Die Hinwendung Emile Durkheims (1858 – 1917) zur Religion wird oft als „kulturelle Wende“ (Alexander zit. n. Müller 2003, S. 162) in seinem Werk bezeichnet, als eine Entwicklung vom „strukturellen zum kulturellen Durkheim“ (Müller 2003, S. 170). Doch damit ist keinesfalls gemeint, dass Durkheim 1912 mit der Veröffentlichung seines Bu-ches „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ „plötzlich die Religion entdeckt und sie als allmächtigen Erklärungsfaktor etabliert hätte“ (Müller 2003, S. 170), vielmehr spielt sie in einigen seinen vorherigen Werken, wie im „Selbstmord“ , der schon 1897 erschien, oder „Über soziale Arbeitsteilung“ aus dem Jahr 1893, bereits eine große Rolle als wichtige Erklärungsgröße. Der Grund für die Hinwendung Durkheims zur Ergründung des Wesens der Religion war zum einen seine Begeisterung für bekannte Religionswissenschaftler seiner Zeit, wie Sir James G. Frazer oder William Robertson Smith. Zum anderen die Erarbeitung einer Grundlage für das später geplante genauere Studium der modernen Moral und Kultur. Doch auf Grund seines frühen Todes 1917 war ihm diese detaillierte Untersuchung des Moralkomplexes und die Entwicklung vom „moralischen Kollektivismus […] [hin zum] Individualismus“( Müller 2003, S. 163) nicht mehr möglich.
Dennoch versucht Durkheim in seiner Auseinandersetzung mit der primitiven Religion der australischen Stammesgesellgesellschaften noch einmal die Antwort auf die Frage zu finden, was die Gesellschaft zusammenhält. Seine Erkenntnisse über die mechanische und organische Solidarität als Bindeglieder der Gesellschaft aus dem Jahr 1893 scheinen ihm fast 20 Jahre später nicht mehr zu genügen. Was er auf Basis der Erkenntnisse seines Werkes „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ und den Gedankengängen aus einem früheren Aufsatz zum Thema Individualismus letztlich als das „lien social“ (Durk-heim zit. n. Koenig 2008, S. 7) – das soziale Band – das die Gesellschaft zusammenhält, identifiziert, und wie er es auf die Gesellschaft seiner Zeit überträgt, soll in dieser Arbeit offen gelegt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Gedanken
2. Allgemeine Begriffsklärung
3. Die durkheimsche religionssoziologische Studie
3.1 Der historische Kontext
3.2 Ausgangspunkte der Studie
3.3 Die Untersuchung des Totemismus australischer Volksstämme
3.4 Fazit der gewonnenen Erkenntnisse über Religion
4. Der Ursprung der Moral in der Religion
5. Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die soziologische Theorie von Émile Durkheim, insbesondere die Bedeutung des "lien social" (das soziale Band) in seinem Spätwerk. Dabei wird analysiert, wie Durkheim durch seine religionssoziologischen Studien zu der Erkenntnis gelangt, dass die Sakralisierung der Gesellschaft und später des Individuums die notwendige Basis für den Zusammenhalt moderner Gesellschaften bildet.
- Die soziologische Fundierung des Religionsbegriffs bei Durkheim.
- Die Analyse der totemistischen Studien australischer Volksstämme als Ursprung moralischer Ordnung.
- Die Transformation vom kollektiven Bewusstsein zum Individualismus als moralische Form der Moderne.
- Die Dreyfus-Affäre als Anlass für Durkheims Verständnis von Menschenrechten und Individualismus.
- Der aktuelle Bezug der Menschenwürde als brüchiges, aber notwendiges Bindeglied der modernen Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Untersuchung des Totemismus australischer Volksstämme
Die Untersuchung der Religion der australischen Volksstämme bildet das zentrale Moment der religionssoziologischen Studie Emile Durkheims. Die Untersuchungseinheit, die er dabei eingehender betrachtet, ist der Klan. Dieser setzt sich aus einer Gruppe von Menschen zusammen, die sich durch die Tradition einer gemeinsamen Abstammung von einem Totemtier, wie beispielsweise einer Eidechse, einer Ratte, einer Ameise usw., oder einer Totempflanze, wie einem Pflaumenbaum, als verbunden betrachtet. Die Weitergabe des jeweiligen Klantotems geschieht meistens durch die Mutter. Dabei besitzen fast alle von Durkheim untersuchten Stämme eine Darstellung des Totems in Form eines sakralen Steins oder Holzstückes. Auf diese Dinge bezieht sich die Vorstellung des Heiligen, denen die profanen Dinge gegenüberstehen. Dieses Heilige ist eine anonyme Kraft, die über dem Einzelnen steht und über Generationen hinweg von bestand ist. Diese diffuse Kraft ist der eigentliche Gegenstand der Verehrung - das Totem –.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Gedanken: Einführung in die Entwicklung von Durkheims Werk hin zur Religionssoziologie und die Fragestellung nach dem sozialen Band in der modernen Gesellschaft.
2. Allgemeine Begriffsklärung: Definition zentraler Begriffe wie Religionssoziologie, Religion und Moral im soziologischen Kontext, insbesondere unter Bezugnahme auf Émile Durkheim.
3. Die durkheimsche religionssoziologische Studie: Darstellung des theoretischen Hintergrunds und der zentralen Inhalte von Durkheims Spätwerk "Die elementaren Formen des religiösen Lebens".
3.1 Der historische Kontext: Einordnung von Durkheims Theorie als "Krisenwissenschaft", die eine Antwort auf die sozialen und moralischen Spaltungen Frankreichs nach 1789 sucht.
3.2 Ausgangspunkte der Studie: Erläuterung des methodischen Vorgehens, primitive Religionen zu analysieren, um universale Kriterien religiöser Phänomene freizulegen.
3.3 Die Untersuchung des Totemismus australischer Volksstämme: Analyse der Klan-Strukturen und der totemistischen Verehrung als symbolische Repräsentation der Macht der Gesellschaft über das Individuum.
3.4 Fazit der gewonnenen Erkenntnisse über Religion: Zusammenfassung der Religion als "Keimzelle des Denkens" und als Basis für die Unterscheidung zwischen heilig und profan.
4. Der Ursprung der Moral in der Religion: Verbindung von Durkheims Individualismus-Konzept mit seiner Religionstheorie, unter Rückgriff auf die Dreyfus-Affäre.
5. Abschließende Gedanken: Kritische Reflexion der Aktualität von Durkheims Theorie anhand des modernen Glaubens an die Menschenwürde.
Schlüsselwörter
Émile Durkheim, Soziologie, Religionssoziologie, lien social, soziale Solidarität, Totemismus, Individualismus, Moral, Sakralität, Profan, Menschenwürde, Gesellschaft, Kollektives Bewusstsein, Kultursoziologie, Dreyfus-Affäre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Theorie von Émile Durkheim, insbesondere die Frage, wie eine Gesellschaft trotz innerer Krisen zusammengehalten wird (das "lien social").
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Religionssoziologie, die Funktion von Ritualen, die Entstehung von Moral durch kollektive Symbole und die Bedeutung des Individualismus als säkulare Form der Religion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Durkheim von der Analyse primitiver totemistischer Religionen auf die moralische Grundlage der modernen Gesellschaft schließt, in der die Menschenwürde die Rolle eines sakralen Objekts übernimmt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse von Durkheims Hauptwerken sowie einer ergänzenden Einordnung durch zeitgenössische Soziologen wie Hans Joas.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Herleitung der Durkheimschen Religionstheorie, die detaillierte Analyse australischer Totem-Kulte und die Übertragung dieser Erkenntnisse auf den moralischen Individualismus der Moderne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Sozialität, Sakralisierung, Solidarität, Individualismus und Menschenwürde charakterisiert.
Inwieweit spielt die Dreyfus-Affäre eine Rolle in der Argumentation?
Die Dreyfus-Affäre dient als historischer Anlass für Durkheims Schrift "Der Individualismus und die Intellektuellen" und verdeutlicht seinen Übergang zu einem Moralbegriff, der die Person als unantastbares sakrales Objekt definiert.
Welche Funktion haben die untersuchten Totems für das soziale Zusammenleben?
Die Totems dienen als Symbole für die kollektive Macht des Klans; sie machen das soziale Band für das Individuum sichtbar und erfahrbar, was zur Reproduktion von Werten in rituellen Versammlungen führt.
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- Bachelor of Arts Julia Erdmann (Author), 2011, Das „lien social“ im durkheimschen Spätwerk, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188049