Da man während eines Seminars an der Universität und mitten im Studium eher wenig Zeit hat, eine zeitintensive ethnographische Forschung zu betreiben und in einer fremden Kultur zu leben bzw. in sie einzutauchen, war mir eben dieses Eintauchen nicht möglich. Vielmehr ging es darum, die Möglichkeiten und Probleme des Ethnographen sowie der ethnographischen Forschung, Beobachtung, Dokumentation und Vertextlichung zu erfahren und sich teilweise selbst zu erschließen. Es ging demnach eher darum, das grobe Gerüst der Ethnographie zu besichtigen.
Auch die drei eigens angefertigten Beobachtungsprotokolle (s.u.) hatten u.a. das Ziel, uns die Möglichkeiten aber auch die Schwierigkeiten der ethnographischen Beobachtung und Dokumentation aufzuzeigen. Mit diesen Schwierigkeiten beschäftigt sich die folgende Arbeit.
Im ersten Teil werde ich auf die Schwierigkeiten und Probleme während des Beobachtungsprozesses von Begrüßungssituationen im Kindergarten eingehen, diese anhand von drei Beo-bachtungsprotokollen benennen und ggf. Wege aufzeigen, wie einige Probleme hätten vermieden werden können.
Meine Beobachtungen erfolgten in einer Deutsch-spanischen Kindertagesstätte, in der ich auch angestellt bin. Hierbei tat sich für mich der Vorteil auf, dass ich mich entgegen dem „klassischen“ Eintauchen in eine fremde Kultur, nicht mit der Fremde vertraut machen musste, sondern mit ihr bereits vertraut war. Ich musste also auch nicht um die Kreditwürdigkeit im kalthoffschen Sinne (s.u.) kämpfen. Vielmehr trat das Problem der Rollenfindung als Ethnograph und gleichzeitig als Pädagoge in dieser Einrichtung sowie das der Verfremdung des eigentlich Bekannten auf – dazu unten mehr.
Beim ersten Beobachtungsprotokoll habe ich mich auf die Begrüßungssituation zwischen Kindern und Erzieherinnen sowie Eltern und Kind fokussiert, während des zweiten Beobachtungsprotokolls auf das Begrüßungsgeschehen der Kindern untereinander fokussiert und während des dritten auf die Begrüßung zwischen Kindern und zwischen Kindern und Eltern. Ziel war es zu sehen, ob und wie Kinder sich untereinander begrüßen und wie sie Erwachsene begrüßen oder von Erwachsenen begrüßt werden.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schwierigkeiten und Probleme des Beobachtens und Dokumentierens
2.1 Was beschreibe ich?
2.2 Ethische Bedenken
2.3 Über die Probleme der Beobachterrolle, wenn man mit dem Feld vertraut ist
2.3.1 Welche Rolle nehme ich ein?
2.3.2 Flüchtigkeit des Sozialen, selektive Wahrnehmung und das „Problem“ des Feldnotizbuches
3. Exzerpt der Studie „Wohlerzogenheit – Eine Ethnographie deutscher Internatsschulen“ von Herbert Kalthoff
3.1 Überblick
3.2 Aufbau der Studie
3.3 Ausschnitte aus der Studie
3.4 Schlussbemerkungen, Kritik
4. Resümee und Fazit
5. Anhang
5.1 Beobachtungsprotokoll 1
5.2 Beobachtungsprotokoll 2
5.3 Beobachtungsprotokoll 3
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die methodischen Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der ethnographischen Beobachtung und Dokumentation in pädagogischen Settings. Ziel ist es, basierend auf eigenen Beobachtungsprotokollen aus einer Kindertagesstätte sowie einem Exzerpt der Studie von Herbert Kalthoff, das Verständnis für die Rolle des Forschers, die Problematik der "Verfremdung" des Vertrauten und die Grenzen situativer Aufnahme von Interaktionsprozessen zu vertiefen.
- Grundlagen der ethnographischen Feldforschung
- Die Rolle des Forschers als Teilnehmender und Beobachter
- Methodische Herausforderungen durch "ungleich verteiltes Wissen" und Flüchtigkeit sozialer Situationen
- Analyse und Interpretation von Begrüßungssituationen im Kindergarten
- Einblicke in die Internatssoziologie durch Kalthoffs "Wohlerzogenheit"
Auszug aus dem Buch
2.3 Über die Probleme der Beobachterrolle, wenn man mit dem Feld vertraut ist
Mit Beginn meiner ethnographischen Beobachtung im Kindergarten – und auch mehr oder weniger während des gesamten Verlaufs – trat bei mir das Problem der Beobachterrolle auf. Das heißt, dass ich Begrüßungssituationen im Kindergarten ethnographisch beobachten wollte, quasi ethnographischer Beobachter war. Diese Rolle als Beobachter wurde jedoch von einigen Eltern und Kindern nicht wahr-, angenommen bzw. akzeptiert und respektiert, da ich ebenso in diesem Kindergarten als Erzieher angestellt bin und somit Ansprechperson war – trotz mehrerer Aushänge mit Informationen, was ich an den jeweiligen Tagen vorhabe bzw. durchführen möchte. Demzufolge wurde ich einige Male aus meiner Beobachterrolle herausgerissen und musste zwischen Beobachterrolle und Erzieherrolle hin und her switchen.
„Problematisch war für mich, dass ich, weil ich in dieser Einrichtung angestellt bin, in einer Situation nicht nur als Beobachter, sondern auch als Mitarbeiter angesehen und demzufolge auch angesprochen worden bin. […]Ein weiterer problematischer Punkt war der, dass ich aufgrund meiner Tätigkeit immer von Eltern und Kindern angesprochen wurde bzw. Teil der Begrüßungssituation war, da ich ja mit beiden Parteien eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut habe“ (Beobachtungsprotokoll 1).
Folgt man Cloos (2008, 211; vgl. Schäfer 2010, 75), dann ist es auch unumgänglich – sogar unmöglich – nicht auch „partiell pädagogisch eingebunden“ zu sein. Dieser Mehrfachrolle des Ethnographen, Erziehers, evtl. eine Art Freund der Kinder und vor allem eines Erwachsenen (vgl. ebd., 217), war ich ausgesetzt. Deshalb fühlte ich mich das ein oder andere Mal in einer Art Zwickmühle, ob ich reagieren sollte oder nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Grundlagen der ethnographischen Feldforschung und Darlegung der Zielsetzung der Hausarbeit.
2. Schwierigkeiten und Probleme des Beobachtens und Dokumentierens: Analyse der Herausforderungen durch die Doppelrolle als Forscher und pädagogische Fachkraft sowie methodische Probleme bei der Erfassung flüchtiger sozialer Situationen.
3. Exzerpt der Studie „Wohlerzogenheit – Eine Ethnographie deutscher Internatsschulen“ von Herbert Kalthoff: Vorstellung und kritische Würdigung der ethnographischen Studie Kalthoffs als Beispiel für eine langfristige und methodisch fundierte Feldforschung.
4. Resümee und Fazit: Zusammenfassende Reflexion über den Erkenntnisgewinn durch das Seminar und die eigenen Beobachtungen im Vergleich zur professionellen Forschung.
5. Anhang: Detaillierte Darstellung der drei erstellten Beobachtungsprotokolle aus dem Kindergarten-Alltag.
Schlüsselwörter
Ethnographie, Feldforschung, Beobachtungsprotokoll, Begrüßungssituation, Teilnehmerperspektive, Rollenfindung, Pädagogik, Internatsforschung, Herbert Kalthoff, Sozialität, Dokumentation, Beobachterrolle, Verfremdung, Interaktionsanalyse, Kindergarten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den praktischen Herausforderungen der ethnographischen Beobachtung im Kontext eines Kindergartens, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Beobachters bei gleichzeitiger Anstellung als Pädagoge.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit thematisiert die Beobachterrolle, die Problematik der "Verfremdung" des Alltäglichen, die Bewältigung von Begrüßungs- und Abschiedssituationen sowie methodische Ansätze der ethnographischen Dokumentation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Schwierigkeiten und Möglichkeiten der ethnographischen Forschung durch eigene Praxiserfahrung zu erproben und durch den Vergleich mit einer etablierten Studie (Herbert Kalthoff) ein besseres Verständnis für dieses Forschungsfeld zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ethnographische Forschung, die auf teilnehmender Beobachtung basiert und diese in Form von Protokollen sowie unter Heranziehung qualitativer Literatur analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der eigenen Beobachtungsprobleme (wie Rollenkonflikte und "Flüchtigkeit des Sozialen") sowie in ein Exzerpt von Herbert Kalthoffs "Wohlerzogenheit", welches als Referenz für gelungene Feldforschung dient.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ethnographie, Feldforschung, Beobachtungsprotokoll, Teilnehmerperspektive und Rollenfindung.
Warum war die Vertrautheit mit dem Feld (dem Kindergarten) sowohl Vorteil als auch Problem?
Die Vertrautheit ermöglichte einen Zugang ohne "Fremdsein", erschwerte jedoch die notwendige methodische Verfremdung und führte dazu, dass der Forscher oft auf seine Rolle als Mitarbeiter angesprochen wurde, statt nur beobachten zu können.
Wie unterscheidet sich die Beobachtung von Kindern von der in Kalthoffs Studie?
Während Kalthoff als externer Forscher über neun Monate hinweg Internatsstrukturen detailliert analysieren konnte, agierte der Autor als "Novize" in einem kurzen Seminarzeitraum in einem ihm bereits bekannten Arbeitsumfeld.
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- Daniel Rahn (Author), 2011, Die Ethnographische Beobachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190184