Der mehrfache Pulitzer-Preis Gewinner Thomas L. Friedman sagte bereits 1996 in einem Interview: „There are two superpowers in the world today in my opinion. There’s the United States and there’s Moody’s Bond Rating Service. […] And believe me, it’s not clear sometimes who’s more powerful.“ Mehr als 15 Jahre sind seit diesem Interview vergangen, doch die Aussage ist vor dem Hintergrund der Euroschuldenkrise aktueller denn je geworden.
Der Zugang zu den Kapitalmärkten für die Fremdkapitalaufnahme ist heutzutage sowohl für Unternehmen als auch für Staaten von entscheidender Bedeutung und beeinflusst eine Vielzahl von Entscheidungen. Der Fremdkapitalbedarf wird zunehmend durch die Begebung von Wertpapieren (z.B. Anleihen mit festgelegter Laufzeit und Tilgung) sichergestellt. Damit diese vom Markt aufgenommen werden können, bedarf es einer objektiven (Bonitäts-)Beurteilung des Wertpapiers und/oder des Schuldners. Hierfür treten Ratingagenturen als Dienstleister am Finanzmarkt auf und vergeben - in der Regel im Auftrag des Emittenten - ihre Ratings. Diese stellen eine Einschätzung der Wahrscheinlichkeit dar, ob der Emittent seine rechtlichen Verpflichtungen aus dem Wertpapier, also die Zahlung von Zins und Tilgung, „nicht, nicht vollständig, nicht in der vereinbarten Form oder nicht rechtzeitig erfüllt.“
Durch ihre hohe Akzeptanz haben Ratings eine marktbeeinflussende Stellung erhalten, die insbesondere in den letzten Jahren stark kritisiert wurde. Zum einen werden Ratingagenturen für die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 mitverantwortlich gemacht, da sie die Risiken strukturierter Finanzprodukte nicht richtig eingeschätzt und zu spät vor den weitreichenden Konsequenzen gewarnt hätten. Zum anderen wird ihnen vorgeworfen durch die vorschnelle Herabstufung verschiedener europäischer Staaten, die momentane Euroschuldenkrise verschärft zu haben.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Rolle der Ratingagenturen auf dem weltweiten Finanzmarkt herauszuarbeiten. Dabei interessiert erstens, wie sich in den letzten Jahrzehnten eine derartige Bedeutungszunahme von Ratings entwickeln konnte und welche Faktoren dazu maßgeblich beigetragen haben. Zweitens soll die Problematik aufgezeigt werden, die mit der marktbeherrschenden Stellung einer geringen Anzahl an Agenturen einhergeht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Institutionen und deren Funktionen
2.1 Akteure auf dem Ratingmarkt
2.2 Aufgabe der Ratingagenturen
2.3 Entstehung und Auswirkungen eines Ratings
2.3.1 Ratingprozess
2.3.2 Aussage des Ratings
2.3.3 Auswirkungen von Ratingveränderungen
2.4 Kosten und Nutzen eines Ratings
2.4.1 Ratingkosten
2.4.2 Nutzen für den Emittenten
2.4.3 Nutzen für die Anleger
2.5 Zusammenfassung
3. Entwicklung der Bedeutung von Ratingagenturen
3.1 Ursprung der Ratingagenturen
3.1.1 Geschichte
3.1.2 Aufkommen der Ratingagenturen in Deutschland
3.2 Verfehlungen in der Vergangenheit
3.2.1 Enron Pleite
3.2.2 Finanzkrise 2008 / 2009
3.3 Stärkung der Rolle der Ratingagenturen
3.3.1 Regulatorische Vorschriften
3.3.2 Globalisierung der Finanzmärkte
3.4 Stellung der Ratingagenturen heute
3.4.1 Beispiel 1: Euroschuldenkrise
3.4.2 Beispiel 2: Downgrade der USA
3.5 Zusammenfassung
4. Problematik
4.1 Mangelnde Regulierung
4.1.1 Fehlende Haftung
4.1.2 IOSCO code of conduct
4.1.3 Regulierungsbemühungen in Europa / USA
4.2 Mangelnder Wettbewerb
4.2.1 Gleichlauf der Ratingurteile
4.2.2 Markteintrittsbarrieren für neue Agenturen
4.3 Bestehende Interessenkonflikte
4.4 Zusammenfassung
5. Lösungsansätze
5.1 Anreize für mehr Wettbewerb
5.1.1 Aufbau einer europäischen Ratingagentur
5.1.2 Staatliche Einflussnahme
5.2 Vermeidung von Interessenkonflikten
5.2.1 Regelmäßigere Ratingüberprüfungen
5.2.2 Abkehr vom Issuer-Pays-Modell
5.3 Marktorientierter Ansatz
5.4 Zusammenfassung
6. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Bachelor-Thesis untersucht die zentrale Rolle von Ratingagenturen auf dem globalen Finanzmarkt, analysiert die Ursachen ihrer wachsenden Macht und beleuchtet die kritischen Probleme, die aus ihrer oligopolistischen Marktstruktur resultieren.
- Die Funktion und Bedeutung von Ratingagenturen im heutigen Finanzsystem.
- Historische Entwicklung und Einflussfaktoren der Marktdominanz der "großen Drei".
- Kritische Analyse von Marktversagen, Interessenkonflikten und mangelnder Regulierung.
- Bewertung von Lösungsansätzen wie Wettbewerbsförderung und regulatorischer Verschärfung.
- Fallstudien zur Euroschuldenkrise und zum Downgrade der USA.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Ratingprozess
Wenn sich ein Emittent für die Begebung eines Wertpapiers zur Deckung seines Fremdkapitalbedarfs entscheidet, sollte von ihm zunächst sorgfältig geprüft werden, ob ein Rating unbedingt erforderlich ist. Der Ratingprozess ist sowohl mit nicht unerheblichen Kosten als auch mit einer Bündelung gewisser Ressourcen innerhalb des Unternehmens verbunden. Der nächste Schritt ist die Auswahl der Ratingagentur, gemäß dem angestrebten Nutzen des Emittenten. Für ein mittelständisches Unternehmen kann z.B. die Wahl einer auf sein Segment spezialisierten, kleineren Ratingagentur sinnvoller sein, als die Beauftragung von S&P, Moody’s oder Fitch. Des Weiteren spielen bei der Auswahl auch Faktoren wie die Höhe der Ratingkosten, Ansehen und Bekanntheitsgrad der Ratingagentur eine Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die enorme Machtfülle von Ratingagenturen und die Fragestellung der Arbeit vor dem Hintergrund aktueller Krisenereignisse.
2. Institutionen und deren Funktionen: Dieses Kapitel erläutert die Akteure des Ratingmarktes, den detaillierten Prozess der Ratingvergabe sowie den beidseitigen Nutzen für Emittenten und Anleger.
3. Entwicklung der Bedeutung von Ratingagenturen: Hier wird der historische Wandel der Ratingagenturen von Nischenanbietern zu mächtigen Marktinstanzen durch regulatorische Rahmenbedingungen und Globalisierung nachgezeichnet.
4. Problematik: Das vierte Kapitel analysiert kritisch die oligopolistische Struktur, die mangelnde Regulierung und die systemimmanenten Interessenkonflikte der Branche.
5. Lösungsansätze: Dieses Kapitel diskutiert alternative Ansätze zur Stärkung des Wettbewerbs und zur Vermeidung von Interessenkonflikten, darunter die Idee einer europäischen Ratingagentur.
6. Schlussbetrachtung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftige notwendige Regulierung der Ratingbranche.
Schlüsselwörter
Ratingagenturen, Finanzkrise, Euroschuldenkrise, Kapitalmarkt, Anleihen, Regulierung, Interessenkonflikte, Oligopol, Basel II, Bonität, Investment Grade, Speculative Grade, Issuer-Pays-Modell, Ratingprozess, Transparenz.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Ziel der Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Rolle, Funktion und den wachsenden Einfluss von Ratingagenturen auf dem internationalen Finanzmarkt sowie die damit verbundenen strukturellen Problematiken.
Welche zentralen Themen werden behandelt?
Im Zentrum stehen der Ratingprozess, die Bedeutung regulatorischer Vorschriften, der oligopolistische Wettbewerb und die während Krisenzeiten kritisierten Interessenkonflikte.
Welche Forschungsfrage wird verfolgt?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, warum die Bedeutung von Ratings in den letzten Jahrzehnten derart massiv zugenommen hat und welche Problematiken mit der marktbeherrschenden Stellung der führenden Agenturen einhergehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Daten und Fallbeispiele, insbesondere zur Euroschuldenkrise und zur Bonitätsherabstufung der USA.
Was umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil behandelt die Funktionsweise der Ratingagenturen, ihre historische Entwicklung, die Kritik an ihrem Verhalten während Finanzkrisen sowie mögliche Reformvorschläge für den Sektor.
Was charakterisiert die Arbeit in Bezug auf ihre Keywords?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Ratingagenturen, Finanzkrise, Regulierung und Interessenkonflikte geprägt, die den Kern der kritischen Auseinandersetzung definieren.
Welche Rolle spielte die Pleite von Enron für die Argumentation?
Der Fall Enron dient als historisches Beispiel für verspätete Herabstufungen und unterstreicht die Verantwortung der Agenturen für die Marktstabilität.
Warum ist das "Issuer-Pays-Modell" ein zentraler Kritikpunkt?
Das Modell wird als wesentlicher Interessenkonflikt identifiziert, da die wirtschaftliche Abhängigkeit der Agenturen von ihren Auftraggebern die Neutralität und Qualität der Bonitätsurteile gefährden kann.
- Arbeit zitieren
- Jochen Henze (Autor:in), 2012, Ratingagenturen. Ihre Funktion und Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188931