Platons Philosophie, die sich in seinen Dialogen als bunte Szenerie zeigt, steht immer in einer festen Zuordnung der besonderen Absichten des Dialogs. Die Mannigfaltigkeit der platonischen Absichten bleibt nicht auf Sachlich-Philosophisches beschränkt. Bestimmte Probleme, wie die Lust und die Erkenntnis sind immer erst relativ und in prinzipieller Vorläufigkeit zu verstehen. Das richtige
Verstehen dieser Relativität legt die Objektivität einer Interpretation des über die Gedankenwelt des Dialogs hinausreichenden Gehalts frei, indem das Begreifen bestimmter Aspekte das Begreifen der impliziten Sachverhalte und damit die
Sache selbst erst erkennen lässt. Die Lehre Platons vom Wissen, vom Guten und von der Lust lässt sich so als Weltanschauung gewinnen.
Die vorliegende Arbeit: ‘Lust und Erkenntnis. Platons Lustkalkül in Beziehung auf die Erkenntnis im Protagoras und Gorgias´ versucht unter Einbeziehung der Pluralität der Deutungsmöglichkeiten Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten, wie sie in beiden Dialogen mit Schwerpunkt auf die Lust und ihrer Beziehung zur Erkenntnis vorliegen. Dabei folgt die vorliegende Arbeit
der These, dass beide Dialoge, obwohl sie von zu differenzierenden Begriffen, Perspektiven und Aspekten, die beleuchtet und interpretiert werden, ausgehen,doch wieder im sokratischen telos zusammenfallen. Mehr noch, das Lustkalkül impliziert ein Mehr über die Argumentationsstrategie hinaus. Auf der Suche nach dem Glück gibt uns Sokrates zwei Prinzipien an die Hand, begründet die
Ethik als Disziplin des Guten und Bösen in einem strukturellen und methodischen Modell. Aus einer Motivationstheorie folgt eine Handlungstheorie; Erkenntnis und Lustkalkül werden für den Menschen als rationales Sinnenwesen zur begründeten Erfahrung mit einem über den empirischen Bereich hinausgehenden telos.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Lust und die Erkenntnis im Protagoras
2.1 Der Reiz der Lust: Die These der Identität und der Herrschaft des Wissens
2.2 Der Einwand gegen die Lust: Der Hedonismus der Menge
2.3 Der Wert der Lust: Das Kriterium des Quantitativen und die relative Lustmesskunst
2.4 Das sokratische telos
3 Die Lust und die Erkenntnis im Gorgias
3.1 Der Reiz der Lust: Die These der Identität und die Kontradiktion
3.2 Der Einwand gegen die Lust: Die Kontradiktion und die These der Gleichzeitigkeit
3.3 Der Wert der Lust: Die Stufung der Lüste und das Prinzip des Guten
3.4 Das sokratische telos
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Lust und Erkenntnis in Platons Dialogen Protagoras und Gorgias, um Gemeinsamkeiten sowie Differenzen im Umgang mit dem Lustbegriff aufzuzeigen. Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass beide Dialoge trotz unterschiedlicher Argumentationsansätze in einem gemeinsamen sokratischen telos, einem übergeordneten Lebensziel, zusammenlaufen.
- Platons Lustkalkül in Protagoras und Gorgias
- Die Beziehung zwischen Wissen, Handeln und Lust
- Die Rolle des Guten als übergeordnetes Prinzip
- Das sokratische telos als Ziel menschlichen Handelns
- Differenzierung zwischen philosophischer Erkenntnis und hedonistischer Menge
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Reiz der Lust: Die These der Identität und der Herrschaft des Wissens
‘Die paradoxe Natur der Gedankenwelt des Sokrates‘ wird von einem ‘kompromisslosen Rationalismus‘ beherrscht. Stellt die Lust also keinerlei Reiz für Sokrates dar? Die einzige Stelle im Œuvre Platons, an der Sokrates die Lust als etwas Gutes zu bezeichnen scheint, findet sich im Protagoras und diese erweist sich unter diesem Gesichtspunkt z. B. als punktuelle sokratische Argumentationsstrategie. Ob der Reiz der Lust im Protagoras für den platonischen Sokrates tatsächlich nur in einer Argumentationsstrategie vorliegt oder der sokratische Lustbegriff mehr impliziert, wird im Folgenden zu zeigen sein. Die Untersuchung im Protagoras richtet sich auf die Identitätsthese: “daß das Gute und Angenehme einerlei ist” verbunden mit der These von der Macht des Wissens:
“Die meisten nämlich denken von der Erkenntnis so ungefähr, daß sie nichts Starkes, Leitendes und Beherrschendes ist, und achten sie auch gar nicht als ein solches, sondern daß gar oft, wenn auch Erkenntnis im Menschen ist, sie ihn doch nicht beherrscht, sondern irgend etwas, bald der Zorn, bald die Lust, bald die Unlust, manchmal die Liebe, oft auch die Furcht, so daß sie offenbar von der Erkenntnis denken wie von einem elenden Wicht, daß sie sich von allem anderen herumzerren läßt.”
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die platonische Philosophie in den Dialogen und definiert das Ziel der Arbeit, das Lustkalkül sowie die Beziehung zwischen Wissen und Lust zu untersuchen.
2 Die Lust und die Erkenntnis im Protagoras: Dieses Kapitel analysiert die hedonistische Erörterung im Protagoras und beleuchtet die Identitätsthese sowie die Rolle des Wissens als Herrschaftsinstrument.
2.1 Der Reiz der Lust: Die These der Identität und der Herrschaft des Wissens: Es wird untersucht, ob der Reiz der Lust im Protagoras lediglich eine strategische Behauptung des Sokrates darstellt.
2.2 Der Einwand gegen die Lust: Der Hedonismus der Menge: Dieses Unterkapitel thematisiert den Konflikt zwischen der kurzfristigen Lust der Menge und der philosophischen Suche nach Dauerhaftigkeit.
2.3 Der Wert der Lust: Das Kriterium des Quantitativen und die relative Lustmesskunst: Der Fokus liegt auf der Lust als quantifizierbarem Maßstab und der Frage, ob dies zu einer wissenschaftlichen Ethik führen kann.
2.4 Das sokratische telos: Hier wird das im Protagoras verdeckte Lebensziel des Sokrates als einheitliches Prinzip identifiziert.
3 Die Lust und die Erkenntnis im Gorgias: Der Gorgias wird als Gegenentwurf betrachtet, in dem die Identität von Lust und Gutem streng widerlegt wird.
3.1 Der Reiz der Lust: Die These der Identität und die Kontradiktion: Analyse der Argumentation gegen die unkritische Lustsuche im Kontext des Kallikles.
3.2 Der Einwand gegen die Lust: Die Kontradiktion und die These der Gleichzeitigkeit: Untersuchung der logischen Argumente gegen die Identifizierung von Lust und Gutem.
3.3 Der Wert der Lust: Die Stufung der Lüste und das Prinzip des Guten: Differenzierung der Lüste und Begründung des Guten als übergeordnetem Prinzip.
3.4 Das sokratische telos: Zusammenfassung des telos im Gorgias als geordnete Seele und harmonisches Lebensziel.
4 Schluss: Fazit zur Zusammenführung der Dialoge zu einer konsistenten Moraltheorie durch das Wissen.
Schlüsselwörter
Platon, Sokrates, Lust, Erkenntnis, Protagoras, Gorgias, Lustkalkül, telos, Ethik, Wissen, Handeln, Hedonismus, Tugend, Gut, Seele
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Lust und des Wissens in den platonischen Dialogen Protagoras und Gorgias.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Lustkalkül, die Rolle des Wissens für moralisches Handeln und die Bestimmung des Guten bei Platon.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Argumentation von Lust als Lust-telos der Menge hin zum sokratischen telos als absolutem Lebensziel aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Untersuchung durchgeführt, die die Argumentationsstrategien Platons in den beiden Dialogen kritisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Identitätsthesen, die Widerlegungen des Hedonismus und die Etablierung des Guten als methodisches Prinzip.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Platon, Sokrates, Lustkalkül, Erkenntnis, Ethik und telos charakterisieren.
Warum unterscheidet Platon zwischen Protagoras und Gorgias?
Die Dialoge beleuchten verschiedene Ebenen: Während der Protagoras eine Motivationstheorie andeutet, entwickelt der Gorgias eine intellektuelle Handlungstheorie.
Welche Rolle spielt das Wissen für den Menschen?
Wissen dient laut Sokrates als Macht, die den Menschen befähigt, Entscheidungen rational zu treffen und ein glückliches, geordnetes Leben zu führen.
Was versteht man unter dem "sokratischen telos"?
Das telos ist das letzte Ziel aller Handlungen, das im Guten gründet und sich vom bloßen Streben nach Lust unterscheidet.
Ist Sokrates laut der Arbeit ein Hedonist?
Die Arbeit stellt dar, dass die Verwendung hedonistischer Argumente strategisch ist; das sokratische telos steht als objektiver Wert über der Lust.
- Arbeit zitieren
- M.A. Silvia Schmitz-Görtler (Autor:in), 2011, Lust und Erkenntnis: Platons Lustkalkül in Beziehung auf die Erkenntnis im Protagoras und Gorgias, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190493