Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurden „knapp 52.800 junge Menschen [...] Ende 2007 in Heimen und anderen Wohnformen betreut.“ Aufgrund dieser Zahlen und dem Interesse an den damit verbundenen Faktoren konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf Aspekte des kindlichen Bindungsverhältnisses in Kinderheimen, also einem Aspekt des Aufwachsens in einer außerfamiliären Umgebung.
In einem ersten Schritt wird der Frage nachgegangen, was eine pädagogische Institution darstellt und aus welchen Gründen ein Kinderheim einer solchen Einrichtung zugeordnet werden kann. Desweiteren wird erläutert, auf welchen rechtlichen Grundlagen ein Kinderheim basiert und durch welche Organe es finanziert und gefördert wird.
Im weiteren Verlauf der Untersuchung werden auf die Bindungsbedürfnisse von Kindern eingegangen, die in einer außerfamiliären Umgebung aufwachsen. Wenn in diesem Zusammenhang über „Familie“ gesprochen wird ist anzumerken, dass sich hierbei „Familie“ nicht über die Rechtsform oder den Verwandtschaftsgrad definiert. Vielmehr ist eine Gruppe von Personen im Fokus, in der eine strukturierte, eher kontinuierliche Rollenverteilung und ein orientierendes Wir-Gefühl besteht, die zugleich aber auch eine Sozialisations- und Erziehungsfunktion aufweist. Zunächst wird auf die bindungstheoretischen Grundlagen nach John Bowbly und die anschließenden Ausführungen von Mary Ainsworth eingegangen. In einem weiteren Schritt werden Aspekte des Bindungsverhältnisses von Kindern in Kinderheimen herausgearbeitet und im Folgenden kurz bewertet. Zuletzt beendet eine Schlussbetrachtung die vorliegende Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pädagogische Institution Kinderheim
2.1 Pädagogische Institutionen
2.2 Träger und Finanzierung
2.3 Rechtliche Grundlagen
3. Bindungsbedürfnis von Kindern
3.1 Bindungstheoretische Grundlagen
3.2 Bindungsverhältnisse in Kinderheimen
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bindungsverhältnisse von Kindern und Jugendlichen, die in außerfamiliären Umgebungen wie Kinderheimen aufwachsen. Ziel ist es, die pädagogischen, rechtlichen und bindungstheoretischen Rahmenbedingungen zu analysieren, um das Bedürfnis nach zuverlässigen Beziehungen und die Herausforderungen bei der Persönlichkeitsentwicklung unter erschwerten Bedingungen zu beleuchten.
- Pädagogische Institutionen und ihre gesellschaftliche Funktion
- Rechtliche Grundlagen und Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe
- Bindungstheoretische Grundlagen nach John Bowlby und Mary Ainsworth
- Herausforderungen der Beziehungsgestaltung in Heimen
- Bedeutung von Vertrauen und individueller pädagogischer Arbeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Bindungstheoretische Grundlagen
„Unter Bindung versteht man die subjektiv repräsentierte mehr oder weniger verlässliche Beziehung zu einer anderen Person.“ Insbesondere für Kinder sind solche Bindungen oder auch enge Beziehungen zu anderen Personen, wie zum Beispiel zur Mutter, von großer Bedeutung für den Aufbau und die Entwicklung eines Ichs und dem Vertrauen zu sich selbst.
Begründer der Bindungstheorie ist John Bowbly (1907-1990). Seiner psychologischen Theorie nach wolle der Säugling/ das Kleinkind ein unbewusstes Verlangen nach Nähe zu einer ihm vertrauten Person aufbauen, um somit Schutz, Versorgung und Zuneigung zu erlangen. Dies zeige der Säugling durch Äußerungen wie Schreien, Lächeln oder auch Anklammern. Dieses Verhalten hingegen löse naturgemäß bei der Mutter oder der Pflegeperson einen Schlüsselreiz, also ein besonderes Pflege- und Fürsorgeverhalten aus und gewährleistet somit die Verpflegung und Betreuung (Schutz) des Kindes.
Im Rahmen dieser Bindungstheorie und den Gedankengängen Bowblys beobachtete Mary Ainsworth (1913-1999) „wie Kinder, die vorübergehend fern von ihrer Mutter in der Obhut einer fremden Person waren, auf die Wiederkehr der Mutter reagierten. Daraus entwickelte sie eine Typologie der Bindung: A = unsicher-vermeidend, B = sicher, C = unsicher-ambivalent, D = unsicher-desorganisiert.“ Dabei sei anzumerken, dass sich der jeweilige Bindungstyp aus der individuellen Beziehung zwischen Säugling/ Kleinkind und seiner Mutter/ einer anderen Bezugsperson entwickele. In diesem Zusammenhang sei es demnach von großer Bedeutung, auf welche Art und Weise die Mutter/ andere Bezugsperson auf die kindlichen Signale reagiere.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Relevanz der Thematik vor dem Hintergrund der steigenden Anzahl von Kindern in Heimen und definiert den Fokus auf die Bindungsproblematik in außerfamiliären Lebenswelten.
2. Pädagogische Institution Kinderheim: Dieses Kapitel erläutert die organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Strukturen eines Kinderheims und ordnet es als pädagogische Institution ein.
3. Bindungsbedürfnis von Kindern: Das Kapitel verknüpft wissenschaftliche Bindungstheorien mit der praktischen Realität der Heimerziehung und analysiert die Möglichkeiten zur Beziehungsgestaltung.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der Bedeutung von Vertrauensbildung und plädiert für eine intensivere Unterstützung der Familien, um Heimeintritte zu vermeiden.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Kinderheim, Jugendhilfe, Erziehungswissenschaft, Sozialisation, Bezugsperson, Heimerziehung, Kindeswohl, Traumata, Bindungsstörung, pädagogische Institution, Persönlichkeitsentwicklung, Familiensystem, SGB VIII, Jugendamt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit den Aspekten des kindlichen Bindungsverhaltens im Kontext des Aufwachsens in einer außerfamiliären Umgebung, speziell in einem Kinderheim.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die pädagogische Einordnung von Institutionen, die rechtlichen Grundlagen der Jugendhilfe sowie bindungstheoretische Aspekte nach John Bowlby und Mary Ainsworth.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich ein Heimaufenthalt auf die Bindungsverhältnisse auswirkt und wie pädagogische Fachkräfte den Aufbau neuer Bindungen unterstützen können.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Analyse von Fachliteratur sowie auf rechtlichen Grundlagen und Statistiken der Jugendhilfe basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die institutionellen Rahmenbedingungen von Kinderheimen (Trägerschaft, Recht) und die theoretische Fundierung sowie praktische Bewertung von Bindungsverhältnissen im Heimalltag.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch die Begriffe Bindungstheorie, Heimerziehung, Jugendhilfe und professionelle Beziehungsgestaltung charakterisieren.
Warum ist das "Wir-Gefühl" in einer Wohngruppe laut der Autorin wichtig?
Das "Wir-Gefühl" dient dazu, Kindern Angst und Unsicherheit in einer fremden Umgebung zu nehmen und den Weg für den Aufbau persönlichkeitstärkender Bindungen zu ebnen.
Welche Rolle spielt die Einbeziehung der Eltern bei der Heimerziehung?
Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist essenziell, da die Rückführung in die Herkunftsfamilie und die Stärkung der ursprünglichen Verhältnisse ein oberstes Ziel der stationären Jugendhilfe bleibt.
- Arbeit zitieren
- Kira Herzog (Autor:in), 2012, Aufwachsen in einer außerfamiliären Umgebung – Aspekte des Bindungsverhältnisses in Kinderheimen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190254