Bis in die 1950er Jahre war zweisprachige Kindererziehung noch stark mit vielen Vorurteilen bis hin zu regelrechter Feindseligkeit belastet. Heutzutage möchten viele Eltern, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen, auch wenn beide Eltern die gleiche Sprache sprechen und schicken ihre Kinder folglich in bilinguale Kindergärten, stellen ein ausländisches Kindermädchen ein oder sprechen selbst mit dem Kind eine Sprache, welche nicht ihre Muttersprache ist.
In der modernen Forschung wird Zweisprachigkeit inzwischen normalisiert. Bilinguismus sei die Regel, Monolinguismus eine Ausnahmeerscheinung. Bhatia und Ritchie (2006) proklamieren in ihrem „Handbook of Bilingualism“, dass Bilinguismus heutzutage die Norm sei. Es wird geschätzt, dass es 5000 Sprachen auf der Welt gibt, die sich nun auf 200 Staaten verteilen müssten: daraus folgern die Autoren, dass die Kommunikation mehrsprachig sein müsse, wenn weltweit durchschnittlich 25 Sprachen in einem Land gesprochen würden.
„Obwohl in Europa alle Staaten mit Ausnahme von Liechtenstein und Island anerkannte Sprachminderheiten aufweisen, heißt das doch nicht, dass die meisten Bewohner dieser Länder tatsächlich bilingual sind. […] Man kann also nicht einfach die Zahl der Sprachen auf der Welt durch die Zahl der Länder dividieren und dann daraus schließen, des gebe im Schnitt 25 Sprachen pro Land und damit sei jeder Mensch bilingual, wie es die Autoren des Bilingualism-Handbuchs tun: Das ist eine grobe Vereinfachung und eine Manipulation.“ (Lippert 2010: 57)
Mit der Normalisierung des Bilinguismus verändert sich auch die Sichtweise auf den bilingualen Spracherwerb. Dieser wird generell als ein Kinderspiel dargestellt, es sei viel einfacher und unbeschwerter zwei Sprachen im Kleinkindalter zu lernen, als sich später in der Schule oder sogar im Erwachsenenalter damit herumschlagen zu müssen.
Wie hat sich diese Veränderung, dieser Wandel von dem einen zum anderen Extrem gewandelt?
Wie hat sich der Forschungsstand zum Thema Zweisprachigkeit weiterentwickelt?
Wie unterscheidet sich monolingualer von bilingualem Erstspracherwerb? Und wie beeinflussen sich zwei simultan gelernte Sprachen gegenseitig?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Erstspracherwerb
2.1. Monolingualer Erstspracherwerb
2.1.1. Erstspracherwerb und die Entwicklung von Kompetenzen
2.1.2. Universalgrammatik
2.2. Bilingualer Erstspracherwerb
2.2.1. Das Drei-Phasen-Modell
2.2.2. Sprachdominanz
2.2.3. Formen der Zweisprachigkeit
2.2.4. Typen zweisprachiger Erziehung
3. Lingue in contatto: Spracheneinfluss und Sprachmischungen
3.1. Code-mixing bzw. language-mixing
3.1.1. Sprachmischungen und Interferenzen am Beispiel einer deutsch-französischen Fallstudie (Jonekeit)
3.1.2. Sprachmischungen und kindliches code-switching am Beispiel einer deutsch-italienischen Fallstudie (Cantone)
3.1.3. Transfer und Sprachveränderung
3.2. Code-switching
3.2.1. Warum switchen Menschen zwischen Sprachen?
3.2.2. Präferenzbezogenes code-switching
3.2.3. Nicht-funktionales code-switching
3.3. Spracherhalt und Sprachumstellung
4. Sprachenpolitik heute
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktische Manifestation von Bilingualismus, insbesondere im Kontext des Erstspracherwerbs bei Kindern sowie Phänomenen des Sprachkontakts. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Entwicklung zweisprachiger Kompetenzen, den Ursachen und Mechanismen von Sprachmischungen (Code-mixing/Code-switching) sowie den Faktoren, die den Spracherhalt oder die Sprachumstellung beeinflussen.
- Entwicklung des monolingualen versus bilingualen Erstspracherwerbs
- Analyse von Sprachmischung und Code-switching in Fallstudien
- Theorien zu Sprachdominanz und ihrer Dynamik
- Mechanismen des kontakt-induzierten Sprachwandels
- Gesellschaftspolitische Einflüsse auf die Zweisprachigkeit
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Sprachmischungen und Interferenzen am Beispiel einer deutsch-französischen Fallstudie (Jonekeit)
Zunächst eine Definition dieser Begriffe. Sprachmischungen bestehen darin, dass bilinguale Kinder Wörter, Sätze oder Satzteile der beiden Sprachen zusammenbauen. Diese sind meist direkt wahrnehmbar, da Elemente beider Sprachen wie Fremdkörper aufeinanderstoßen. Code-mixing ist in der Forschung negativ konditioniert, weshalb man heute öfter zum Terminus language-mixing zurückgreift, beide stehen jedoch für den Begriff der Sprachmischung.
Bei Interferenzen überlagern sich Regeln beider Sprachen wodurch es zu Umstrukturierungen kommt, welche sich nach außen in bestimmten Fehlern manifestieren, die jedoch nicht immer leicht zu erkennen sind. Die Sprachen wirken bei Interferenz indirekt aufeinander, es kommt zu internen Veränderungen.
Sylvie Janekeit beobachtete ihre deutsch-französisch aufwachsenden Söhne jeweils bis zum 5.Lebensjahr. Ihre Erziehungsmethode entsprach dem une personne, une langue-Prinzip. Sie beobachtete, dass Sprachmischungen vor allem im Wortschatz auftreten. Gleichzeitig ist die Neigung zu solchen Mischungen individuell sehr unterschiedlich. Der Erstgeborene Olivier versucht Sprachmischungen konsequent zu vermeiden. Er versucht Wörter, die er nur in einer Sprache kennt, in der anderen zu beschreiben und fragt erst nach Übersetzungshilfe, wenn es nicht anders geht. Olivier erzählt seinem deutschsprachigen Vater, dass er eine Biene gesehen hat, diese kennt er aber nur unter dem Namen abeille.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den Wandel der gesellschaftlichen Sichtweise auf Zweisprachigkeit von früherer Skepsis hin zu einer Normalisierung und stellt die grundlegenden Forschungsfragen zum Erstspracherwerb.
2. Der Erstspracherwerb: Dieses Kapitel vergleicht den monolingualen und bilingualen Spracherwerb und erläutert kognitive Theorien sowie Modelle zur kindlichen Sprachentwicklung.
3. Lingue in contatto: Spracheneinfluss und Sprachmischungen: Hier werden die Phänomene des Code-mixings und Code-switchings anhand von Fallstudien analysiert und die Mechanismen der Interferenz sowie des Sprachwandels detailliert beleuchtet.
4. Sprachenpolitik heute: Das Kapitel diskutiert die rechtlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber Mehrsprachigkeit in verschiedenen Ländern.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die Chancen und Herausforderungen der bilingualen Erziehung im heutigen soziopolitischen Kontext.
Schlüsselwörter
Bilingualismus, Erstspracherwerb, Sprachkontakt, Code-switching, Code-mixing, Sprachdominanz, Sprachumstellung, Spracherhalt, Universalgrammatik, Mehrsprachigkeit, Sprachmischung, Interferenz, Zweisprachige Erziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht wissenschaftlich, wie Kinder zwei Sprachen gleichzeitig erwerben und welche sprachlichen Phänomene, wie z.B. das Mischen von Sprachen, dabei auftreten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem bilingualen Erstspracherwerb, den Mechanismen des Sprachkontakts, der Sprachdominanz und der aktuellen Sprachenpolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Prozess der bilingualen Sprachentwicklung zu verstehen, zu klären, warum und wie Kinder zwischen Sprachen wechseln, und wie sich soziale und individuelle Faktoren auf die Sprachkompetenz auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung von Fallstudien (z.B. von Jonekeit und Cantone), die reale Sprachbeobachtungen an Kindern dokumentieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen des Erstspracherwerbs (monolingual vs. bilingual) und eine ausführliche Analyse von Sprachmischungs- und Code-switching-Mechanismen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bilingualismus, Code-switching, Sprachdominanz, Spracherhalt, Interferenz und der bilinguale Erstspracherwerb.
Wie unterscheidet sich "Code-mixing" von "Code-switching" laut der Arbeit?
Die Arbeit führt aus, dass der Begriff Code-mixing oft für das Zusammenbauen von Wortteilen oder Wörtern aus zwei Sprachen verwendet wird, während Code-switching stärker das bewusste Umschalten zwischen ganzen Sprachsystemen oder Sätzen beschreibt.
Welche Rolle spielt die Sprachdominanz bei bilingualen Kindern?
Sprachdominanz beschreibt das Ungleichgewicht zwischen den zwei Sprachen, wobei ein Kind eine Sprache meist besser beherrscht als die andere. Dies ist ein dynamischer Prozess, der sich durch Umgebungsfaktoren ein Leben lang verändern kann.
Was besagt die Defizittheorie in diesem Kontext?
Die Defizittheorie aus den 1980er Jahren führte Schulerfolge bei Einwandererkindern fälschlicherweise auf ihre Mehrsprachigkeit zurück, anstatt die komplexen sozialen und bildungspolitischen Hintergründe zu betrachten.
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- Lisa Husson (Author), 2011, Bilingualismus: Erstspracherwerb und Sprachkontakt, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188249