Information ist die Grundlage einer partizipatorischen Gesellschaftsform. Bereits die
großen Gesellschaften nationaler Staaten haben das Lokale in zahlreichen
Lebensfragen transzendiert. Die Verteilung von Ressourcen, die Gesetzgebung,
sowie generelle Leitlinien von Politik werden räumlich, wie inhaltlich „weit weg“
von der Lebensrealität der Bürger beschlossen. Die Abstraktheit vieler
Entscheidungen in Relation zur alltäglichen Lebenswelt erfordert externe
Information. Der über die Verwendung staatlicher Mittel für Agrarsubventionen oder
die Neustrukturierung von Bildungseinrichtungen mitbestimmende Wähler kann nur
dann eine reflektierte Entscheidung treffen, wenn er die Fragestellung versteht und
verschiedene Handlungsoptionen einzuordnen weiß. In einer räumlich, wie
wirtschaftlich und kulturell über Landesgrenzen hinweg zusammenrückenden Welt
nimmt die Komplexität der Handlungsoptionen nur weiter zu.
Als Mittel der Informationsverbreitung dienen Kommunikationsmedien. Diese
stellen keine neutralen Mittler dar. Vielmehr sind ihnen Eigenschaften inhärent,
welche unabhängig vom Inhalt der Nachricht und der Intention des Vermittelnden
sich in die Botschaft „einbrennen“ und weit über den Moment der eigentlichen
Kommunikation hinaus prägende Wirkung entfalten. Diese Prägungen beeinflussen
sowohl die Informationsvermittlung, wie –aufnahme und –rezeption, als auch den
zukünftigen Erwartungshorizont an die Form medialer Inhalte.
Die Notwendigkeit gesellschaftliche, fachübergreifende und letztlich supranationale
Zusammenhänge zu verstehen entstand überhaupt erst durch Veränderungen an
denen Kommunikationsmedien einen großen Anteil hatten. So schuf die
Informationsrevolution des Buchdruckzeitalters die Voraussetzungen mit für
Gesellschaften in denen die mehrheitliche Masse nicht mehr bloßes
Herrschaftssubjekt ist, sondern ihr Mitbestimmung gewährt wird oder sie sogar
letztlich zum Souverän aufsteigt. Eine Identifikation und Einordnung derjenigen
Strukturmerkmale des Buchdrucks, die zu dieser Entwicklung geführt hat, erlaubt es
Rückschlüsse auf die Prägewirkung anderer Kommunikationsmedien zu ziehen. Der
Zusammenhang zwischen vorherrschendem Kommunikationsmedium und der Staatsform beziehungsweise Regierungskultur einer Gesellschaft erstreckt sich
zurück bis zu den Anfängen der Zivilisation innerhalb oraler Stammeskulturen und
führt über Schrift- zu Bild- und Telemedien und reicht bis in die Gegenwart einer
entstehenden digitalen Kultur.[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Dominante Kommunikationsmedien: Strukturmerkmale und Prägewirkungen
1. Stimme
2. Phonetisches Alphabet / (Hand-)Schrift
3. Buchdruck
4. Optische-Elektronische Medien
a. Telegraph
b. Fotografie
c. Fernsehen
III. Internet
1. Medientheoretischer Determinismus
2. Umstände der Kommunikationssituation
a. Kommunikationsbeteiligung
b. Kommunikationsrichtung: Der Rückkanal
c. Zeitliche/Räumliche Eigenschaften
d. Einordnung
aa. Kommunikationsgeschwindigkeit als Partizipationsvoraussetzung
bb. Folgen diskursiver Gleichberechtigung
cc. Anonyme Kommunikation – Fluch oder Segen?
dd. Gefahr und Folgen der Informationsflut
3. Tendenzverstärkung
4. Informationszugang und –verbreitung
5. Modularität
6. Ermöglichung von Gemeinschaften
IV. Utopien / Dystopien
1. E-Demokratie – Internet und direkte Partizipation
2. Datenuniversum – Internet als Informationsgrundlage
3. Widerbelebung von Literalität
4. Globalisierung der Kommunikation – Transnationale Öffentlichkeiten
5. Backlash: Institutionalisierung und Regulierung
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die medientheoretischen Eigenschaften des Internets und deren Auswirkungen auf die politische Kommunikation sowie die Prozesse innerhalb einer partizipatorischen Gesellschaft. Dabei wird analysiert, wie das Internet als Informationsgrundlage und Medium des Diskurses fungiert, wobei ein besonderer Fokus auf dem Vergleich mit vorangegangenen dominanten Kommunikationsmedien und deren Strukturmerkmalen liegt.
- Medientheoretische Analyse von Kommunikationsmedien (Stimme, Schrift, Buchdruck, Internet)
- Strukturelle Auswirkungen des Internets auf die politische Willensbildung und Partizipation
- Diskussion über Utopien und Dystopien im Kontext digitaler Demokratie
- Untersuchung von Machtstrukturen durch Gatekeeper und Filtermechanismen
- Bedeutung der Anonymität und Informationsflut für den gesellschaftlichen Diskurs
Auszug aus dem Buch
1. Stimme
Die Geschichte der (dominanten) Kommunikationsmittel beginnt mit der Stimme. Sie stellt den Ausgangspunkt und Bezugsrahmen für andere Kommunikationsformen und deren Einordnung dar. Die orale Kommunikationssituation ist räumlich wie zeitlich geprägt durch Unmittelbarkeit und somit förderlich für den individuellen Dialog. Auch ist die Stimme neben dem ausgesprochenen Gedanken (z.B. in Form verschiedener Stimmtechniken) selbstpräsent in der kommunizierten Botschaft und bestimmt deren Verständnis mit.
The written word spells out in sequence what is quick and implicit in the spoken word.
Die Verständnisförderung über und die Instrumentalisierung der Wirkung dieses „semantischen Überschusses“ waren Ziele der antiken Rhetorik. Die orale face-to-face Kommunikationssituation wurde im Hinblick auf ihre Schwächen und Stärken, aber auch ihre Instrumentalisierbarkeit hin betrachtet.
Einerseits sollte die Stimme in ihrer Leistungsfähigkeit als Kommunikationsmittel gestärkt werden. So traten die Regeln von Rede und Gegenrede, die disziplinierte Abfolge eines Streitgesprächs der gedanklichen Unstrukturiertheit einer durch akustische Eindrücke geprägten Wahrnehmung entgegen, indem sie eine Ordnung einbrachten. Die Rhetorik bändigte die Stimme zum Zweck einer rationaleren gesellschaftlichen Kommunikation.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz von Medien für eine partizipatorische Gesellschaft ein und skizziert die Forschungsfrage nach den prägenden Eigenschaften des Internets für die politische Kommunikation.
II. Dominante Kommunikationsmedien: Strukturmerkmale und Prägewirkungen: Dieses Kapitel analysiert medienhistorisch die Auswirkungen von Stimme, Schrift, Buchdruck und optisch-elektronischen Medien auf die Kommunikationssituation und politische Ordnung.
III. Internet: Dieser Hauptteil widmet sich den spezifischen Eigenschaften des Internets, wie dem Rückkanal, der Modularität und den Auswirkungen auf Diskurs, Partizipation und politische Machtstrukturen.
IV. Utopien / Dystopien: Hier werden optimistische und pessimistische Visionen der digitalen Demokratie, der Informationsgrundlage und der transnationalen Öffentlichkeit diskutiert.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über das Potenzial des Internets als Werkzeug für eine rationale, partizipatorische Gesellschaft im Vergleich zu früheren Medien.
Schlüsselwörter
Internet, Medientheorie, Politische Kommunikation, Partizipatorische Gesellschaft, Buchdruck, Rückkanal, Digitale Demokratie, Öffentlichkeitsarbeit, Diskurs, Informationsflut, Anonymität, Gatekeeper, Filterblase, E-Demokratie, Vernetzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die medientheoretischen Eigenschaften des Internets und wie diese das politische Kommunikationsverhalten sowie gesellschaftliche Partizipationsprozesse prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Medienhistorie, die Strukturmerkmale des Internets, politische Partizipation, der Einfluss von Intermediären und die globale Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss des Internets auf die Ausgestaltung der Demokratie zu untersuchen und zu klären, inwieweit es als Informationsgrundlage für individuelle Partizipation dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem medientheoretischen Determinismus, der die Wirkungen dominanter Kommunikationsmedien auf die Gesellschaft vergleichend betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den technischen und strukturellen Merkmalen des Internets wie Rückkanal, Modularität, Informationszugang und der Bildung von digitalen Gemeinschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Medientheorie, Politische Kommunikation, Partizipation, Digitale Demokratie, Rückkanal und der Vergleich zwischen alten und neuen Medien.
Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf den Diskurs?
Die Arbeit zeigt, dass soziale Netzwerke durch Algorithmen und Filtermechanismen zur Bildung von "Filterblasen" beitragen können, was den offenen demokratischen Diskurs einschränken kann.
Wie verändert das Internet die Rolle des Bürgers?
Das Internet wandelt den Bürger vom passiven Empfänger zum aktiven Nutzer, der Informationen selektieren, bewerten und selbst zum Sender werden kann.
- Arbeit zitieren
- Peter Grabowitz (Autor:in), 2012, Medientheoretische Eigenschaften des Internets und deren Prägewirkungen für politische Kommunikation und Prozesse innerhalb einer partizipatorischen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/192025