Der Wij (auch Vij oder Wij) ist eine phantastische Erzählung des ukrainisch-russischen Schriftstellers Nikolai Wassiljewitsch Gogol. Sie wurde 1835 zusammen mit drei anderen Kurzerzählungen Gogols im Sammelband Mirgorod veröffentlicht. Der Text handelt von dem Philosophiestudenten Choma Brut, der gezwungen wird drei Nächte am Sarg einer Hexe zu beten. Dabei wird er von verschiedenen Dämonen heimgesucht bis er schließlich stirbt.
In einer Anmerkung verweist Gogol darauf, dass es sich bei der Geschichte um eine Volksüberlieferung handelt.1 Diese Arbeit basiert auf der Annahme, dass dies nicht wahr ist.2 Zum Einen gibt es keine Belege, die die Existenz des Wijs im slawischen Volksglauben bestätigen, zum Anderen würde eine schlicht wiedergegebene Sage keine größeren Parallelen zu Gogols anderen Werken aufweisen. Trotzdem beruht Der Wij nicht allein auf Gogols Ideen. Welche folkloristischen, mythologischen, literarischen und religiösen Bezüge weist die Erzählung auf? Diese Frage soll – dem Umfang der Arbeit entsprechend – durch einen produktionsästhetischen Ansatz geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Analyse
2.1 Inhaltszusammenfassung
2.2 Produktionsästhetische Klärung der Leitfrage
2.2.1 Folkloristische und mythologische Elemente
2.2.2 Literarische Einflüsse
2.2.3 Religiöse Motive
3 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die folkloristischen, mythologischen, literarischen und religiösen Bezüge in Nikolai Gogols Erzählung "Wij" aufzuzeigen und durch einen produktionsästhetischen Ansatz zu klären, inwieweit das Werk über eine reine Volksüberlieferung hinausgeht.
- Analyse der Hexe als Gestaltwandler und Vampir im Kontext der Empusen-Mythologie.
- Untersuchung literarischer Querverweise zu Goethes "Faust" und Robert Southeys Ballade "The old woman of Berkeley".
- Betrachtung biblischer Motive und Symboliken in der Erzählstruktur.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Eigenleistung Gogols im Kontext der phantastischen Literatur.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Folkloristische und mythologische Elemente
Um den Anschein einer märchenhaften Überlieferung zu erwecken, beinhaltet Der Wij folkloristische und mythologische Elemente. Besonders in der Gestalt der namenlosen Hexe manifestieren sich zahlreiche volkstümliche Vorstellungen. So erscheint sie nicht nur als Hexe, sondern auch als Gestaltwandler und Vampir. Allerdings nicht in Form des klassischen, untoten Wiedergängers, sondern als Adaption der Empuse.
In der griechischen Mythologie wurden die verwandlungsfähigen Empusen von der Göttin Hekate entsandt, um Reisenden aufzulauern. In Der Wij befindet sich Choma Brut auf der Heimreise aus Kiew, als die Alte über ihn herfällt. In der antiken Literatur, etwa in Die Empuse von Flavius Philostratos, tauchen Empusen meist als junge Verführerinnen auf. Fraglich ist, warum Gogols Empuse hingegen als alte Frau auftritt. Simon Karlinsky nach handelt sie so, um die Aufgabe für sich schwieriger zu gestalten. Eine weitere Abweichung vom griechischen Mythos stellt die Tatsache dar, dass Gogols Empuse ihre Opfer nicht auffrisst. Davon abgesehen tötet sie aber, wie ihr griechisches Gegenstück, auch Säuglinge.
Nach ihrem Tod hingegen tritt sie als Vampir auf, um Rache an Choma Brut zu nehmen. Der Philosoph hat keine Chance seinem Schicksal zu entgehen. Choma nannte der Hexe im Gasthaus leichtfertig seinen Namen und seine Schule. Dadurch kann sie ihn, sogar nach ihrem Tod, durch ihren Vater zu sich bringen lassen.
Neben Der Johannisabend und Die toten Seelen ist Der Wij eines der drei Werke Gogols, in denen die spontane Selbstentzündung Erwähnung findet. Einige Tage nachdem die Hexe auch auf dem Hundewärter Mikita geritten war, verbrennt dieser zu einem Haufen Asche. Der Glaube, das Menschen ohne erkennbaren Grund in Flammen aufgehen können, hält sich bis heute als moderner Mythos. Im 19. Jahrhundert sah man vor allem übermäßigen Alkoholkonsum oder einen sündigen Lebenswandel als Auslöser für dieses Phänomen. Gogol schuf mit Mikita eine Figur, auf die beides zutrifft. Vermeintlich konnte dieser folgenlos ein Quart Schnaps trinken. Darüber hinaus begehrte er die Hexe und ließ sich bereitwillig zum Reittier degradieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Erzählung "Wij" und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich der mythologischen und literarischen Bezüge des Werkes.
2 Analyse: Detaillierte Untersuchung der inhaltlichen Zusammenfassung sowie der produktionsästhetischen Klärung durch Analyse folkloristischer, literarischer und religiöser Einflüsse.
3 Fazit: Kritische Reflexion über Gogols Eigenleistung in der phantastischen Literatur angesichts der identifizierten literarischen Motive.
Schlüsselwörter
Nikolai Gogol, Wij, phantastische Literatur, Folkloristik, Empuse, Vampirismus, slawische Mythologie, Produktionsästhetik, Choma Brut, biblische Motive, Literaturgeschichte, Gestaltwandler, Dämonologie, Motivforschung, Mirgorod
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die kulturellen und literarischen Bezüge in Nikolai Gogols Erzählung "Wij" und hinterfragt deren Ursprung jenseits der von Gogol behaupteten Volksüberlieferung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen folkloristische Elemente, wie die Figur der Hexe als Empuse, literarische Einflüsse von Goethe bis Southey sowie religiöse Motive.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, durch einen produktionsästhetischen Ansatz aufzuzeigen, wie Gogol verschiedene mythologische und literarische Versatzstücke in seinem Werk neu kombiniert hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen produktionsästhetischen Ansatz, um die Entstehung und die Bezüge des Textes wissenschaftlich einzuordnen.
Was bildet den Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Inhaltszusammenfassung und eine tiefgehende Analyse der mythologischen, literarischen und religiösen Einflüsse auf die Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nikolai Gogol, Wij, Empuse, phantastische Literatur und Motivforschung.
Warum wird die Hexe in "Wij" als Empuse interpretiert?
Aufgrund ihrer Fähigkeit zur Gestaltwandlung und ihrer Rolle als bösartiges Wesen, das Reisenden auflauert, weist sie deutliche Parallelen zur griechischen Mythologie der Empusen auf.
Welche Bedeutung hat die "spontane Selbstentzündung" in diesem Kontext?
Dieses Motiv wird als literarische Figur genutzt, um Sündhaftigkeit und menschliche Dekadenz im Kontext der Erzählung zu symbolisieren.
Inwieweit beeinflussen religiöse Motive die Erzählung?
Gogol integriert Elemente aus der Offenbarung des Johannes und nutzt dämonische Symbole, um das im Text vorherrschende Böse biblisch zu legitimieren.
Wie bewertet der Autor Gogols literarische Eigenleistung?
Der Autor stellt die Frage, ob Gogol lediglich als Neukombinierer älterer Motive zu verstehen ist oder ob dies die Eigenleistung in der phantastischen Literatur generell in Frage stellt.
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- Sebastian Kern (Author), 2012, Kulturgeschichtliche Bezüge in Nikolai Gogols 'Wij', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/189219