Einleitung:
Goethe bedarf keiner expliziten Vorstellung. Viele seiner literarischen Werke sind allgemein als Weltliteratur anerkannt und nur Wenige haben die Literaturgeschichte derart beeinflusst wie er. Allgemein als Genie anerkannt, verwundert es nicht, dass Goethe bereits in seiner Jugend einer ganzen Generation von Autoren seinen Stempel aufdrückte und die Literaturepoche des Sturm und Drang (SuD) prägte. In der älteren Forschung wird diese Literaturströmung als Gegenbewegung zur Aufklärung dargestellt. Neuere Positionen sehen den SuD eher als eine Art Binnenaufklärung. Die Frage ist also die, in welcher Art und Weise die Beziehung zwischen diesen beiden Größen beschaffen ist. Durch die programmatischen Texte der jeweiligen Autoren, können zahlreiche Interpretationsansätze gefunden werden. Jedoch; es bleiben Interpretationen und diese beinhalten die Gefahr der Irrung. Woher kann man wissen, was die Autoren dachten und welche Ziele sie verfolgten? Die Vorleistungen der Aufklärung für den SuD dürften unbestreitbar sein, schließlich operieren beide Systeme mit den gleichen Inhalten und Begrifflichkeiten, wie Natur, Liebe, Gefühl,Empfindung, Emotion, Individuum usw. Aber ist das literarische Schaffen der SuDAutoren nun anti-aufklärerisch gemeint oder geht ihnen die Aufklärung einfach nicht weit genug? Der wesentliche Punkt scheint vielmehr die Verhandlung der Begrifflichkeiten zu sein. Während die Aufklärung auf Gesellschaftsverträglichkeit setzt, versucht sich der SuD eben gerade davon zu befreien und rückt das Individuum in den Vordergrund. Angesichts dessen ist es fraglich ob der Begriff
Binnenaufklärung wirklich gerechtfertigt ist? Kurzum, man könnte zu den ohnehin schon zur Genüge vorhandenen Interpretationsversuchen noch etliche hinzu verfassen und trotzdem hätte keine den Anspruch darauf der Ultimative zu sein. Deshalb soll diese Hausarbeit auch kein Versuch sein umfassend theoretisch zu klären, wie die Beziehung zwischen SuD und Aufklärung zu sehen ist. Diese Arbeit versucht nur das Naheliegendste, nämlich nach einer Antwort dort zu suchen, wo sie
am wahrscheinlichsten zu finden ist, in den Werken der Stürmer und Dränger selber. Wo, wenn nicht dort sollten die Gedanken und Gefühle der Autoren zu finden sein? Auf Grund der gebotenen Kürze einer Hausarbeit soll der Versuch anhand des
erfolgreichsten Stücks des SuD vorgenommen werden - Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.
Inhaltsverzeichnis
1.) EINLEITUNG
2.) FORSCHUNGSSTAND (AB 1990)
3.) PROGRAMMATIK: REDE ZUM SHAKESPEARES-TAG
4.) WERTHER UMZINGELT VON DER AUFKLÄRUNG
4.1) CHARAKTERISIERUNG WERTHERS ALS SUD-CHARAKTER
4.2) WERTHERS BEZIEHUNG ZU WILHELM
4.3) WERTHERS BEZIEHUNG ZU ALBERT
5.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN/ FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Spannungsfeld zwischen der Literaturepoche des Sturm und Drang (SuD) und der Aufklärung anhand von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werther". Ziel ist es, durch eine Analyse der Protagonisten und ihrer Beziehungen zu ergründen, ob der Sturm und Drang als reine Gegenbewegung zur Aufklärung zu verstehen ist oder ob eine wechselseitige Dynamik besteht, die sich in den Werken der Stürmer und Dränger selbst widerspiegelt.
- Analyse des Forschungsstandes zum Verhältnis von Sturm und Drang und Aufklärung
- Untersuchung programmatischer Texte am Beispiel der "Rede zum Shakespeares-Tag"
- Charakterisierung Werthers als typischer Vertreter des Sturm und Drang
- Gegenüberstellung der Denk- und Gefühlswelten von Werther, Wilhelm und Albert
- Reflektion über die Unvereinbarkeit von Subjektivität und gesellschaftlicher Norm
Auszug aus dem Buch
4.1) Charakterisierung Werthers als SuD-Charakter
Um zu zeigen, dass sich die Beziehung Werthers zu seiner Umwelt auf die Beziehung von Aufklärung und SuD übertragen lässt, muss zunächst ermittelt werden, was genau Werther als SuD-Charakter ausweist. Werthers Gefühlsregungen zeigen sich in den Briefen, die an seinen Freund Wilhelm gerichtet sind. Durch die Briefform ist der Leser in die Rolle des Empfängers gesetzt, er fühlt sich direkt angesprochen und kann Werthers Gefühlsregungen nachvollziehen. Bereits das Vorwort spricht sich für eine emphatische Lesart aus:
„[…] Ihr könnt seinem Geiste und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.“
Im ersten Brief Werthers an Wilhelm vom 04. Mai erhält der Leser bereits einen prägnanten Eindruck von Werthers Persönlichkeit und seiner Beziehung zu Wilhelm.
„Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein!“
Dem Leser wird hier deutlich in welcher Beziehung sich Werther zu Wilhelm befindet. Die enge Freundschaft zu Wilhelm versetzt den Leser der Briefe eine besondere Position, da er davon ausgehen kann, dass Werther seinem besten Freund alle seine Gedanken mitteilen wird.
„Der Garten ist einfach und man fühlt gleich , dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein fühlendes Herz den Plan bezeichnet.“
Es zeigt sich Werthers empfindsames Wesen. Er bevorzugt die freie Natur und ist froh, dass sich das Regulativ der Wissenschaft nicht in den von ihm geliebten Garten eingemischt hat. Im Folgenden wird Werthers enge Naturverbundenheit betont, besonders im Brief vom 10.Mai wird die Übermächtigkeit der Natur deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik des Verhältnisses zwischen Sturm und Drang und Aufklärung ein und begründet die Analyse an Goethes Werther.
2.) FORSCHUNGSSTAND (AB 1990): Dieses Kapitel beleuchtet verschiedene wissenschaftliche Definitionen und Standpunkte, die den Sturm und Drang teils als Gegenbewegung, teils als Teil oder Binnenaufklärung einordnen.
3.) PROGRAMMATIK: REDE ZUM SHAKESPEARES-TAG: Anhand der Rede analysiert der Autor die für den Sturm und Drang typischen Ideale wie Genie, Originalität und die Abkehr von klassischen Regelwerken.
4.) WERTHER UMZINGELT VON DER AUFKLÄRUNG: Dieses Hauptkapitel untersucht Werther als emotionale Figur im Kontrast zu den rational geprägten Charakteren Wilhelm und Albert, um die Unvereinbarkeit beider Systeme aufzuzeigen.
5.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN/ FAZIT: Das Fazit stellt fest, dass eine eindeutige Kategorisierung der beiden Systeme kaum möglich ist, da der Sturm und Drang ein dynamisches System darstellt, das in ständiger Auseinandersetzung mit der Aufklärung steht.
Schlüsselwörter
Sturm und Drang, Aufklärung, Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Genieästhetik, Empfindsamkeit, Individualismus, Literaturgeschichte, Vernunft, Leidenschaft, Gesellschaftskritik, Suizid, Werther, Albert, Wilhelm
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literaturgeschichtliche Verhältnis zwischen der Epoche des Sturm und Drang und der Aufklärung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das Spannungsfeld zwischen Vernunft und Gefühl, der Geniebegriff sowie die Frage nach der gesellschaftlichen Integration des Individuums.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der Romanfiguren in Goethes Werther zu klären, ob der Sturm und Drang als bloße Gegenbewegung zur Aufklärung zu sehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine werkimmanente Interpretation zentraler Passagen aus Goethes Werther sowie die Analyse programmatischer Schriften zur Epochenbestimmung genutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Werther als SuD-Charakter und stellt seine Interaktionen mit den rationalen Figuren Wilhelm und Albert gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sturm und Drang, Aufklärung, Genieästhetik, Individualität, Leidenschaft und Vernunft.
Inwiefern stellt Werther eine tragische Figur dar?
Werther scheitert laut Autor daran, dass sein kompromissloser Individualitätsanspruch und seine übermächtigen Gefühle eine Integration in die normierte Welt der Aufklärung unmöglich machen.
Welche Rolle nimmt Albert als Gegenpart zu Werther ein?
Albert fungiert als Repräsentant des aufgeklärten Bürgertums, der durch seine rationale, regelkonforme und besonnene Art den Antagonismus zu Werthers emotionalem Ausnahmezustand verdeutlicht.
Wird im Fazit eine eindeutige Epochenzuordnung getroffen?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Sturm und Drang ein zu dynamisches System ist, um es einseitig als Gegenbewegung oder als bloßen Teil der Aufklärung zu kategorisieren.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Ruby (Autor:in), 2010, Begegnungen des Sturm und Drang mit der Aufklärung in Goethes Werther, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/191824