu dürftigen Möglichkeiten einer begrifflichen Darstellung dieses Erlebens, umreißt das Grundproblem, welches innerhalb dieser Arbeit kritisch beleuchtet wird.
Im Folgenden wird die These vertreten werden, dass es erst durch das Einbeziehen der handlungssteuernden Motive eines Menschen und deren intersubjektiv-kulturellen Formung möglich wird, zu plausibilisieren, warum innere Vorgänge äußerer Kriterien bedürfen, wie es beispielsweise Ludwig Wittgenstein ausdrückte (vgl. Wittgenstein (2006a), § 580). Diese inneren Vorgänge als das emotionale Erleben des Subjekts, werden im Laufe der Arbeit als durch eine bereits auf einer vorsprachlichen Ebene der Ontogenese ansetzende, zwischenmenschliche Interaktion grundlegend strukturiert herausgearbeitet. Die dem subjektiven Erleben somit prinzipiell inhärente Intersubjektivität ist, so die These der vorliegenden Arbeit, die Bedingung des Verständnisses anderer und der damit einhergehenden Möglichkeit des allgemeinverständlichen Sprechens über Emotionen.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I Zur Skizzierung des Grundproblems
II Eine kleine Theoriegeschichte
III Der Lösungsansatz
IV Die Vorgehensweise
TEIL I: TERMINOLOGISCHE PRÄZISIERUNGEN
1 Sprache
2 Bewusstsein und Denken
3 Handlungsmotive
4 Emotionen und Gefühle
TEIL II: IRRWEGE DES VERSTEHENS
5 Tomasellos “Error“ - Die Annahme einer angeborenen Wir-Intentionalität
5.1 Die Entwicklung von Wittgensteins Bedeutungstheorie
5.2 Zur Möglichkeit vorreflexiv-nonverbaler Erfahrungen
5.3 Die Notwendigkeit eines zweidimensionalen Verständnisses von Bewusstsein
6 Damasios “Error“ - Spiegelneurone als biologischer Ursprung innerer Repräsentationen
6.1 Der spiegelnde Mensch
6.2 Zwischenkonklusion
TEIL III: WEGE DES VERSTEHENS
7 Vygotskijs kompetente Säuglinge
7.1 Pionierarbeit in der Säuglingsforschung
7.2 Vygotskijs Beitrag für die Moderne
7.3 Über Vygotskij hinaus
8 Holodynskis Modell der Sprachentwicklung - Die Entwicklung von Ausdruckszeichen und ihre Bedeutung für das Verständnis anderer
8.1 Holodynskis Internalisierungsmodell
8.1.1 Der Ausgangszustand des subjektiven emotionalen Erlebens
8.1.2 Der entwickelte Zustand des subjektiven emotionalen Erlebens
8.2 Der Stoff, aus dem die Emotionen sind
8.3 Zur Möglichkeit eines vorreflexive Verständnisses anderer durch nonverbale Interaktion
8.3.1 Semiotische Ausdrucksreaktionen
8.3.2 Die vorreflexive Interaktion vermittels Ausdruckszeichen in der kindlichen Ontogenese
8.4 Der Einfluss des vorreflexiven Verständnisses anderer auf die reflexive Bewusstseinsebene
8.4.1 Gefühle als reflektierte Emotionen
8.4.2 Zur Möglichkeit, Gefühle zu umgehen
8.5 Der Einfluss der Kultur auf das Gefühl
8.5.1Vorschlag für eine erweiterte Gefühlsdefinition
8.5.1.1 Nähere Bestimmung der Gefühle als reflektierte Emotionen
8.5.2 Die kulturelle Formung der Gefühle als Grundlage ihrer Versprachlichung
8.6 Die Verbalisierung der Gefühle auf Basis ihrer kulturellen Formung
8.6.1 Der Berührungspunkt des sprechenden Gefühls und des stummen Verständnisses
8.7 Über Holodynski hinaus
9 Die Beziehung des Gedankens zum Wort
9.1 Handlungswissen als Bedingung des vorreflexiven Verständnisses anderer
9.2 Die Bedeutung der gemeinsamen Aufmerksamkeit für das Handlungswissen
9.3 Die Bedeutung der gemeinsamen Hintergründen für die gemeinsame Aufmerksamkeit
10 Menschen lesen Körper - nicht Gedanken
11 Das Hirn als Antizipationsorgan
11.1 Die neuronale Bühne des vorreflexiven Verständnisses
11.2 Spiegelneurone als die Bretter dieser Bühne
ABSCHLUSSBETRACHTUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das grundlegende Problem, wie die sprachliche Verständigung über private, subjektive emotionale Erlebnisse trotz der Schwierigkeiten, Emotionen objektiv zu definieren, möglich ist. Sie vertritt die These, dass ein vorreflexives, auf nonverbaler Interaktion basierendes Verständnis anderer die notwendige Bedingung für die spätere sprachliche Artikulation von Emotionen darstellt.
- Die Differenzierung zwischen vorreflexiv-emotionalen und reflexiv-sprachlichen Bewusstseinsebenen.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Annahme einer angeborenen „Theory of Mind“.
- Die Bedeutung der nonverbalen Interaktion in der frühkindlichen Ontogenese für die Emotionsregulation.
- Die Rolle des körperlichen Handlungswissens als Basis für das Verständnis anderer.
- Der Einfluss kultureller Formung auf die Versprachlichung individueller Gefühle.
Auszug aus dem Buch
I Zur Skizzierung des Grundproblems
Wie kommt es, dass beim alltäglichen Sprechen über private emotionale Erlebnisse mit einer gewissen Grundsicherheit angenommen werden kann, dass man sich einander versteht, obwohl Philosophen und Naturwissenschaftler zugleich größte Schwierigkeiten haben, Emotionen zu definieren und zu verstehen, inwieweit intrapersonale Empfindungen mit den sich auf diese beziehenden interpersonal wahrnehmbaren Wortäußerungen verbunden sind? Diese Sicherheit ist umso erstaunlicher, als dass sie sich mit einem relativ begrenzten Vokabular begnügt. Die mögliche Asynchronität, zwischen dem subjektiv reichhaltig empfundenen emotionalen Erleben und den im Vergleich dazu dürftigen Möglichkeiten einer begrifflichen Darstellung dieses Erlebens, umreißt das Grundproblem, welches innerhalb dieser Arbeit kritisch beleuchtet wird.
Ein solcher Unmut über die “Unfähigkeit der Sprache zur korrekten Abbildung der inneren Gefühlswelt“ ist ein seit dem Aufkommen der Schriftlichkeit in Dichtung und Philosophie gleichermaßen verhandeltes Phänomen. Genauso wie Platon das Unterfangen der schreibenden Dichter gegenüber den Sängern missbilligt „etwas außerhalb des Geistes zu stellen, was in Wirklichkeit innerhalb des Geistes liegt“ (Schrott (2011), 386), moniert auch der junge Werther Goethes.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt das Grundproblem der Asynchronität zwischen subjektivem emotionalen Erleben und dessen sprachlicher Darstellung als zentrales Thema der Arbeit.
Teil I: Terminologische Präzisierungen: Definiert die zentralen Begriffe Sprache, Bewusstsein, Denken, Handlungsmotive sowie Emotionen und Gefühle als Basis für die weitere Argumentation.
Teil II: Irrwege des Verstehens: Kritisiert bestehende Ansätze, die das Verständnis anderer rein reflexiv durch Analogiebildung erklären, und betont die Vernachlässigung des vorreflexiven Verständnisses.
Teil III: Wege des Verstehens: Arbeitet auf Basis von Vygotskijs und Holodynskis Modellen heraus, wie nonverbale Interaktion und Handlungswissen ein vorreflexives Verständnis konstituieren, das die Voraussetzung für spätere sprachliche Kommunikation bildet.
Schlüsselwörter
Emotionen, Gefühle, vorreflexives Bewusstsein, Handlungswissen, Intersubjektivität, Sprachentwicklung, Holodynski, Vygotskij, Wittgenstein, nonverbale Interaktion, Ausdruckszeichen, ontogenetische Entwicklung, mentale Repräsentation, körperliche Empfindungen, soziale Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das philosophische und psychologische Problem, wie Menschen sich über private emotionale Erlebnisse verständigen können, obwohl diese Erlebnisse subjektiv sind und die Sprache oft unzureichend erscheint.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Emotionsregulation, die Differenzierung zwischen vorreflexiven Emotionen und reflexiven Gefühlen sowie die Bedeutung der nonverbalen Interaktion für den Spracherwerb.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass ein vorreflexives Verständnis anderer durch nonverbale Interaktion die notwendige Bedingung für die Fähigkeit ist, über Emotionen sprachlich verständlich zu kommunizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Theorien, insbesondere die von Holodynski, kritisch integriert und theoretisch weiterentwickelt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Bedeutung in der frühkindlichen Entwicklung, die Rolle des Körpers als Referenzsystem und die Funktion von Spiegelneuronen unter einer neuen, nicht-repräsentationalen Lesart.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie "vorreflexives Bewusstsein", "Intersubjektivität", "Handlungswissen" und die Unterscheidung zwischen B1- (vorsprachlich) und B2-Ebene (sprachlich) sind zentral für die Argumentation.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Emotionen und Gefühlen?
Emotionen werden als vorrationale Körperreaktionen auf Umweltreize (B1-Ebene) definiert, während Gefühle das reflexive, bewertende Wissen um diese Empfindungen (B2-Ebene) darstellen.
Warum ist das Spiegelneuronensystem für die Arbeit relevant?
Das Spiegelneuronensystem wird nicht als Mechanismus zur mentalen Simulation oder Repräsentation gesehen, sondern als biologische Basis für ein unmittelbares, vorreflexives Verständnis fremder Handlungen.
- Arbeit zitieren
- Marcel Nakoinz (Autor:in), 2012, Keine Vernunft ohne Emotionen: Die emotionelle Basis der menschlichen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/192572