In 2005 waren laut Bundesagentur für Arbeit 4 860 880 Arbeitslose zu verzeichnen, der bisher höchste offizielle Arbeitslosenstand in der Geschichte der Bundesrepublik und trauriger Höhepunkt einer seit den 1970er-Jahren kontinuierlich ansteigenden Zahl an Erwerbslosen, in der Millionen Menschen der stillen Reserve und in der Schattenwirtschaft tätigen Personen noch keine Berücksichtigung fanden. Die goldene Zeit des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit und die damit verbundene Vollbeschäftigung ist lange verflogen und der durch die Arbeitslosigkeit verursachte Ausfall an Steuereinnahmen und Beitragsleistungen für die Sozialversicherungssysteme lässt sozialpolitische Bestrebungen des deutschen Staates zunehmend schwerer finanzierbar werden.
Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung war sowohl die Implementierung der Hartz-Gesetze 2005 im Zuge der Agenda 2010 der Regierung Schröder, mit denen der deutsche Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig gemacht werden sollte für das 21. Jahrhundert, als auch die infolge der Osterweiterung der Europäischen Union verschärfte Lohnkonkurrenz auf dem europäischen Binnenmarkt. Durch die Anhebung der Zumutbarkeitskriterien für Arbeitslose sollten bestehende Arbeitsplätze gesichert und neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Das Konzept der bedarfsorientierten Grundsicherung wurde zum neuen Leitbild deutscher Sozialpolitik und machte atypische Beschäftigungsverhältnisse salonfähig.
Diese wissenschaftliche Arbeit veranschaulicht, wie sich Arbeitslosigkeit im existierenden Umfang in der Bundesrepublik entwickeln konnte und wie die aktuelle Lage Deutschlands als Wirtschaftsstandort zu bewerten ist. Des Weiteren werden die eingeleiteten Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes der jüngeren Vergangenheit, die finanzielle Lage der Sozialsysteme und die Einflüsse des demographischen Wandels darauf beurteilt. Auch die bewusste Verdrängung der Generation 50+ aus dem Erwerbsleben sowie die Resultate der Zuwanderungspolitik werden in diesem Kontext kritisch hinterfragt. Die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in Deutschland werden anhand einer näheren Betrachtung der Zukunftschancen unterschiedlicher Milieus evaluiert und das deutsche Bildungssystem hinsichtlich der Struktur und Lernerfolge analysiert. Den Abschluss bildet die nähere Betrachtung von Armut und prekären Lebensverhältnissen in Deutschland wie auch von Lösungsansätzen zum Zwecke der sozialverträglichen Reformation der Erwerbsgesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Chronik und Struktur des deutschen Arbeitsmarktes
2.1 Das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre
2.1.1 Strukturkrise im Ruhrgebiet und bedeutende Rezessionen
2.1.2 Volkswirtschaftliche Konsequenzen der Wiedervereinigung
2.1.3 Weltfinanzkrise ab 2007
2.2 Wirtschaftsstandort Deutschland
2.2.1 Die Vernetzung der Märkte durch Globalisierung
2.2.2 Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft
2.2.3 Strukturschwache Räume
2.3 Aktuelle Beschäftigungsstruktur auf dem deutschen Arbeitsmarkt
2.3.1 Rolle der Großunternehmen und Bedeutung des Mittelstands
2.3.2 Formen von Arbeitslosigkeit
2.3.3 Der Fachkräftemangel
2.3.4 Schwarzarbeit / Schattenwirtschaft
3 Staatliche Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung
3.1 Neoliberale Angebotspolitik
3.2 Keynesianischer Nachfrageansatz
3.3 Die Hartz-Reformen der Agenda 2010
3.3.1 Grundsicherungskonzept
3.3.2 Arbeitsmarktinstrumente für Beschäftigungsförderung
3.4 Die Förderung atypischer Beschäftigungsverhältnisse
3.4.1 Befristete Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit
3.4.2 Generation Praktikum
3.4.3 Kurzarbeit
3.5 Die Osterweiterung der Europäischen Union
3.6 Produktionsverlagerungen und Investitionen ins Ausland
4 Sozialsysteme im Zeichen des demographischen Wandels
4.1 Ausmaß der demographischen Entwicklung
4.1.1 Kinderlosigkeit als Folge verfehlter Familienpolitik
4.1.2 Migrationspolitik und Zuwanderung
4.2 Die deutsche Sozialpolitik
4.2.1 Arbeitslosenversicherung
4.2.2 Rentenversicherung
4.2.3 Krankenversicherung
4.2.4 Pflegeversicherung
4.3 Der deutsche Arbeitnehmerschutz
4.3.1 Tarifautonomie und gesetzliche Mindestlöhne
4.3.2 Die Illusion hoher Lohnnebenkosten
5 Gesellschaftliche Einflüsse und Folgen von Arbeitslosigkeit
5.1 Der Stellenwert von Bildung
5.1.1 Die Bedeutung der sozialen Herkunft
5.1.2 Das kanadische Schulsystem
5.2 Die Generation 50+ im Zeichen des Jugendwahns
5.3 Die Weitung der sozialen Schere – Arm trotz Arbeit
5.3.1 Die Privatisierung staatlicher Sozialaufgaben
5.3.2 Das Prekariat
5.4 Gesundheitliche Folgen von Arbeitslosigkeit
5.5 Die Grenzen der Erwerbsgesellschaft
5.5.1 Bürgerarbeit
5.5.2 Das bedingungslose Grundeinkommen
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Veränderungen des deutschen Arbeitsmarktes im 21. Jahrhundert und analysiert dabei das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Globalisierungsprozessen, demographischem Wandel und staatlichen Sicherungssystemen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Zukunftsfähigkeit des deutschen Sozialstaatsmodells angesichts einer anhaltenden Sockelarbeitslosigkeit sowie der zunehmenden Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen und sozialer Ungleichheit.
- Entwicklung und Struktur des deutschen Arbeitsmarktes im Zeitverlauf
- Staatliche Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung (Hartz-Reformen und Agenda 2010)
- Sozialsysteme unter dem Druck des demographischen Wandels
- Gesellschaftliche Folgen von Arbeitslosigkeit und Bildungsungleichheit
- Alternative Ansätze zur Neugestaltung der Erwerbsgesellschaft
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Rolle der Großunternehmen und Bedeutung des Mittelstands
Bedingt durch den ausgeprägten deutschen Mittelstand ist die Rolle der Großunternehmen mit einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsanteil von 30 % von geringerer Bedeutung als in anderen Industrienationen. Demgegenüber steht der Mittelstand, der 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen umfasst, 68,3 % der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigt, 41,2 % der Umsätze erwirtschaftet und mehr als 80 % aller Ausbildungen ausführt. Die deutsche Politik weiß sowohl um die Bedeutung des Mittelstandes als tragende Säule der Volkswirtschaft als auch um dessen Exportpotenzial, begründet durch die Spezialisierung vieler kleiner und mittlerer Unternehmen auf Nischenprodukte, die auf implizitem Wissen basieren.29
Ungeachtet dessen bündelt sich der Großteil der Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung vonseiten des Staates auf Großunternehmen und Konzerne, da die Beschäftigungssituation der Großbetriebe aufgrund der höheren Popularität der Markennamen im Vergleich zu unbekannteren Mittelständlern Politikern die Gelegenheit bietet, sich medienwirksam zu präsentieren und durch Schaffung neuer Arbeitsplätze zu profilieren. Der Ausbau des internationalen Warenhandels wird zudem maßgeblich durch Großunternehmen geprägt, denn diese sind für 90 % der Direktinvestitionen aus Industrieländern ins Ausland verantwortlich; allein im Zeitraum von 1990−2000 fand eine Steigerung des Investitionsvolumens um 550 % statt.30
Mit dem Bedeutungsanstieg der weltweiten Finanzmärkte ging auch ein Philosophiewandel im Management von Großunternehmen einher. Durch die vermehrte Finanzierung des Geschäftsbetriebes über private Kapitalgeber brach die in den Nachkriegsjahren hervorgegangene Deutschland-AG – Synonym für die enge Verzahnung deutscher Großunternehmen und Kreditinstitute – zusammen und die kurzfristige Unternehmensführung im Sinne der Maximierung des Aktionärswerts, dem Shareholder Value, etablierte sich als Standard. In der Absicht auf eine rasche Gewinnmaximierung, bedingt durch die an den Unternehmenserfolg gekoppelte Vergütung der Vorstände, häufen sich leichtfertige Freisetzungswellen von Arbeitskräften mit einem einhergehenden Verlust an Fachwissen und einer Verschlechterung der langfristigen Geschäftsaussichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2005 und skizziert die Herausforderungen durch Globalisierung und Reformen.
2 Chronik und Struktur des deutschen Arbeitsmarktes: Dieses Kapitel analysiert die historische Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes vom Wirtschaftswunder bis zur aktuellen Wirtschaftsstruktur und Globalisierung.
3 Staatliche Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung: Hier werden die verschiedenen politischen Strategien, insbesondere die Hartz-Reformen und der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, auf ihre Wirksamkeit hin untersucht.
4 Sozialsysteme im Zeichen des demographischen Wandels: Das Kapitel befasst sich mit der Belastung der Sozialversicherungen durch die demographische Entwicklung und hinterfragt die bestehenden Renten- und Gesundheitspolitiken.
5 Gesellschaftliche Einflüsse und Folgen von Arbeitslosigkeit: Diese Analyse beleuchtet soziale Aspekte wie den Stellenwert von Bildung, die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit und das Phänomen des Prekariats.
6 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung zieht ein kritisches Resümee der bisherigen Reformpolitik und diskutiert mögliche Zukunftsperspektiven der Erwerbsgesellschaft.
Schlüsselwörter
Arbeitsmarkt, Globalisierung, demographischer Wandel, Sozialstaat, Hartz-Reformen, Arbeitslosigkeit, Mittelstand, soziale Schere, Prekariat, Bildungsungleichheit, bedingungsloses Grundeinkommen, Fachkräftemangel, Rentenversicherung, Sozialpolitik, Wirtschaftsstandort Deutschland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Situation des deutschen Arbeitsmarktes im 21. Jahrhundert, insbesondere im Kontext von Globalisierung, demographischem Wandel und staatlicher Sozialpolitik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Struktur des Arbeitsmarktes, die Wirksamkeit der Hartz-Reformen, die finanzielle Nachhaltigkeit der Sozialsysteme und die soziokulturellen Folgen von Arbeitslosigkeit.
Welches ist das primäre Ziel der wissenschaftlichen Arbeit?
Das primäre Ziel besteht darin, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zu bewerten, die getroffenen Maßnahmen zur Flexibilisierung kritisch zu hinterfragen und zukünftige Lösungsansätze zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literatur- und Datenanalyse, wobei aktuelle Studien und statistische Auswertungen (z.B. vom IAB oder DIW) herangezogen werden.
Was wird primär im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Chronik des Arbeitsmarktes, staatliche Fördermaßnahmen, die Belastung der Sozialsysteme durch den demographischen Wandel sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen von Prekarität und Bildungsbenachteiligung.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Charakterisierende Begriffe sind unter anderem Sozialstaat, Strukturwandel, Agenda 2010, demographischer Wandel, Prekariat und Grundeinkommen.
Warum wird die „Rente mit 67“ im Dokument kritisch betrachtet?
Sie wird als unrealistisch angesehen, da die tatsächliche Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer (55-63 Jahre) derzeit zu niedrig ist, um eine flächendeckende Erwerbstätigkeit bis 67 zu garantieren.
Welche Rolle spielt die Bildung für den sozialen Frieden in Deutschland?
Bildung wird als entscheidender Faktor für den sozialen Aufstieg und die Teilhabe identifiziert, wobei ein Versagen des deutschen Bildungssystems die soziale Schere und die Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen weiter verschärft.
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- Dipl.-Wirt.-Inf. (FH) Johannes Wilhelm Eßer (Author), 2012, Der deutsche Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/189262