Religion scheint sich in einem Widerspruch zu befinden. Auf der einen Seite sind Stagnation
und ein Rückgang der Gläubigen innerhalb der Großkirchen zu beobachten und auf der anderen
Seite scheint sich Religion in andere Bereiche zu verlagern, die im ersten Augenschein gar
nichts mit ihr zu tun haben.
Der Religionssoziologe Thomas Luckmann stellte bereits 1967 unter dem Titel „The Invisible
Religion“ („Die unsichtbare Religion“) die These auf, dass Religion in modernen Gesellschaften
nicht an Funktion verliert, sondern ins Private abwandert, die Institutionalisierung von
Religion in Form von Kirchen an Bedeutung verliert und sich eine individuelle Religiosität
entwickelt.
Aber nicht nur individuelle Religiosität ist beobachtbar, sondern auch die massenhafte Verarbeitung
religiöser Themen innerhalb der populären Kultur. Religiöse Themen prägen nicht
nur die Inhalte der populären Kultur, sondern sind auch Vorlagen für die wahrnehmbare
Gestaltung kultureller Orte und Ereignisse. Schließlich ist beobachtbar, dass kulturelle Handlungsmuster,
wie Gesundheitsbestreben, Erlebnisorientierung, Markenkonsum etc. sich zu
einer Art subjektiv religiös-funktionalen Äquivalents („Ersatzreligion“) entwickeln.
Vor ungefähr einem Jahr wurde ich durch den Radiobeitrag Ulrich Sonnenscheins mit dem
Titel „Gott goes Pop - Ersatzreligionen der Gegenwart“ in der Sendereihe „Religion und Gesellschaft“
des Hessischen Rundfunks angeregt, mich mit dem Thema Religion und Populärkultur
nähern zu beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Begründung des Themas
1.2 Theoretische Annahmen
1.3 Gang der Arbeit
1.4 Methodisches Vorgehen
2 Begrifflichkeiten
2.1 Religion
2.2 Kultur und Populärkultur
2.3 Zusammenhang zwischen Kultur und Religion
3 Religiöse Tendenzen der Moderne
3.1 Situation der Kirche
3.2 Religiöser Ist-Zustand der Gesellschaft
3.3 Kulturwissenschaftlicher Erklärungsansatz zur Religion in der Moderne
3.4 Rückkehr oder Ende von Religion?
3.5 Haben die Kirchen überhaupt noch eine Chance?
4 Religiöse Phänomene in der Populärkultur
4.1 Forschungsstand und Vorüberlegungen
4.2 Religiöse Anspielungen und Zitate innerhalb populärkultureller Produkte
4.3 Objektive religiös-funktionale Äquivalente
4.4 Subjektiv religiös-funktionale Äquivalente
5 Religion in der populären Kultur – Ein Thema für den Unterricht?
5.1 Rahmenbedingungen von Religionsunterricht
5.2 Begründung von Religionsunterricht
5.3 Jugend und Kindheit heute
5.4 Medienkompetenz gleich Lebenskompetenz?
5.5 Praxiserfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten
5.6 Didaktische Konsequenzen
6 Zusammenfassung und Ausblick
6.1 Eine Chance für das Christentum?
6.2 Religionsdidaktisches Fazit
Zielsetzung & Themen
Die wissenschaftliche Hausarbeit analysiert die Präsenz religiöser Phänomene in der Populärkultur und untersucht deren Bedeutung für den Religionsunterricht in der Schule. Es wird der Frage nachgegangen, wie der Religionsunterricht auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die zunehmende Bedeutung populärkultureller Einflüsse auf die Religiosität von Kindern und Jugendlichen reagieren kann.
- Wandel der Religiosität in der modernen Gesellschaft
- Theoretische Grundlagen zum Verhältnis von Religion und Kultur
- Analyse religiöser Phänomene in populären Produkten (Film, Musik, Werbung)
- Funktionale Äquivalente zu traditioneller Religion (Ersatzreligionen)
- Pädagogische Ansätze für einen reflexiven Umgang im Religionsunterricht
Auszug aus dem Buch
4.2 Religiöse Anspielungen und Zitate innerhalb populärkultureller Produkte
Hierbei handelt es sich vorrangig um die Thematisierung von Religion in Form von religiösen Zitaten und Anspielungen, also der Verarbeitung von religiösen Stoffen als Thema populärkultureller Produkte. Der Religionswissenschaftler und Leiter des Instituts für Religionssoziologie und Gemeindeaufbau in Berlin, Wilhelm Gräb formuliert es so:
„Religion zeigt sich vielfältig mitten im Säkularen, insbesondere im Bereich der Medien. Dort begegneten christliche Traditionen in klassischer und auch in veränderter Gestalt. Es werden implizite und explizite Bezüge zu biblischen Traditionen hergestellt, Unterhaltungsprogramme der Massenmedien, die ‚unterhaltende Storys’ populärer Filme und Fernsehserien weisen nicht nur Ähnlichkeiten mit den großen religiösen Erzählungen auf, sie überlagern diese oder treten an ihre Stelle. Es ist davon auszugehen, dass massenmediale Unterhaltung heute Jugendliche zum Teil die sinnstiftende Funktion christlich-biblischer Erzählungen erfüllt. Es werden dabei aber immer auch traditionelle christliche Vorstellungen aufgenommen, zitiert und umgeformt.“
Dieser Bereich ist auch sehr breit erforscht. Vor allem für den Bereich Film und Musik gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Veröffentlichungen, die hier nur exemplarisch genannt werden können. Einen Überblick über die bisherigen Forschungen zur Thematik Film und Religion vor allem aus angloamerikanischer Perspektive hat Daria Pezzoli-Olgiati in einem Aufsatz im Jahr 2008 veröffentlicht. Sie stellt die Bedeutung des Films in der Debatte um die Visualität innerhalb der Religionswissenschaft dar. Nach Ansicht Pezzoli-Olgiati geht es vor allem um Medien, Ereignisse, Konzepte, Bedeutungen und Weltbilder, die im wörtlichen Sinne im Film sichtbar gemacht werden. Auch weist die Autorin darauf hin, dass der Zugang zum Visuellen, also zum Bild, zum Film, zum Tanz und zur Architektur noch in den Kinderschuhen steckt. Defizitär sind vor allem Methodik und theoretischen Ansätzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung begründet das Thema und stellt die zentralen Thesen auf, die in der Arbeit hinsichtlich der Präsenz von Religion in der Populärkultur untersucht werden.
2 Begrifflichkeiten: In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffe wie Religion, Kultur und Populärkultur definiert und deren gegenseitiger Zusammenhang erarbeitet.
3 Religiöse Tendenzen der Moderne: Hier werden die Krisenphänomene der institutionellen Kirche sowie der religiöse Wandel in der modernen Gesellschaft detailliert beschrieben.
4 Religiöse Phänomene in der Populärkultur: Dieses Kapitel analysiert verschiedene Formen religiöser Präsenz in populärkulturellen Erzeugnissen und führt das Konzept der funktionalen Äquivalente ein.
5 Religion in der populären Kultur – Ein Thema für den Unterricht?: Der Hauptteil diskutiert die didaktische Relevanz, Rahmenbedingungen und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, um das Thema im Religionsunterricht zu behandeln.
6 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Chancen, die sich durch die Thematisierung der Populärkultur für ein zeitgemäßes Christentum ergeben.
Schlüsselwörter
Religion, Populärkultur, Popkultur, Religionsunterricht, Didaktik, Religiöse Äquivalente, Ersatzreligion, Säkularisierung, Medienkompetenz, Modernisierung, Individuation, Sinnstiftung, Lebenswelt, Jugendliche, Christentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der wechselseitigen Beziehung zwischen Religion und Populärkultur aus kulturwissenschaftlicher und religionspädagogischer Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den religiösen Wandel in der Moderne, die Erscheinungsformen von Religion in den Medien und die didaktische Begründung für die Behandlung dieses Themas im Religionsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen pädagogischen Ansatz zum Umgang mit Religion innerhalb der Populärkultur zu erarbeiten und aufzuzeigen, wie dieser im Religionsunterricht vermittelt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine kulturanalyse- und religionspädagogische Perspektive, die soziologische, philosophische und theologische Gedanken einbezieht, um ein tieferes Verständnis kultureller Phänomene zu ermöglichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsfassung, die Analyse religiöser Tendenzen der Moderne, die Untersuchung religiöser Phänomene in der Populärkultur sowie die didaktische Reflexion der Unterrichtsgestaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Populärkultur, Religion, Ersatzreligionen, Religionsunterricht, Medienkompetenz und didaktische Korrelation.
Wie unterscheidet sich die "kluge" von der "neurotischen" Religion?
Nach Kunstmann zeichnet sich die "kluge" Religion durch Selbstkritik, Anti-Autoritarismus und Lebensbejahung aus, während die "neurotische" Form Fehlentwicklungen wie Fanatismus, Gewalt oder Dogmatismus aufweist.
Welche Rolle spielen "objektive" und "subjektive" religiös-funktionale Äquivalente?
Objektive Äquivalente beziehen sich auf beobachtbare religiöse Strukturen (z.B. Rituale im Sport), während subjektive Äquivalente das individuelle Erleben und die Sinnstiftung (z.B. Gesundheitsstreben) beschreiben.
Warum ist das Thema "Werbung" im Religionsunterricht problematisch?
Es kann auf Widerstand stoßen, wenn Schüler sich in ihrer Identität durch eine kritische Reflexion der Mechanismen der Werbeindustrie, die ihre Ängste und Wünsche instrumentalisiert, angegriffen fühlen.
Welche didaktische Schlussfolgerung zieht die Autorin?
Die Autorin plädiert dafür, Religion in der Populärkultur als Chance zu nutzen, um Jugendliche dort abzuholen, wo sie in ihren Medienwelten stehen, und fordert eine handlungsorientierte Didaktik, die religiöse Motive als Anlass für Kommunikation und Reflexion begreift.
- Arbeit zitieren
- M.A. Karin Aldinger (Autor:in), 2011, Populäre Kultur und Religion, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188090