Austin und Searles Sprechakttheorie haben die linguistische Pragmatik grundle-gend beeinflusst. Die Deutung von sprachlichen Äußerungen und den in ihn for-mulierten Absichten der Sprecher ist allerdings nicht einfach und somit erweisen sich in den vierziger und fünfziger Jahren auch Austins und Searles durchaus fort-schrittliche Ansätze über das, was wir mit Sprache machen, als lückenhaft und streckenweise sogar fehlerhaft.
In dieser Arbeit möchte ich mich der Sprechakttheorie widmen. Vom Entwurf John L. Austins, über die populärere Weitergestaltung durch John R. Searle bis hin zu ihren Grenzen, der Problematik der indirekten Sprechakte.
Um mich mit der Sprechakttheorie auseinandersetzen zu können gehe ich anfangs auf Austins ursprüngliche Ansätze ein. Sie bilden die Grundlage der Sprechakt-theorie und geben Anlass zur kritischen Hinterfragung derer. Austins Überlegun-gen zu sprachlichen Äußerungen sind zunächst, dass Aussagen nicht nur wahr oder falsch sein können, sondern sie unter bestimmten Voraussetzungen einem Sprecher sogar zum Vollzug von Handlungen dienen können. Seine Theorien bleiben allerdings nicht als solche stehen. Er selbst baut sie weiter aus, stellt fest, dass Äußerungen generell performativ sind und von Sprechern bewusst mit be-stimmten Absichten versehen eingesetzt werden. Zur besseren Analyse von sprachlichen Äußerungen nimmt Austin später die Aufsplittung des Sprechakts in drei Teilakte vor.
Searle wiederum gliedert den Sprechakt in vier Teilakte, setzt die performativen Äußerungen ins Zentrum seiner Überlegungen und beschäftigt sich genauer mit der Klassifikation der Sprechakte, also wodurch sich Bitten von Befehlen, Aussa-gen von Versprechen regelhaft unterscheiden lassen. Aber auch Searle geht in seinen Arbeiten nur am Rande auf die Problematik der indirekten Sprechakte ein.
Ich versuche nachvollziehbar darzustellen wie die Theorie entstand, welche grundsätzlichen Überlegungen sie verfolgt, warum und vor allem welchen Ände-rungen sie unterlag. Geklärt werden soll welche Verbesserungen der Philosoph Searle an der Sprechakttheorie vornimmt, wodurch diese motiviert sind und worin letztendlich ihre Schwächen bestehen.
2 Die Fragestellung der linguistischen Pragmatik
Um sich der Sprechakttheorie und ihrer Notwendigkeit in der modernen Linguis-tik zu nähern, ist es sinnvoll zunächst das Gebiet der Pragmatik, deren Fragestel-lungen und Ziele, zu klären.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Fragestellung der linguistischen Pragmatik
3 Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘
3.1 Austins philosophische Überlegungen zu sprachlichen Äußerungen
3.1.1 ‚Konstative‘ und ‚Performative‘
3.1.2 Gelingensbedingungen‘ performativer Sätze
3.1.3 Austins neue Ansätze zur Theorie „How to do things with words“
3.2 Austins Sprechakttheorie
3.3 Searles Überlegungen zu Austins ‚Sprechakttheorie‘
3.3.1 Die Vierteilung der Teilakte
3.3.2 Searles ‚Sprechaktklassifikation‘
4 Möglichkeiten und Grenzen der ‚Sprechakttheorie‘
4.1 Das Vorkommen und die Charakteristik ‚indirekter Sprechakte‘
4.2 Die Problematik der ‚indirekten Sprechakte‘ für die ‚Sprechakttheorie‘
5 Fazit
6 Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Entstehung und Entwicklung der Sprechakttheorie von John L. Austin bis hin zu John R. Searle. Ziel ist es, die theoretischen Grundlagen, die Modifikationen sowie die spezifischen Grenzen des Modells, insbesondere im Hinblick auf indirekte Sprechakte, kritisch zu untersuchen und nachvollziehbar darzustellen.
- Die theoretische Begründung der linguistischen Pragmatik und der Sprechakttheorie.
- Austins Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen.
- Searles Weiterentwicklung und Klassifikation der Sprechakte.
- Die kritische Auseinandersetzung mit indirekten Sprechakten als Herausforderung für das Theoriegebäude.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 ‚Konstative‘ und ‚Performative‘
Zu Beginn der Überlegung „How to do things with words“ in seinen Vorlesungen erkannte Austin, dass Äußerungen über die Welt, also die Propositionen, nicht nur als wahr oder falsch zu bezeichnen und verstehen sind, sondern potenziell mehr können: Sie können zum Beispiel einem Sprecher zum Vollzug von Handlungen dienen. Austin unterscheidet Sätze nach dieser Erkenntnis zunächst in konstative und performative.
Die konstativen Sätze sind jene, welche eine Aussage über die Welt treffen, die entweder wahr oder falsch sein kann wie „Gestern Abend hat es geregnet“. Nach Austin weisen performative Äußerungen gegenüber den konstativen eine Besonderheit auf, nämlich: „daß mit ihnen nicht einfach nur Dinge gesagt, also Zustände beschrieben [werden], sondern daß sie etwas tun sollen“5. Mit ihnen werden somit Handlungen vollzogen. Außerdem lassen sich den performativen Äußerungen nicht genau die „Prädikate ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ zuweisen“6. Sätze wie ‚Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau‘ oder ‚Ich taufe dich auf den Namen Nina‘ sind stark institutionalisiert und konventionalisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der Sprechakttheorie sowie Erläuterung der Motivation und des Ziels der vorliegenden Untersuchung.
2 Die Fragestellung der linguistischen Pragmatik: Definition des Begriffs Pragmatik und Darstellung des sprachphilosophischen Kontexts, in dem Sprache als Handeln verstanden wird.
3 Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘: Umfassende Analyse der historischen Entwicklung der Theorie von den ersten Ansätzen Austins bis zur Verfeinerung durch Searle.
3.1 Austins philosophische Überlegungen zu sprachlichen Äußerungen: Darstellung der ursprünglichen Unterscheidung von konstativen und performativen Äußerungen sowie deren Bedingungen.
3.1.1 ‚Konstative‘ und ‚Performative‘: Differenzierung zwischen rein beschreibenden Aussagen und solchen, die Handlungen vollziehen.
3.1.2 Gelingensbedingungen‘ performativer Sätze: Untersuchung der Voraussetzungen, unter denen performative Äußerungen erfolgreich sind oder scheitern.
3.1.3 Austins neue Ansätze zur Theorie „How to do things with words“: Diskussion der Weiterentwicklung von Austins Denken hin zur allgemeinen Sprechakttheorie.
3.2 Austins Sprechakttheorie: Beschreibung der von Austin entwickelten Systematik der verschiedenen Teilakte einer Sprechhandlung.
3.3 Searles Überlegungen zu Austins ‚Sprechakttheorie‘: Vorstellung der Modifikationen und Präzisierungen durch John R. Searle.
3.3.1 Die Vierteilung der Teilakte: Erläuterung der von Searle vorgenommenen Neugliederung der Teilakte des Sprechakts.
3.3.2 Searles ‚Sprechaktklassifikation‘: Systematisierung der Illokutionen in fünf Grundklassen.
4 Möglichkeiten und Grenzen der ‚Sprechakttheorie‘: Kritische Reflexion über die Anwendbarkeit der Theorie auf komplexe sprachliche Phänomene.
4.1 Das Vorkommen und die Charakteristik ‚indirekter Sprechakte‘: Analyse der Struktur und Funktion von Sprechakten, deren Form nicht direkt ihrer illokutionären Bedeutung entspricht.
4.2 Die Problematik der ‚indirekten Sprechakte‘ für die ‚Sprechakttheorie‘: Untersuchung der Schwierigkeiten, die indirekte Sprechakte für die ursprünglichen Modelle von Austin und Searle darstellen.
5 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung der Sprechakttheorie für die moderne Linguistik und Ausblick auf künftige Interpretationsansätze.
6 Literaturangaben: Auflistung der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Sprechakttheorie, linguistische Pragmatik, John L. Austin, John R. Searle, performative Äußerungen, Illokution, Lokution, Perlokution, Sprechaktklassifikation, indirekte Sprechakte, Gelingensbedingungen, Sprachhandeln, Kommunikation, Proposition, Kontextualisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und den theoretischen Grundlagen der Sprechakttheorie, beginnend bei den Ansätzen von John L. Austin bis hin zu den Erweiterungen durch John R. Searle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der performativen Äußerungen, die systematische Einteilung von Sprechakten in verschiedene Teilakte sowie die Herausforderungen durch indirekte Sprechakte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die nachvollziehbare Darstellung der Theorieentwicklung und eine kritische Auseinandersetzung mit deren Grenzen, insbesondere im Hinblick auf die Deutung von indirekten Sprechakten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse und Aufarbeitung sprachphilosophischer Literatur unter Einbeziehung eigener Beispiele zur Veranschaulichung der theoretischen Kernaussagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen (Austin), die Ausarbeitung der Klassifikationssysteme (Searle) und die Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der Theorie bei der Behandlung indirekter Sprechakte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über die Begriffe Sprechakttheorie, Pragmatik, Illokution und indirekte Sprechakte definieren.
Wie unterscheidet Austin zwischen konstativen und performativen Äußerungen?
Während konstative Sätze Aussagen über die Welt treffen, die wahr oder falsch sein können, vollziehen performative Sätze durch ihre Äußerung eine Handlung, die eher an Bedingungen des Gelingens als an Wahrheitswerte gebunden ist.
Warum stellen indirekte Sprechakte ein Problem für die klassische Sprechakttheorie dar?
Indirekte Sprechakte widersprechen oft der direkten Kopplung von sprachlicher Struktur und kommunikativer Funktion, was Austin und Searle dazu verleitete, diese Phänomene zunächst als "Missbräuche" oder Ausnahmefälle einzuordnen, anstatt sie als Standardbestandteil der Kommunikation zu begreifen.
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- Julia Neubert (Author), 2009, Pragmatik – Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘ durch John L. Austin und John R. Searle, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190776