Person sein, heißt sich selbst in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit wahrnehmen zu können. Personen haben Interessen, die sie autonom umsetzen können. Nicht-Personen können dies nicht. Ergo, haben Personen ein Lebensrecht und Nicht-Personen haben keines. Dies ist die weit möglichst reduzierte Grundaussage der praktischen Ethik von Peter Singer. Daraus ergeben sich Konsequenzen. Überspitzt dargestellt diese: Wenn Singer bei Veganern vorbeischaut, gibt es Jubelfeier und Konfetti. Wenn Singer bei Behindertenverbänden vorbeischaut, bereitet man sich alle auf eine Diskussion mit dem Beelzebub vor.
Warum? Die Konsequenz Singers ist, dass nicht nur Menschen als Personen angesehen werden können, sondern zumindest auch einige höher entwickelten Säugetiere. Hat ihr Hund Persönlichkeit mit einem Sinn für Vergangenes und die Zukunft? Wenn sie dem Zustimmen, so ist ihr Hund Person mit einem Lebensrecht.
Aber kann das ein Neugeborenes von sich auch behaupten? Was macht den Unterschied zwischen Abtreibung vor der Entbindung (Das Kind ist Behindert, niemand will es) und Abtreibung, sagen wir 24 Stunden nach Geburt (Das Kind wurde durch die Geburt schwerstbehindert, niemand will es)?
DIESE FRAGEN SIND "STARKER TOBAK!" Diese wissenschaftliche Arbeit(!) widmet sich dem Thema durch neutrale Analyse. Singers Argumente werden denen von Pöltner (Bioethiker) gegenübergestellt, der sehr wohl (behinderten) Neugeborenen ein Lebensrecht anerkennt. Dabei bekommt der Leser ein allgemeines Verständnis für die Argumentationslinien beider Autoren, die unabhängig voneinander betrachtet werden. Die Beantwortung der Fragestellung erfolgt im letzten Teil des Essays. Mit Pöltners Argumenten und eigenen Überlegungen wird deutlich, dass der Personenbezug für das Recht auf Lebensschutz kein Ausschlusskriterium für das Lebensrecht Neugeborener sein kann, egal ob sie jemand will oder nicht. Damit komme ich trotz der Nutzung von Singers Prämissen zu einer anderen Schlussfolgerung als Singer selbst.
Inhaltsverzeichnis
Neue Fragen und schwierige Antworten
Ein kurzes Wort zum Gedanken der Menschenwürde
Lebensschutz bei Peter Singer
Konsequenzen und Interpretationen Singers Ethik
Argumente gegen einen Lebensschutz als alleiniges Personenrecht
Der Zeitpunkt des Existenzbeginns
Zielsetzung und Themen
Das Ziel der Arbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit der utilitaristischen Ethik von Peter Singer, insbesondere hinsichtlich seiner Auffassungen zum Lebensrecht und zur moralischen Statuszuweisung von Neugeborenen, um daraus ein Plädoyer für den universellen Lebensschutz zu entwickeln.
- Analyse des präferenz-utilitaristischen Personenbegriffs bei Peter Singer
- Kritische Beleuchtung der Argumente für und gegen einen postnatalen Infantizid
- Gegenüberstellung von Singers Position und der kritischen Perspektive von Günther Pöltner
- Untersuchung der Autonomiebegriffe bei Neugeborenen und Erwachsenen
- Diskussion der gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber dem menschlichen Leben
Auszug aus dem Buch
Lebensschutz bei Peter Singer
Für die Auseinandersetzung mit Peter Singer zum Thema „Lebensrecht und -schutz Neugeborener“ muss natürlich vorab geklärt werden, welche Position Singer vertritt und wie er diese begründet. Die Position Singers lässt sich zum Beispiel durch folgendes Zitat aus seinem Hauptwerk erkennen:
„Würde man Neugeborene – so wie nunmehr Föten – als ersetzbar betrachten, so böte dies große Vorteile gegenüber der pränatalen Diagnostik mit anschließendem Schwangerschaftsabbruch. Denn es gibt Behinderungen, die tatsächlich vor der Geburt nicht vorhanden sind; sie können aus einer extremen Frühgeburt resultieren oder daraus, daß die Geburt nicht normal verläuft. Gegenwärtig haben die Eltern nur dann die Wahl, behinderte Nachkommen zu behalten oder ihr Leben zu beenden, wenn die Behinderung während der Schwangerschaft entdeckt wird. Es gibt keine logische Grundlage dafür, daß die Wahlmöglichkeit der Eltern auf diese besonderen Behinderungen beschränkt bleibt. Würden behinderte Neugeborene bis etwa eine Woche einen Monat nach der Geburt nicht als Wesen betrachtet, die ein Recht auf Leben haben, dann wären die Eltern in der Lage, in gemeinsamer Beratung mit dem Arzt und auf viel breiterer Wissensgrundlage in bezug [sic!] auf den Gesundheitszustand des Kindes, ihre Entscheidung zu treffen.“
Singer ist also der Ansicht, dass es unter bestimmten Voraussetzung ethisch vertretbar ist, Neugeborene zu töten. Sollte man einen klareren Beleg für die Interpretation des Zitates benötigen, möchte ich auf ein weiteres Werk von Singer verweisen, in dem sein Standpunkt deutlicher wird:
„Wir [Peter Singer und Helga Kuhse] sind der Meinung, daß es unter bestimmten Umständen ethisch gerechtfertigt ist, das Leben mancher schwerstbehinderter Neugeborener zu beenden.“
Zusammenfassung der Kapitel
Neue Fragen und schwierige Antworten: Einführung in die provokanten Thesen Peter Singers zur praktischen Ethik und Darlegung des Anliegens der Arbeit, diese kritisch zu hinterfragen.
Ein kurzes Wort zum Gedanken der Menschenwürde: Reflexion über die Bedeutung der Menschenwürde als normative Basis im deutschen Rechtssystem im Kontext einer medizinethischen Argumentation.
Lebensschutz bei Peter Singer: Detaillierte Darstellung der Position Singers, insbesondere sein Konzept der Ersetzbarkeit von Neugeborenen und die Ablehnung eines absoluten Lebensrechts.
Konsequenzen und Interpretationen Singers Ethik: Analyse der ethischen Implikationen, wenn man Singers utilitaristischer Argumentation folgt, und Aufzeigen der Widersprüche in der öffentlichen Wahrnehmung.
Argumente gegen einen Lebensschutz als alleiniges Personenrecht: Kritische Auseinandersetzung durch den Vergleich mit Günther Pöltner und Ablehnung von Singers Personenbegriff zugunsten eines ontologischen Begriffs.
Der Zeitpunkt des Existenzbeginns: Argumentation, dass menschliche Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist, der keinen willkürlichen Grenzpunkt für die Zuerkennung von Personenstatus zulässt, ergänzt um das Autonomieargument.
Schlüsselwörter
Medizinethik, Peter Singer, Lebensrecht, Personenbegriff, Präferenzutilitarismus, Infantizid, Neugeborene, Menschenwürde, Autonomie, Bioethik, Günther Pöltner, Speziesismus, Lebensschutz, Behindertenethik, praktische Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die medizinethischen Thesen von Peter Singer, insbesondere seine Auffassung, dass Neugeborene unter bestimmten Bedingungen kein Anrecht auf Leben haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Personenstatus, die moralische Bewertung von Behinderungen, das Konzept der Interessenabwägung und die Frage nach dem moralisch legitimen Zeitpunkt des Existenzbeginns.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Singers Argumentationslinie zu dekonstruieren und mit eigenen Überlegungen sowie dem Ansatz von Günther Pöltner zu widerlegen, um für einen universellen Schutz Neugeborener einzutreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Essay-Form, die Argumente und Gegenargumente durch Literaturanalyse, kritische Diskursanalyse und Analogieschlüsse (z.B. das Friseur-Beispiel) abwägt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Singers Ethik, diskutiert seine Vorstellung von "Personen" versus "Nicht-Personen" und beleuchtet die Rolle der Autonomie sowie das Problem der willkürlichen Grenzziehung beim Lebensschutz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Präferenzutilitarismus, Infantizid, Menschenwürde, Personenbegriff und Speziesismus.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Günther Pöltner von der Singers?
Pöltner kritisiert, dass Singer "Mensch sein" lediglich als eine Eigenschaft betrachtet, während Pöltner argumentiert, dass man existiert, bevor man bestimmte Eigenschaften entwickelt.
Warum hält der Autor das Autonomieargument von Singer für unzureichend?
Der Autor argumentiert, dass Neugeborene ebenso wie moderne Arbeitnehmer oder Bürger in einer Versorgergesellschaft in notwendigen Abhängigkeiten stehen, was deren Autonomie nicht prinzipiell infrage stellt.
Was ist das Fazit bezüglich des Rechts auf Leben?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Eltern kein Recht auf Infantizid haben und dass die Gesellschaft die Verantwortung für ein Kind übernehmen muss, anstatt dessen Lebensrecht abzusprechen.
- Arbeit zitieren
- Martin Telschow (Autor:in), 2011, Personalität und Lebensschutz bei Peter Singer, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188667